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Hooligans üben massiv Druck auf BVB-Ultras aus. Beim Heimspiel gegen Bayern tauchte im Block 13 ein Neonazi auf, der 2005 einen Mann mit einem Messerstich ins Herz getötet hat.

Dortmund

, 16.11.2018 / Lesedauer: 5 min

Sie tun alles, um nicht als gefestigte Kameradschaft mit organisierten Strukturen zu erscheinen, um einem Verbot entgegenzuwirken. Und doch hinterlassen die Northside-Hooligans mit einer haarscharf am Strafgesetzbuch vorbeiführenden Strategie aus subtiler Bedrohung und Einschüchterung tiefe Spuren: Seit dem Frühjahr 2018 nehmen die Kampfsportler mit Erfolg Einfluss auf Mitglieder der Ultragruppe „The Unity“.

Aktuell unter den Northside-Hooligans: der im November 2005 nach einem Messerstich ins Herz eines Punkers wegen Totschlags zu sieben Jahren Haft verurteilte Dortmunder Neonazi Sven Kahlin.

Einst Mitglied der verbotenen Skinhead Dorstfeld

Er war Mitglied der inzwischen verbotenen und aufgelösten früheren Skinheadfront Dorstfeld und ist nach dem Tötungsdelikt in der U-Bahn wegen weiterer Gewalttaten zu Haftstrafen verurteilt worden. Lange war Kahlin in Dortmund nicht sichtbar. Jetzt ist er wieder da. Sven Kahlin hat inzwischen einen neuen Nachnamen. Er ist jetzt verheiratet.

Ebenfalls in Northside-Reihen zu sehen: Timo K. aus Lünen. Nach dem Verbot des „Nationalen Widerstands Dortmund“ (NWDO) hatte er 2012 auf der Südtribüne ein Solidaritätsbanner für die rechtsextreme NWDO-Vereinigung hochgehalten und ein fünfjähriges Stadionverbot erhalten. Die Neonazi-Partei „Die Rechte“ nutzt das Verbot immer wieder für Propaganda.

Northside-Hooligans bringen BVB-Ultras durch Bedrohung und Erniedrigung zum Schweigen

2005 tötete Sven Kahlin in der U-Bahn-Station Kampstraße in Dortmund einen jungen Mann mit einem Messerstich ins Herz. Das Bild zeigt den Neonazi im Juni 2013 nach einer weiteren schweren Gewalttat als Angeklagten im Landgericht. © Peter Bandermann

Ein Northside-Foto für Instagram

Vor dem BVB-Spiel gegen Bayern am Samstagabend (10.11.2018) im Dortmunder Stadion saßen Northside-Mitglieder in der Pizzeria L’Osteria am Friedensplatz an einem großen Tisch und posierten für ein Foto, das beim Messenger-Dienst Instagram hochgeladen wurde und unserer Redaktion vorliegt. Weiße Totenköpfe verdecken die Gesichter. Stunden später tauchten Northsider beim Spiel auf.

Ebenfalls im Block 13: Sven Kahlin und Timo K. aus Lünen. Auf einem Foto ist Kahlin im unteren Bereich des Blocks 13 deutlich zu erkennen. Ultras „mussten“ ihm die Hand geben. Ein für Umstehende sichtbares Zeichen einer erzwungenen Akzeptanz. Wer den Handschlag verweigert, outet sich als Gegner - und muss mit Repressionen rechnen.

Polizeibeamter erkannte Neonazis

Wie Timo K. und Sven Kahlin für diese symbolträchtige Machtdemonstration auf die Südtribüne gelangen konnten und woher sie die begehrten Eintrittskarten bekommen haben, ist nicht bekannt. Es kann sich um nicht genutzte und ausgeliehene Dauerkarten oder umgeschriebene Dauerkarten handeln. Ein Northside-Mitglied ist Ordner bei Borussia Dortmund. Dass Hooligans die Ordner an strategisch wichtigen Punkten im Stadion einschüchtern, ist kein Geheimnis.

Für Anspannung sorgte das Auftreten beider Personen nicht nur auf der Südtribüne. Ein Polizeibeamter, privat im Stadion unterwegs, erkannte beide Neonazis und informierte sofort den Staatsschutz. Borussia Dortmund erfuhr ebenfalls sehr schnell von den „Gästen“ auf der Südtribüne und kontaktierte später die Polizei. Sie befürchtet, dass Neonazis die Südtribüne als ihr Revier markieren wollen.

Wichtiges Symbol auf der Südtribüne

Im auch symbolisch wichtigen Raumkampf um den Ultra-Mikrokosmos auf der Südtribüne haben die Northside-Hooligans nach unseren Informationen schon vor Monaten erste Fortschritte erzielt. Die große Mehrheit der Fans im Stadion bekommt davon nichts mit, denn Northside arbeitet unauffällig und im Verborgenen. Ein wichtiges Datum ist dabei der 24. März 2018: Nach dem Spiel der BVB-Amateure in der Regionalliga gegen Rot-Weiß Oberhausen statteten 25 bis 30 Northsider jungen Unity-Mitgliedern in deren Halle an der Güntherstraße in der östlichen Innenstadt einen „Besuch“ ab.

Es ging nicht um die Gründung einer neuen Fan-Freundschaft. Die zahlenmäßig überlegenen Unity-Ultras, etwa 50 waren da, mussten unter Zwang zu Boden gehen und gut zuhören. Widerspruch, eine Diskussion oder das Verlassen des Raums waren nicht vorgesehen. Ein Northside-Aktivist verkündete neue Regeln und Verhaltensweisen und leitete damit die „Entpolitisierung“ der Südtribüne ein.

Eine wirksame Machtdemonstration

Mit anderen Worten: keine Aktionen mehr gegen Rechtsextremismus oder Rassismus. Keine linke Politik mehr. Denn auch aus The Unity heraus wurde in den vergangenen Jahren antifaschistische Arbeit betrieben. Wer offen rechtsextreme Positionen vertrat, musste gehen.

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Die bedrohlich wirkende Ansage der in Kampfsporttechniken ausgebildeten Hooligans mit Verbindungen zur Dortmunder Neonazi-Szene zeigt bis heute Erfolg: Der gerade den Ultra-Gruppen zuzuschreibende Selbstreinigungs-Prozess gegen rechtsextreme Umtriebe auf der Südtribüne wurde innerhalb weniger Minuten mit einer einschüchternden Machtdemonstration zunichte gemacht. Tatsächlich ist es auf der Südtribüne still geworden, wenn es um Antifaschismus geht. Das Gewaltpotenzial der Hooligans ist groß - und das Schweigen ist sicherer.

Einstimmiger Beschluss

Sind Hooligans tatsächlich in der Lage, die Südtribüne oder andere Fan-Bereiche zum Schweigen zu bringen, wenn es um Politik gegen Rechtsextremismus geht? Auf den für die Northside-Hooligans wichtigen Mikrokosmos der Ultra-Gruppen in den Blöcken der Südtribüne mag das an Spieltagen zutreffen. Aber viele Fanclubs und die größte Organisation aller Fanclubs, Borussia Dortmunds Fanabteilung, lassen sich das Heft nicht aus der Hand nehmen.

Bei einer Mitgliederversammlung am Montag (12.11.2018) wurde nach vor allem in sozialen Netzwerken aufgebautem Druck einstimmig demokratisch beschlossen, rechtsextremen Strategien nicht auszuweichen - und schon gar nicht zu schweigen, wenn Borussias Werte bedroht sind.

17.000 BVB-Mitglieder

Der Beschluss wurde unabhängig von den Ereignissen im März in der Güntherstraße und auf der Südtribüne gefasst, berichtet Torsten Schild vom Vorstand der Fanabteilung. Die Fanabteilung repräsentiert 17.000 Vereinsmitglieder. Der BVB selbst, die Fanabteilung und die Fanclubs haben sich in den vergangenen Jahren mehrfach klar gegen den Rechtsextremismus positioniert und Aufklärungs-Angebote aufgebaut. Nazis erhielten Stadionverbote.

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Unter ihnen auch Michael Sascha Brück von der Partei „Die Rechte“. Personen aus seinem Umfeld haben feste Kontakte zu Northside - und es gibt Northside-Kontakte in eine international agierende Kampfsport-Szene, die faschistischen Ideologien nicht widerspricht.

Ein symbolträchtiger Ort

Bisher ist niemand in aller Konsequenz gegen die Northside-Hooligans vorgegangen, obwohl unter ihnen auch Mitglieder der inzwischen aufgelösten Hooligans „Riot0231“ mitmischen. „Die Riots sind einem Verbot zuvorgekommen“, berichtet die Polizei, „aber deren Ideologie und handelnde Personen sind nicht weg. Sie suchen weiter ihre Wege in eine wie auch immer ausgerichtete Fan- und Ultraszene.“

Northside-Mitglieder waren in den vergangenen Jahren bei Auswärtsspielen auf Gewalttaten aus. Im Stadion achten sie penibel darauf, keine Straftaten zu begehen und dabei erkannt zu werden oder nachweisbar gegen die Hausordnung zu verstoßen. So wollen sie Stadionverbote verhindern und die Südtribüne für eigene Inszenierungen nutzen. Ein geschickter und gefährlicher Raumkampf an einer wichtigen Front: dem Block 13 und seinem direkten Umfeld. Kein anderer Ort im Dortmunder Stadion hat in der Szene diese Bedeutung.

Keine Anzeige bei der Polizei

Nach der „Ansage“ im Unity-Clubheim im März 2018 hätten Strafanzeigen helfen können, die Northside-Hooligans wieder zurückzudrängen. Ermittlungen der Polizei wegen einer Bedrohung hätten zu Anklagen führen können, denn die Gesichter und die Namen der Täter aus diesem Milieu sind bekannt. In einem Punkt stimmt die Wertewelt der Gruppen überein: Mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft spricht man nicht. Bereits Ermittlungen - und nicht einmal Urteile - hätten es Borussia Dortmund einfacher machen können, Stadionverbote auszusprechen - diese wären wichtig gewesen, um auf der Südtribüne früh den Aufbau eines von Angst und Einschüchterung geprägten Klimas zu verhindern.

Der Besuch im Unity-Clubheim in der Güntherstraße zeigt aber auch: Bedrohungsszenarien wirken vor allem im Privatleben unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Junge Unity-Fans erfahren gerade ein parallel aufgebautes Sanktionssystem mit Regeln außerhalb von Hausordnungen oder Gesetzen.

Die Polizei erkennt in dem Vorgehen im März und aktuell auf der Südtribüne eine „Wellenbewegung“. Hooligans hätten Lücken erkannt und seien dorthin vorgestoßen, nachdem sie über Jahre verteilt zurückgedrängt worden sind.

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