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Radfahrer und Fußgänger brauchen mehr Rechte auf Dortmunds Straßen

rnKlare Kante

Die Schwachen gegen die Starken, egoistische Falschparker gegen Radfahrer und Fußgänger: Auf Dortmunds Straßen gibt es einen Konflikt. Unser Autor meint: Es ist Zeit für radikale Lösungen.

Dortmund

, 11.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Selten hat eine Überschrift über einem meiner Artikel so viele heftige Reaktionen hervorgerufen wie diese: „Dortmund ist eine Stadt der Petzen“. Der Artikel beschreibt das Phänomen, das immer mehr Bürger Parkvergehen auf Geh- und Radwegen beim Ordnungsamt anzeigen.

Über die Interpretation des Begriffs Petze darf man streiten. Doch gerade der emotionale Ton der Reaktionen ist es, der mich sagen lässt: Ziel erreicht. Es ist längst Zeit über das Verhältnis der Verkehrsteilnehmer auf Dortmunds Straßen untereinander zu reden. Denn damit stimmt etwas nicht.

Diejenigen, die Regeln brechen, sind die Ursache des Problems

Die Schuld daran tragen nicht diejenigen, die ein Vergehen gegen eine gesellschaftlich akzeptierte Regel anzeigen. Sondern diejenigen, die die Regel brechen. Es gibt kein Recht auf Falschparken. Diskussion zu Ende? Leider nicht.

Die Straßen sind für alle da. Doch das ist nicht die Realität. Ich selbst bin in unterschiedlichen Rollen Teilnehmer des Straßenverkehrs. Am häufigsten als Radfahrer und Fußgänger. Regelmäßig nutze ich den Öffentlichen Nahverkehr.

Wir alle nutzen die Straße in unterschiedlichen Rollen

Ich kenne aus der Zweirad-Perspektive auch den Zwangs-Slalom, um Wildparkern auszuweichen und lande dabei doch in Schlaglöchern, die ich aus Sicherheitsgründen eigentlich umfahren wollte. Als Radfahrer muss ich aus Selbstschutz eine gewisse Rücksichtslosigkeit der Autofahrer einkalkulieren und bestenfalls vorhersehen.

Regelmäßig bin ich aber auch Autofahrer in einem dicht besiedelten Innenstadt-Viertel. Ich kenne Parkdruck und Elterntaxi-Kurzstrecken aus Zeitnot oder Faulheit. Ich habe schon Knöllchen kassiert und Verkehrsregeln gebrochen. Ich könnte bei der Parkplatzsuche manchmal platzen.

Doch für mich ist Respekt gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern selbstverständlich. Ich stelle keine Radwege zu, Behindertenparkplätze sind tabu, ich versuche, auf Rettungswege zu achten. Ich fahre gut damit. Streitfrei.

Die große Mehrheit macht das genauso. Doch es gibt - das zeigt die Debatte über Petzen und Egoisten - eben auch eine hohe Zahl Autofahrer, die mit großer Ignoranz gegenüber anderen unterwegs sind.

Die Unfallzahlen zeigen: Die Schwächeren sind zunehmend in Gefahr

Die schwächeren Verkehrsteilnehmer fühlen sich gefährdet. Die aktuell bedenklich steigenden Unfallzahlen zeigen, dass das mehr als ein Gefühl ist.

Deshalb wissen sich viele nicht mehr anders zu helfen, als selbst zur Ordnungskraft zu werden. Sie beklagen dabei häufig das Versagen der eigentlich Verantwortlichen, das Versagen des Ordnungsamts.

Dieses ahndete zuletzt rund 6000 Parkverstöße weniger als noch vor fünf Jahren. Daraus lässt sich folgern, dass die Mitarbeiter der Verkehrsüberwachung seltener präsent sind als früher. Gleichzeitig wächst die Zahl der Fremdanzeigen, die auch vom Ordnungsamt bearbeitet werden.

Bräuchte die Stadt Dortmund einfach Hunderte neue Verkehrsüberwacher, die Parkverstöße ausnahmslos und rigoros ahnden? Das würde helfen, aber das Problem nicht verschwinden lassen. Es bleiben immer noch zu viele Autos für zu wenig Platz.

Verändert die Struktur der Städte!

Nötig ist ein struktureller Ansatz. Er muss radikal sein. Er muss das Primat des Autoverkehrs überwinden. Wer sich umblickt in Deutschland und im europäischen Ausland, der sieht, dass sich Stadtverkehr auch anders denken lässt als vom Auto aus. Wir würden dann nicht mehr so viel über Anzeigen unter Bürgern und steigende Unfallzahlen oder über Abgase reden.

Das Ideal: Radwege werden so angelegt, dass sie nicht zu übersehen sind und gar nicht erst zugeparkt werden können. Gehwege wären keine Nadelöhre mit Stolperfallen, sondern barriere- und autofrei.

Innenstädte sähen so aus wie in den Niederlanden oder Dänemark, wo Autos zwar nicht verbannt, aber eben keine Belastung sind. Sie würden von großen Hauptstraßen in Parkhäuser oder -zonen geleitet.

Nicht verbieten, sondern anbieten

Das alles funktioniert nicht mit Verboten. Es darf keinen Öko-Diktator geben, der alle Autos einsammelt. Aber einfach weiter zuzusehen, wie Zahl und Größe der Autos wachsen und nichts an den Strukturen zu verändern, führt nur zu Streit. Es muss stattdessen attraktiv werden, das Auto öfter stehen zu lassen.

Die Arbeitswelt von heute erfordert Mobilität. Es gibt viele Menschen, die nicht auf den Pkw verzichten können. Sie brauchen Angebote wie Car-Sharing, mehr Park&Ride-Plätze, flächendeckende Fahrradausleih-Systeme. Sie brauchen einen gut ausgebauten Öffentlichen Nahverkehr.

Eine Stadt, die nicht möchte, dass sich ihre Bürger untereinander streiten, muss solchen Fragen höchste Priorität geben.

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