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Brechten: Im Wohlfühl-Stadtteil Nummer eins fehlt nur ein Café

rnStadtteilcheck

Trotz Autobahn und einer fehlenden Radweg-Strecke in die Innenstadt sind die Brechtener im Schnitt superglücklich. Den Grund dafür kann man nicht sehen, man muss ihn erspüren.

Brechten

, 19.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Eine Zehn. Nur die Brechtener haben ihrem Stadtteil auf die Frage nach der Lebensqualität die Bestnote gegeben. Um das Warum zu ergründen, trifft man sich am besten mit alteingesessenen Brechtenern und auch mit neu zugezogenen.

„Man wohnt hier zwar ländlich, hat aber die direkte Anbindung an die Großstadt“, sagt Laura Seifert. Seit gut einem Jahr wohnt die gebürtige Lünerin mit ihrem Mann Matthias Kossow und Töchterchen Frieda in Brechten. Nahe dem alten Ortskern hat die junge Familie gebaut – und fühlt sich pudelwohl. Wenn man mit ihnen am Tisch in der modernen Wohnküche sitzt, erzählen sie von den nach Lünen raus liegenden, weiten Feldern, vom Süggelwald und vom Grävingholz. In der Brechtener Heide ist der Kindergartenplatz für Frieda gesichert, es gibt einen Kinderarzt, Zahnärzte und Allgemeinmediziner, Lebensmittelmärkte in der Nähe und schöne, saubere Spielplätze.

Auf die Autobahn A2, die mitten durch den Ortsteil führt, kommt die Sprache lange nicht. Dann erinnern sich Laura Seifert und Matthias Kossow aber, dass sie im Sommer ab und zu doch den Lärm der Autos gehört haben. „Und auf der Brücke beim Rewe an der B54 war im Sommer der Verkehrssmog manches Mal schon enorm“, sagt Matthias Kossow. Richtig störend sind für ihn auch die beschmierten Plexiglaswände auf dem wuchtigen Beton der Brücke. „Das passt überhaupt nicht zu Brechten“, sagt der 33-Jährige, der im Herrenthey in Brambauer, direkt an der Stadtgrenze, aufgewachsen ist. Kurzum: Das Leben mit der Autobahn ist eher abtörnend. Wenn Brechtener den Stadtteil trotzdem als wunderbaren Wohlfühlort loben, dann müssen da noch andere Dinge sein, die verfangen.

Brechten: Im Wohlfühl-Stadtteil Nummer eins fehlt nur ein Café

Die evangelische Kirche St.-Johann-Baptist prägt den Brechtener Ortskern. © Oliver Schaper

Magnus Benkhofer ist in Brechten aufgewachsen und weiß von dem Wir-Gefühl zu erzählen, das über Generationen zwischen dem Scharfen Eck und dem Rauhen Dorn gewachsen ist. „Beim letzten Klassentreffen hab‘ ich festgestellt, dass die meisten, die für das Studium weggegangen sind, jetzt wieder mit ihren Familien nach Brechten zurückgekommen sind“, sagt er. Diese Heimatliebe ist offenbar der Kitt zwischen den Brechtenern.

„Es ist uns hier sofort aufgefallen, dass jeder einen grüßt. Die Leute sind nett zueinander“, sagt Laura Seifert und ergänzt: „Selbst der Postbote hat mich gegrüßt, als ich ihn neulich fernab von unserer Straße irgendwo in Brechten getroffen hab.“ Das kennt sie und das kennt auch ihr Mann Matthias so aus der Innenstadt nicht, wo beide während der Zeit des Studiums in mehreren Vierteln gewohnt haben. „Da wohnt man zwar Tür an Tür, aber man kennt sich nicht. Das ist hier komplett anders. Hier kennt man seine Nachbarn - auch die, die eine oder zwei Straßen weiter wohnen“, sagt Matthias Kossow.

Das wurde noch postiv bewertet:

Vier Mal vergaben die Brechtener insgesamt die Höchstpunktzahl zehn: neben der Lebensqualität noch für die Verkehrsanbindung, die Grünflächen und die Nahversorgung. „Ein Drogeriemarkt fehlt - aber da sind wir vielleicht aus unserer Zeit in der Innenstadt verwöhnt“, sagt Laura Seifert. Auch wenn die Radfahrmöglichkeiten gut bewertet werden (8) und für die Verkehrsanbindung sogar 10 Punkte gegeben wurden, Laura Seifert sieht da doch jede Menge Verbesserungsbedarf. Die Brechtener mögen sich dran gewöhnt haben, aber mit dem Fahrrad in die Dortmunder City zu fahren, ist für die Neu-Brechtenerin eine echte Herausforderung. Radwege gibt es kaum oder es fehlt - etwa an der Brechtener Straße, wenn man von der Bornstraße kommt - eine Beleuchtung. „Eine gute Strecke in die City wäre der Knaller“, sagt Laura Seifert.

Brechten: Im Wohlfühl-Stadtteil Nummer eins fehlt nur ein Café

Diese Idylle in der Brechtener Niederung macht deutlich, warum Brechten auch als das Tor zum Münsterland bezeichnet wird. © Oliver Schaper

Das wurde negativ bewertet:

Gastronomie: Neben Pizzerien und Fast-Food-Angeboten gibt es mit dem Kegelkotten an der Brambauer Straße nur ein Restaurant in Brechten. Wohl deshalb liegt der Stadtteil beim Thema Gastronomie unter dem Durchschnittswert der Gesamtstadt. „Vor allem ein gemütliches Café fehlt hier schon“, sagt Laura Seifert. Dass das kommt ist eher unwahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen. Ohne die konkrete Situation vor Ort zu kennen, sagt Harald Becker, Schulleiter der Wirtschaftsschulen für Hotellerie und Gastronomie (Wihoga) in Dortmund: „Es wird sicher einen Grund haben, dass es kein nennenswertes Gastronomieangebot gibt. Denn eines steht fest: Wenn es sich lohnen würde, gäbe es auch ein Angebot! Gastronomen gehören fast immer zu den mutigen und geschäftstüchtigen Geschäftsleuten.“ Ciro Celan, Inhaber des Kegelkotten, sieht nicht das nötige Kundenpotential für ein breites Gastronomie-Angebot. „Brechten ist ein Dorf. Es ist einfach zu klein“, sagt er.

Brechten: Im Wohlfühl-Stadtteil Nummer eins fehlt nur ein Café

© Grafik Verena Hasken

Jugend: Die Angebote für Jugendliche in ihrem Stadtteil sehen die Brechtener genauso kritisch wie die meisten Bürger in den anderen Stadtteilen auch. 5 Punkte gibt es hier im stadtweiten Durchschnitt, fünf gibt es auch nur in Brechten. Für Bezirksbürgermeister Oliver Stens (SPD) ist das etwas unverständlich. Er verweist darauf, dass der Jugendtreff in Brechten gerade erst Geld für die Ausstattung bekommen hat, dass der TV Brechten viel anbietet, dass die nahegelegenen Reiterhöfe in Holthausen gut angenommen werden. „Und wir können nicht alle Angebote in Brechten vorhalten. Man muss sich auch mal aus dem Stadtteil rausbewegen. Zum Beispiel zum Soccer-Golfen nach Eving“, sagt Stens. Er bietet an: „Wenn es um eine Mountain-Bike-Strecke oder eine Skateranlage geht, können die Jugendlichen mich ansprechen. Ich bin für alles offen.“ In Planung sei bereits eine Parkour-Anlage im Evinger Externbergpark.

Für die CDU-Fraktionsvorsitzende Petra Frommeyer in der Evinger Bezirksvertretung ist die negative Bewertung keine Überraschung: „Das Angebot für Jugendliche ist seit Jahrzehnten schlecht. Es gibt zwar eine sehr, sehr gute Jugendfreizeitstätte in Eving, aber die meisten Brechtener Jugendlichen fahren nicht nach Eving. Und der Jugendtreff in Brechten wird überwiegend von Kindern angenommen und ist zudem nicht jeden Tag geöffnet“, sagt sie.

Ohnehin sei es ja überall so, dass viele Jugendliche nicht unbedingt in einen Jugendtreff möchten. Sie träfen sich lieber dort, wo sie nicht beobachtet werden. Frommeyer: „Deshalb haben wir auch schon über einen Jugend-Bus diskutiert und darüber mit der zuständigen Jugendreferentin Sonja Carstens gesprochen. Einen solchen Bus gab es schon mal für mehrere Stadtteile wie Brackel oder Wickede; die Jugendlichen treffen sich in dem Bus und können dort – wie man so sagt – abhängen. Derzeit sind wir bei diesem Projekt aber noch in der Findungsphase.“

Alle Ergebnisse unseres Stadtteilchecks auf einen Blick in unserer Übersichtskarte:

Histrorie

Bergbau-tradition rund um Schacht VI

1817 wurde Brechten mit der aus dem Jahr ... stammenden St.-Johann-Baptist-Kirche der Bürgermeisterei Lünen zugeschlagen. 1928 wurden Brechten und Holthausen nach Dortmund eingemeindet. Im Jahr 1935 begann der Bau der Bundesautobahn 2 auf Brechtener Gebiet.
1938 begann der Bergbau in Brechten. Der Schacht 6 des Bergwerks Minister Stein/Hardenberg wurde im Dreieck Schiffhorst/Evinger Straße abgeteuft. Der Bergbau in Brechten endete in den 80er-Jahren. Am 30. August 1988 wurde das Fördergerüst des Schachtes 6 schließlich umgelegt.
Brechten: Im Wohlfühl-Stadtteil Nummer eins fehlt nur ein Café

So sah der Schacht VI am Schiffhorst in den 70er-Jahren aus. © Archiv


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