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Phantombilder helfen bei der Suche nach Straftätern. In Gesprächen mit Opfern und Zeugen müssen drei Spezialisten des Landeskriminalamtes vor allem Vertrauen aufbauen können.

Dortmund

, 31.08.2018 / Lesedauer: 6 min

Jeden vierten Fall, bei dem die Polizei auch mit einem Phantombild nach dem Täter sucht, lösen die Ermittler in Nordrhein-Westfalen über das an einem Laptop produzierte Bild. Drei von rund 40.000 Polizisten in Nordrhein-Westfalen sind im Landeskriminalamt in Düsseldorf darauf spezialisiert, das Aussehen eines Täters - oder einer Täterin - im Gespräch mit Zeugen und Opfern zu visualisieren. Sie setzen die Software „Photoshop“ ein. Das Programm zu beherrschen ist reines Handwerk. Die Phantombild-Ersteller müssen behutsam fragen und Antworten präzise umsetzen können.

„Es kann sein, dass ein Phantombild schon nach 15 Minuten fertig ist. Und es kann sein, dass wir ein Gespräch nach drei Stunden abbrechen müssen, weil unser Zeuge die Situation nicht mehr aushalten kann“, sagt ein 59-jähriger Kriminalhauptkommissar aus dem Rheinland. Seinen Namen nennen wir aus Sicherheitsgründen nicht. Er und seine beiden Kollegen erstellen pro Jahr etwa 400 Phantombilder.

Die kleine Dienststelle für „visuelle Fahndungshilfe“ an der Völklinger Straße in Düsseldorf ist wie alle LKA-Abteilungen ein Dienstleister für die Polizei in NRW. Bevor die Phantombild-Ersteller in ein Polizeipräsidium fahren, um Zeugen zu treffen, arbeiten sie die Kriminalakte durch. „Dann können wir mitreden“, sagt der 59-Jährige. Für die Detailarbeit am Computer sei das nicht wichtig, „aber für die Arbeit mit Zeugen und Opfer.“ Für eine Phantombild-Produktion arbeiten die LKA-Beamten in drei Phasen:

  • Aufwärmphase: Vertrauen schaffen, mit authentischem Auftreten die Atmosphäre auflockern und Druck abbauen. Zeugen und Opfer sollen nicht unter dem Zwang stehen, das perfekte Ergebnis abgeben zu müssen.
  • Inspirationsphase: Die LKA-Spezialisten erklären die Arbeitsweise, leiten langsam in das Tatgeschehen über und rufen im Gehirn bewusst und unbewusst abgespeicherte Bilder auf die „geistige Netzhaut“.
  • Experimentierphase: Aus einer Datenbank mit 4000 Gesichtern entsteht nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ am Laptop ein Bild, das dem Täter immer näher kommt. Die Computermaus leistet dafür Millimeterarbeit.

„In Fernsehkrimis ist ein Phantombild innerhalb von zehn Minuten fertig. In der Realität sind es 60 bis 90 Minuten“, berichtet der Phantombild-Ersteller. In vielen Fällen glaubten Zeugen und Opfer, vor der sehr schwierigen Aufgabe zu stehen, ein perfektes Abbild des Täters abgeben zu müssen. „Wir wollen aber kein Passfoto, sondern eine charakteristische Typisierung des Täters“, erklärt der Kriminalbeamte. Phantombilder müssen also nicht zwingend „echt“ aussehen.

Ob das Bild nah dran ist am Original, „liegt immer im Auge des Betrachters“, sagt der Kriminalbeamte, der Phantombilder schon seit 20 Jahren erstellt. Sogar Profis können bei der Bewertung auseinander liegen, wenn sie das Phantombild und das Original vergleichen. Das zeigte sich auch nach drei Vergewaltigungen innerhalb von fünf Tagen in Dortmund. Eine Kriminalbeamtin sagte, dass ein am 16. August 2018 veröffentlichtes Phantombild einem echten Foto des Täters nicht besonders ähnele. Ein Sprecher der Dortmunder Staatsanwalt sah das anders.

Angriff aus dem Hinterhalt

Bei schweren Delikten wie Sexualstraftaten oder Raubüberfällen arbeiten die Angreifer mit einem Überraschungseffekt aus dem Hinterhalt. In dieser Schrecksekunden-Phase haben die Opfer kaum eine Chance, wichtige Details wahrzunehmen und abzuspeichern.

Der im Strafrecht auf die Nebenklage spezialisierte Dortmunder Rechtsanwalt Rolf Quittmann erklärt diesen Effekt so: „Von einem Sexualstraftäter angegriffene Frauen befinden sich in einer Ausnahmesituation. Sie überlegen nicht, worauf jetzt am besten zu achten ist. Priorität hat die Frage: Wie komme ich da wieder raus?“ Die ausgelöste Angst („Was tut der mir noch alles an?“) beeinträchtige die bewusste Wahrnehmung während der Tat.

Mord, Sexualverbrechen, Betrug: So entstehen Phantombilder

Der Dortmunder Rechtsanwalt Rolf Quittmann vertritt häufig Opfer von Sexualstraftaten vor Gericht in der Nebenklage. © Peter Bandermann

Rolf Quittmann vertritt häufig die Interessen und Rechte von vergewaltigten Frauen, die als Nebenklägerinnen auftreten. Er weiß zu berichten, dass Frauen trotz schlimmer Gewalterfahrungen während einer Sexualstraftat besondere Merkmale wiedergeben können. Typisch sei auch die enorm große Angst davor, als unglaubwürdig abgestempelt und nicht ernst genommen zu werden. Auch die Angst und die Scham, vor Gericht noch einmal die Tat durchgehen und in der Nähe des Angeklagten sitzen zu müssen, sei groß. Dazu komme die Angst vor Rache.

Kriminalhauptkommissar Joachim Splittgerber von der Dortmunder Polizei spricht vom „Opferloch“, in das Männer wie Frauen nach einer Straftat fallen können. Egal, wie schwerwiegend die Tat ist: Sie kann auch selbstbewusste Persönlichkeiten aus der Bahn werfen. Und doch speichert das Gehirn selbst in Ausnahmesituationen wichtige Details ab. Rechtsanwalt Rolf Quittmann erlebt immer wieder Frauen, denen bei einer Sexualstraftat massive Gewalt angetan worden ist - „und doch können sie sich an wichtige Details erinnern, weil sie sich darauf fokussiert haben.“ Vor Gericht sei das sehr wichtig.

Informationen im Unterbewusstsein

Eine seiner wichtigsten Aufgaben beschreibt der Phantombild-Ersteller aus dem Landeskriminalamt so: „Assoziationen zu den im Unterbewusstsein abgelegten Informationen herstellen.“ Durch bloßes Fragen komme man nicht an die Antworten heran. Die Suche nach den Details für eine Täterbeschreibung sei wie eine Fahrt durch eine Stadt, die man zuletzt vor 30 Jahren gesehen habe und in der man sich nicht mehr gut orientieren könne. Mit jedem Kilometer aber kämen immer mehr Details hervor, mit denen ein Ereignis und eine Erinnerung verknüpft werde. Das sind die Bilder, die ein Phantomfoto entstehen lasssen.

Datenbank mit 4000 Gesichtsmustern

Zu Beginn der Inspirationsphase fragt der Phantombild-Ersteller nach Geschlecht, Alter und Ethnie des Täters oder der Täterin. In einer Bild-Datenbank liegen 4000 Gesichtsmuster aller Altersklassen. Die Auswahl sollte so gering wie möglich ausfallen, um Zeugen nicht zu beeinflussen. Bevor Zeuge oder Zeugin ein Gesicht endgültig auswählen, vergehen 30 bis 60 Minuten.

Dann folgen die Details. Haar- und Bartwuchs, Position der Augen, die Nase, das Kinn, Wangen und Ohren - Satz für Satz und Mausklick für Mausklick kommen Zeugen und Phantombild-Ersteller dem Endergebnis immer näher. Dabei können sie Gesichtsmerkmale aus verschiedenen Vorlagen kombinieren und verfeinern: Photoshop kann radieren, ausschneiden und einfügen. Mit der Maus werden kleinste Details verändert.

Der Kriminalhauptkommissar: „Am besten sind dafür die Aussagen, die aus dem Bauch heraus kommen.“ So verändert der LKA-Beamte die Proportionen im Gesicht, er kann Narben, Tränensäcke, Akne und andere Merkmale einfügen.

Mord, Sexualverbrechen, Betrug: So entstehen Phantombilder

Das Landeskriminalamt in Düssledorf ist Dienstleister für die Polizeipräsidien in NRW. © Peter Bandermann


Pausen schützen vor einer „visuellen Überfrachtung“. Die Arbeit kann anstrengend und belastend sein, weil Opfer von Straftaten oder Zeugen eine Tat erneut „erleben“. Vieles lasse sich nicht mit Worten beschreiben. „Deshalb arbeiten wir mit Bildern.“ Diese Bilder und die Aussagen über Alter oder die Ethnie hinterfragen die Phantombild-Ersteller nicht.

Der LKA-Beamte: „Wir müssen dabei sehr gut aufpassen und dürfen nicht manipulieren, um das Bild nicht in eine falsche Richtung zu drehen.“ Das Gespräch führen ausschließlich der Phantombild-Ersteller des Landeskriminalamtes und Opfer oder Zeuge. Auf Wunsch dürfen Familienangehörige oder die beste Freundin dabei sein, um Halt zu geben - aber sie sollen nichts sagen.

Den Täter wieder vor Augen

Nicht nur die Arbeit an einem Phantombild sei für Opfer von Sexualstraftaten sehr belastend, sondern auch das Ergebnis. Denn am Ende haben die Frauen den Täter wieder so vor Augen, wie sie ihn während der Tat gesehen und in Erinnerung behalten haben. Diese Belastung am Ende des Gesprächs sei ein wichtiges Zeichen: Denn mit genau diesem Gesichts-Typ auf dem Phantombild verbindet die Frau den Täter. Am Ende stellt der Kriminalhauptkommissar den Zeugen eine entscheidende Frage: „Stellen Sie sich vor, Sie wären der Täter und würden in einem Café sitzen, während das Bild für jedermann sichtbar veröffentlicht wird: Wie würden Sie sich verhalten?“

Nicht immer beenden Zeugen oder Opfer die Phantombild-Produktion zufrieden. Der 59-jährige Kriminalhauptkommissar erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Zeuge nach Fertigstellung des Phantombildes überhaupt nicht sicher war. Die Polizei konnte die gesuchte Person dennoch festnehmen - das Phantombild war, anders als vom Zeugen angenommen, ganz nah an der Realität.

Phantombild erhöht den Fahndungsdruck

Phantombilder erscheinen in Zeitungen, im Internet und in Fernsehsendungen. Nach spektakulären Kriminalfällen verbreiten sie sich rasend schnell. Der Fahndungsdruck steigt. Täter können dann Fehler begehen oder die Flucht antreten und dabei auffallen - oder sich selbst stellen. Der LKA-Beamte: „Wir haben schon ein Phantombild erstellt, mit dem Polizeibeamte den Täter nicht hätten erkennen können. Aber der Täter hat sich erkannt und dann selbst gestellt.“

Wirkung von Phantombildern
  • Mit Phantombildern arbeitet die Polizei bei Straftaten von erheblicher Bedeutung. Phantombilder sollen sich nicht abnutzen, weil sie in der Menge nicht mehr wahrgenommen werden.
  • Häufiger werden von Überwachungskameras aufgenommene Fotos zu Fahndungszwecken veröffentlicht. Sie zeigen meistens Betrüger, die an Geldautomaten mit gestohlenen EC-Karten Bargeld abheben.
  • Das LKA in NRW nutzt schon seit vielen Jahren keine Zeichnungen mehr. Die Arbeit am Computer ist effektiver. Egal, ob Zeichnung oder PC-Ergebnis: Phantombilder sind bei Fahndungen hilfreich, weil sie Aufmerksamkeit erzeugen und dem Täter ein Gesicht geben.
  • Bevor die Polizei ein Bild eines Tatverdächtigen veröffentlicht, muss ein Richter des Amtsgerichts das Bild freigeben. Das geht nur, wenn alle anderen Ermittlungsmethoden ausgeschöpft worden sind. Denn die Veröffentlichung eines Abbilds einer gesuchten Person ist ein Eingriff in das Recht am eigenen Bild.
  • Für Zielfahnder erstellt das LKA auch Phantombilder, die über Jahre entstandene Typveränderungen darstellen sollen. Mit diesen Bildvarianten sollen die Zielfahnder jene Täter aufspüren können, die schon seit 10, 20 oder 30 Jahren gesucht werden.
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