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Regisseur Adolf Winkelmann erzählt im Interview von seinen Dreharbeiten unter Tage

rnAbschied vom Bergbau

Adolf Winkelmann hat mit „Junges Licht“ und „Jede Menge Kohle“ Filme geschaffen, die Bergbaugeschichte erzählen. Im Interview erzählt er, wie ihn der Bergbau persönlich geprägt hat.

Dortmund

, 30.11.2018 / Lesedauer: 5 min

Adolf Winkelmann gilt als der Filmemacher des Ruhrgebiets. Und natürlich hat er sich auch mit dem Thema Bergbau beschäftigt. Die Komödie „Jede Menge Kohle“ von 1981 ist inzwischen ein Kultfilm, mit „Junges Licht“ schuf Winkelmann 2016 eine einfühlsame Romanverfilmung über die Erlebnisse eines Bergarbeitersohnes in der Nachkriegszeit. Oliver Volmerich sprach mit Adolf Winkelmann darüber, was ihn mit dem Bergbau verbindet.

Wir versetzen uns mal ins Jahr 1981 zurück. Bei „Jede Menge Kohle“ sah es mit Halden und rauchenden Schloten noch richtig dreckig aus. Was hat Sie am Bergbau-Thema gereizt?

Als Bildermensch findet man es erst mal faszinierend, etwas über Bergbau zu erzählen, weil das ja verbotene Bilder sind. Nur die Bergleute haben gewusst, wie es da unten aussieht. Das reizt einen natürlich: Das Unsichtbare sichtbar zu machen. Wenn man dann anfängt, sich damit inhaltlich zu beschäftigen, dann wird Bergbau gleich zu einer riesigen Metapher für das Leben. Da ist ja alles drin. Da geht es um oben und unten, um hell und dunkel.

Wie schwierig war es denn, unter Tage zu drehen?

Sehr schwierig. Es sind ja keine elektrischen Geräte erlaubt. Damit war das eigentliche unmöglich. Die RAG hatte für uns aber so ein paar kleine Funzellampen, die wirklich wenig Licht gemacht haben. Die Akkus waren dann in so Gasflaschen. Das musste ja alles explosionssicher sein.
Die elektrische Kamera durfte natürlich auf keinen Fall runter. Wir haben den Film in Cinemascope gedreht, also mit richtig professioneller Kinotechnik. Da sind wir dann nach London gefahren zu Samuelson. Das war der weltgrößte Verleiher für Filmausrüstung. Als wir da erzählten, wir wollen unter Tage drehen, kriegte der leuchtende Augen und sagte, da hab ich was für Euch. Er kam dann mit so einer schuhkartongroßen Blechkiste an – mit einer Kurbel. Das war eine 35-Millimeter-Federwerk-Kamera von anno dazumal, die lief knapp 30 Sekunden, wenn man die voll aufgezogen hat. Die hat er uns umgebaut für die modernen Cinemascope-Objektive.
Wir sind dann für ganz wenig Bilder ganz häufig unter Tage gefahren, mussten dann immer ganz lange laufen. Das Licht brannte auch immer nur ganz kurz, bis die Akkus wieder leer waren. 1981 war das alles noch nicht so einfach wie heute.
Das Problem war auch, dass der Staub, der da unten aufwirbelte, natürlich schwarz war. Dadurch wurde es dann noch dunkler. Also das war technisch die totale Herausforderung – wobei ich zugebe, dass es uns natürlich besonderen Spaß gemacht hat, damit zu kämpfen.

Jede Menge Kohle gilt heute als Kultfilm fürs Ruhrgebiet.

Es war ja eine Komödie, ein lustiger Film. Sonst guckt sich das ja kein Mensch an im Kino. Aber so eine Komödie braucht ja eine Bodenhaftung, muss ja immer etwas haben, an dem sich der Witz abarbeiten kann.
Die Geschichte, die wir da erzählt haben, ist ja auch so eine Besonderheit im Ruhrgebietsbergbau. Dass man unter Tage wirklich von Stadt zu Stadt laufen oder fahren konnte.

Wie haben Sie selbst den Bergbau als Kind erlebt?

Da muss ich immer die Geschichte erzählen, dass ich als Kind Papier im Wohnzimmer innen auf die Fensterbank gelegt hab. Dann hab ich ein paar Tage gewartet und dann konnte man mit dem Finger drauf malen, weil da eine feine Rußschicht drauf war. Der Ruß ist bei uns im Wohnzimmer durch die Fenster durchgekommen. Das zeigt, wie die Luftqualität gewesen ist.

Der zweite Bergbau-Film „Junges Licht“ geht ja weiter zurück in die Geschichte, in die Nachkriegszeit. Da haben Sie mal erzählt, dass es ganz schwierig ist, noch authentische Orte für die Bergbaugeschichte zu finden. Ist das der Strukturwandel?

Mir ist das so richtig klar geworden, als ich die Drehorte gesucht habe für „Junges Licht“. Da bin ich durch mein Ruhrgebiet gefahren, wo ich mich ja auskenne und weiß, wo was Interessantes ist. Da steht man dann da und stellt fest: Hier war doch vor einiger Zeit noch was. Das ist jetzt weg. Da hat sich was in einer riesigen Geschwindig
keit gewandelt.
Das hat nicht nur damit zu tun, dass irgendwelche Industrieanlagen und Fördertürme plattgemacht werden, sondern auch mit der unglaublichen Gestaltungswut der Menschen, die dann in den Baumarkt gehen und ganz viel Zeug holen, womit man dann so alte Zechensiedlungen umbauen kann bis man sie nicht mehr wiedererkennt. Da mussten wir dann anfangen, das alles im Computer zu korrigieren. Das ist dann richtig Arbeit. Man kann ja heute historische Realität am Computer generieren. Das haben wir bei „Junges Licht“ machen müssen. Da sind gut 100 Einstellungen im Computer bearbeitet.
Jetzt kommt das Ende des Bergbaus. Was geht da verloren?

Eigentlich ist es richtig, dass wir damit aufhören. Wir müssen weg von dieser Kohleverbrennung. Aber immer, wenn etwas zu Ende ist, gibt es natürlich Wehmut und Menschen, die das trifft. Aber eigentlich war es Irrsinn, die ganze Erde unter unseren Füßen auszuhöhlen, um heizen und Stahl produzieren zu können. Das ganze Ruhrgebiet ist mehr oder weniger abgesackt. Wir haben uns das Land, auf dem wir leben, kaputtgemacht und müssen jetzt ewig Wasser pumpen.

Hört das Ruhrgebiet irgendwann auf, Ruhrgebiet zu sein?

Naja, die Menschen sind ja weiter da. Aber es wird sich natürlich etwas ändern. Wir erleben heute, wie sich Parallelgesellschaften bilden in irgendwelchen Stadtteilen, russische, türkische und was weiß ich. So etwas hat es im Bergbau nicht gegeben.
Jeder, der da unter Tage war, der konnte nur zu Rande kommen, wenn er sich mit seinen Kollegen solidarisch verhalten hat. Die Einfachheit der Sprache soll ja auch etwas mit der Arbeit zu tun gehabt haben. Alles das ist jetzt vorbei. Deshalb wird sich vor allem der Umgang der Menschen miteinander ändern.
Es ist richtig, Denkmäler an diese Zeit zu erhalten. Nicht jede Zeche. Aber ein paar. Aber sonst sollte man jetzt nach vorn gucken. Das muss man in so einer Region, die alles verloren hat, die Jobs in der Kohle, in der Stahlindustrie, auch bei den Brauereien.
Da bleibt einem nichts anderes übrig als sich auf die Zukunft zu konzentrieren.

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