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Marten: Eine Ohrfeige für die Familienfreundlichkeit, dickes Lob für die Verkehrsanbindung

rnStadtteilcheck

Familienfreundlichkeit, Sauberkeit und Sicherheit – für diese drei Kategorien bekommt Marten die schlechtesten Werte. Aber zumindest in einem Punkt schneidet der Stadtteil sehr gut ab.

Marten

, 01.12.2018 / Lesedauer: 8 min

Nach Angeboten für Familien muss man in Marten nicht mit der Lupe suchen. Es gibt viele und vielfältige. Die Jugendfreizeitstätte (JFS), das Schulmuseum, die Familienzentren, das Haus des Lernens, Stadtteilfeste, der Steinhammerpark und das Familienbüro vor Ort sind nur wenige von vielen Beispielen. Eltern und Kinder in anderen Stadtteilen müssen mit weit weniger auskommen.

Und dennoch: In Sachen Familienfreundlichkeit schneidet Marten bei unserem Stadtteil-Check im städtischen Vergleich schlecht ab. Vier von zehn Punkten lautet das ernüchternde Ergebnis. Überall, außer in der City und Westerfilde, wird die Familienfreundlichkeit besser bewertet. Stadtweit liegt der Wert bei 7.

Bianka Haake (44), Mutter einer Neunjährigen, wundert sich nicht über das Ergebnis. „Nein, wirklich schön ist es hier nicht für Familien“, sagt die Floristin. Und damit meint sie keinesfalls das Familienangebot. „Hier gibt es schon gute Sachen“, sagt sie und schaut auf ihren Notizzettel. „Zum Beispiel eine Musikschule und eine Bücherei.“ Manches würde aber auch fehlen: Früher habe sie eine Krabbelgruppe vermisst, dafür sei sie dann immer zum Mütterzentrum nach Dorstfeld gefahren, und der Steinhammer-Park sei zu karg. „Da gibt es so gut wie nichts für Kinder.“

Was Bianka Haake vor allem missfällt, ist das Umfeld: „Viele Leerstände, viele Alkoholiker auf den Straßen, und an der Bude kann man Gras kaufen“, zählt die 44-Jährige auf. Kürzlich sei ihre Tochter vom Spielen nach Hause gekommen und ihre Kleidung habe nicht nur nach Rauch, sondern auch noch nach Marihuana gerochen.

Marten: Eine Ohrfeige für die Familienfreundlichkeit, dickes Lob für die Verkehrsanbindung

© Grafik: Verena Hasken

Vor 13 Jahren ist Bianka Haake mit ihrem Mann eher zufällig nach Marten gezogen. Weil das Paar hier die passende Immobilie, ein barrierefreies Haus mit großem Garten, gefunden hat. Und trotz aller Kritik ist die Wahl-Martenerin hier heimisch geworden: „Das liegt vor allem an unserer tollen Nachbarschaft.“ Und an ihrer ehrenamtlichen Mitarbeit in der Kleiderkammer und im Sprachcafé der Caritas.

Ihre Bekannte Petra Breiter (41) sieht Marten mit ganz anderen Augen. Die Mutter von zwei Mädchen (8 und 13) sitzt an ihrem Esstisch und schüttelt den Kopf. Das schlechte Ergebnis der Online-Umfrage sei für sie nicht nachvollziehbar, sagt die Versicherungsfachfrau. „Mir als Mutter mit Teilzeitstelle bietet Marten ein Rundum-Sorglos-Paket.“ Was sie damit meint: gute Einkaufsmöglichkeiten und eine gute Betreuung beziehungsweise Förderung ihrer Töchter vor Ort. Nach der Schule würden beide Kinder zum Beispiel gerne in die JFS gehen. Und sie listet weitere Aspekte auf, die für Familien wichtig sind: Facharztpraxen, darunter ein Kinderarzt, und Apotheken seien fußläufig erreichbar, und der Ort sei verkehrlich „unschlagbar gut“ angebunden, sagt die gebürtige Martenerin. Die 41-Jährige engagiert sich beim Caritas-Schulfrühstück und ist Vorsitzende des Fördervereins an der Steinhammer-Grundschule.

Gleichermaßen entsetzt sind beide Mütter über den Zustand des Spielplatzes am Penny-Markt. Der sei eine Katastrophe. „Da liegen Zigarettenkippen und Müll herum, hier lungern dauernd Menschen herum, die Alkohol konsumieren. Letztens hat sogar ein Mann in den Sand gepinkelt“, so Petra Breiter. Viel schöner und gepflegter sei da der Spielplatz am Wischlinger Weg.

Dass Marten in Sachen Familienfreundlichkeit so schlecht abschneidet, macht die Fachleute ratlos. Möglicherweise seien die vielen Angebote einfach nicht bekannt genug und müssten noch mehr beworben werden, auch digital, mutmaßt etwa Andreas Rey, der gerade ausgeschiedene und langjährige Fachreferent für Kinder- und Jugendförderung im Stadtbezirk Lütgendortmund. Ein weiterer, möglicher Erklärungsansatz: „Viele haben vielleicht aus einem emotionalen Gefühl heraus bewertet. Weil die eigene familiäre Situation schlecht ist, ist für sie auch die Familienfreundlichkeit vor Ort schlecht.“

Riesig enttäuscht ist auch der evangelische Pfarrer Christian Höfener-Wolf. Nicht nur von der Bewertung für die Familienfreundlichkeit, sondern vom Gesamtergebnis. Denn Marten ist das Schlusslicht im Stadtbezirk Lütgendortmund. „Als ich das Ergebnis gesehen habe, habe ich nur gedacht. Na klar, es trifft mal wieder Marten, den sozialen Aktionsraum.“ Seine Erklärung: „Wir machen hier so tolle Sachen, aber wir erreichen manche Menschen damit einfach nicht.“

Noch bestürzter angesichts der Ergebnisse ist Monika Rößler, Sprecherin des Martener Forums. „Wir sind angetreten, um etwas gegen Martens schlechten Ruf zu tun. Das ist harte Arbeit und dauert“, sagt sie. Ein Ziel sei, Marten zu einem Vorort der Hochschulen zu machen. Anerkennende Worte gibt es für die Arbeit des Forums in den Anmerkungen zur Online-Abstimmung. „Ich spüre hier in Marten eine Aufbruchstimmung“, sagt auch Pfarrer Höfener-Wolf. Petra Breiter gibt „ihrem“ Marten als Gesamtnote neun von zehn Punkten, allein schon wegen der großen Gemeinschaft und der Freundlichkeit der Menschen. „Marten ist sicherlich nicht der schönste Stadtteil, aber wir arbeiten dran.“

Das wurde positiv bewertet

Verkehrsanbindung: Hier holte sich der Stadtteil mit neun Punkten seinen besten Wert, der auch dem gesamtstädtischen Ergebnis entspricht. Die Nähe zur B1 und A45 sowie mehrere Buslinien, eine Stadt- und eine S-Bahn-Linie mit guten Anbindungen an das regionale und überregionale Nahverkehrsnetz dürften die Gründe dafür sein. Ihre Tochter erreiche problemlos die weiterführende Schule, sagt Petra Breiter. Weniger zufrieden sind die Martener indes mit der Verkehrsbelastung. Bei der Frage „Ist der Straßenverkehr erträglich?“ liegt der Stadtteil mit fünf Punkten unter dem städtischen Gesamtwert (6). „Die Hauptstraßen werden als Rennstrecke benutzt“, schreibt ein Teilnehmer der Online-Abstimmung.

Marten: Eine Ohrfeige für die Familienfreundlichkeit, dickes Lob für die Verkehrsanbindung

Mit der Verkehrsanbindung sind die Martener sehr zufrieden, die Straßenbahn fährt direkt in die City. © Stephan Schütze

Bezahlbarer Wohnraum: In dieser Kategorie holt Marten sieben von zehn Punkten und ist damit sogar besser als der stadtweite Mittelwert (6). Das gelingt Marten in keiner anderen Kategorie. Tatsächlich sind die durchschnittlichen Mietpreise hier laut Immobilienscout24 günstiger als in Dortmund insgesamt. Von Januar bis November 2018 lag der Mietpreis in Marten pro Quadratmeter bei 6,62 Euro, in der Gesamtstadt bei 7,01 Euro. Im Vergleich: 8,12 Euro sind es in Kirchhörde.

Die LEG Immobilien AG hält 47 Wohnungen in Alt-Marten und sechs in der Germania-Siedlung. Fünf Wohnungen in Alt-Marten sind derzeit nicht vermietet. Im Schnitt liegen die Kaltmieten bei 6,61 Euro pro Quadratmeter und damit ebenfalls unter dem stadtweiten Mietpreisniveau.

Alt-Marten sei begehrt auf dem Wohnungsmarkt, sagt LEG-Pressesprecherin Judith-Maria Gillies. Die Wahl-Martenerin Hannelore Riegert (65) sieht das genauso. Mit ihrem Lebensgefährten ist sie vor einem Jahr vom Kreuzviertel in eine seniorengerechte Eigentumswohnung an der Martener Straße gezogen. Vieles habe sie im Vorfeld überzeugt: die gute Infrastruktur, das Kulturangebot, die Gastronomie inklusive Kneipe. „Mittlerweile haben wir auch festgestellt, wie offen und freundlich die Martener sind“, so Hannelore Riegert. Reinhard Gallen vom Martener Forum ist sich zudem sicher: ·„Marten wird das Wohnzimmer der Dortmunder Universität, da Wohnraum hier noch erschwinglich ist.“


Kinderbetreuung
: Zumindest in der Kinderbetreuung, als Teil der Familienfreundlichkeit, holt Marten 7 Punkte und liegt damit mit der Gesamtstadt gleichauf. In Marten gibt es zurzeit sechs Kindertagesstätten. Mitte Dezember soll eine weitere Kita mit fünf Gruppen an der Vorstenstraße/Ecke Martener Straße eröffnet werden. „Dazu kommen U3-Plätze in der Kindertagespflege. Es entsteht gerade eine Großpflegestelle ,In der Meile‘ in ehemaligen Räumen der evangelischen Kirche“, so Stadtpressesprecherin Anke Widow. Ende 2018 würde das insgesamt für folgende Versorgungsquoten sorgen:

- U3-Quote von 36% (100 Plätze)

- Ü3-Quote von 112% (304 Plätze)

Marten: Eine Ohrfeige für die Familienfreundlichkeit, dickes Lob für die Verkehrsanbindung

Die Nahversorgung loben die Martener. Hier gibt es allein drei Discounter, allerdings kaum noch Fachgeschäfte. © Stephan Schütze

Nahversorgung: Hier bekommt Marten acht Punkte, das ist für den Stadtteil ein positiver Wert, auch wenn er unter dem Dortmunder Duchschnitt liegt (9). „Wir haben hier Aldi, Netto und Penny. Für den alltäglichen Bedarf bekommen wir hier alles“, sagt Petra Breiter. Ein türkischer Gemüse- und Obstladen ergänzt das Angebot. Demnächst soll Marten noch einen größeren Aldi bekommen, einen genau Zeitplan gibt es aber noch nicht. Natürlich sei es schade, sagt Petra Breiter, dass es kaum noch inhabergeführte Fachgeschäfte und viele Leerstände gebe.

Das wurde negativ bewertet

Sicherheit: Hier gibt es 4 Punkte für Marten (gesamtstädtisch liegt der Wert bei 7). „Abends beziehungsweise in der Dunkelheit gehe ich auf keinen Fall in den Ortskern, da viele ,komische Gestalten‘ herumlungern“, heißt es in der Anmerkung eines Teilnehmers des Stadtteilchecks. Bianca Haake sieht das anders: „Ich habe hier abends keine Angst. Marten ist nicht krimineller geworden.“

Dazu merkt Polizeihauptkommissar Norbert Phillipp, Wachleiter aus Lütgendortmund, an: „Aus Sicht der Polizei ist der Stadtteil Marten unauffällig. Wohnungseinbrüche sind hier zum Beispiel kaum zu verzeichnen. Ein erhöhtes Einsatzaufkommen stellen wir im Bereich der B1-Auffahrten aufgrund von Verkehrsunfällen fest.“ Zum jüngsten Vergewaltigungsfall Mitte November im Bereich der S-Bahn-Haltestelle Germania sagt Pressesprecher Gunnar Wortmann: „Natürlich leidet bei solchen Vorfällen das subjektive Sicherheitsgefühl. Dennoch verzeichnen wir für Marten keinen Anstieg von Straftaten.“

In den Anmerkungen zur Online-Befragung sind Nazis und die rechte Szene ein zentrales Thema. „Zu viele Nazis, die sich benehmen können, wie sie wollen“, schreibt ein Teilnehmer der Umfrage. Ein anderer: „Außerdem haben wir in letzter Zeit Probleme mit braunem Gesocks. Da müsste es noch mehr Widerstand geben.“ Dazu Polizeisprecher Gunnar Wortmann: „Wir wissen, dass neben Dorstfeld auch der Stadtteil Marten von den unsäglichen Aktionen der Rechtsextremisten, die zur Einschüchterung dienen, belastet ist. Jedoch kann man es nicht mit Dorstfeld vergleichen. Marten ist auch Wohnort einer kleineren Anzahl von Rechtsextremen.“

Die Bekämpfung des Rechtsextremismus sei seit Jahren ein behördenstrategischer Schwerpunkt. Dafür setze die Polizei viel Personal ein. Wortmann: „Mit Gründung der SOKO-Rechts haben wir den Druck auf die rechte Szene deutlich erhöht. Der Erfolg zeigt sich insbesondere in den Fallzahlen. Die Anzahl der rechtsextremen Straftaten, und insbesondere die Gewaltdelikte, sind in den letzten Jahren stark gesunken.“

Auch positiv: Die Martener Bürger nehmen in großer Zahl an den Gegendemonstrationen teil und bieten der rechten Szene so gemeinschaftlich die Stirn. Margarete Konieczny, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und Caritas-Nachbarschaftshelferin: „Wir sind kein Neo-Nazi-Stadtteil, denn die Bürger, privat, in den Verbänden und Vereinen und in den Kirchengemeinden setzen sich aktiv mit diesem Thema und den Folgen einer Duldung oder eines eventuellen Wegsehens auseinander und sprechen sich klar und deutlich dafür aus, dass für eine solche politische Einstellung in Marten kein Raum gegeben wird.“

Erst am Donnerstag (29.11.) konnte aufgrund mutiger Zeugen aus Marten ein Neonazi in Dorstfeld festgenommen werden.

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Sauberkeit: Auch in dieser Kategorie gibt es nur vier Punkte für den Stadtteil (gesamtstädtischer Wert 7). „Marten versinkt in Müll und Hundekot“, heißt es in einer Anmerkung. Bianka Haake sieht es ähnlich. „Ich gehe jeden Tag mit meinem Hund spazieren und kann das Verhalten der Hundebesitzer wunderbar beobachten: Da wird die Tür aufgemacht, der Hund rausgelassen, der macht sein Geschäft auf der Straße und dann wird er wieder zurück gepfiffen.“ Die Hundehaufen seien wirklich ein Problem in Marten.

Was sagt die EDG dazu? „Grundsätzlich müssen wir leider festhalten, dass die Probleme mit der Stadtsauberkeit zugenommen haben, dies gilt für ganz Dortmund. Der Stadtteil Marten ist aus unserer Sicht nicht besonders auffällig“, sagt EDG-Sprecherin Petra Hartmann.

Auf die Probleme gerade in „In der Meile“ habe die EDG bereits reagiert: „Auslöser waren die hohe Frequentierung der Straße mit den daraus resultierenden Folgen wie „Littering“ (kleinrer Müll, der einfach auf die Straße geworfen wird) und Hundekot. Diese Straße wird nun sechs Mal in der Woche gereinigt, zuvor waren es drei Reinigungen in der Woche, außerdem setzen wir dort unter anderem im Bereich des Denkmals zusätzliche Kräfte ein, die für Sauberkeit sorgen“, so Hartmann.

Zudem würde die Straße „In der Oeverscheidt“ häufig für illegale Abfallablagerungen ausgeguckt. „Weil hier die soziale Kontrolle fehlt und die Verursacher die Anonymität nutzen, um Abfälle abzulagern“, erklärt die Pressesprecherin. An dieser Stelle sei aber das Tiefbauamt der Stadt zuständig.

Senioren: Das Ergebnis 5 von 10 Punkten hält Simone Becker,

Diplom-Gerontologin im Sozialamt, Fachdienst für Senioren, gar nicht für so schlecht, auch wenn Marten unter dem gesamtstädtischen Ergebnis mit 7 Punkten liegt. Bei einer Seniorenbefragung der Stadt mit der Generation „80 plus“ fiel das Ergebnis deutlich besser aus. Fast 80 Prozent bewerteten ihre Lebenszufriedenheit in Marten mit gut und sehr gut. „Vielleicht hat diese Altersgruppe hier nicht abgestimmt“, so Simone Becker.

In ihren Augen ist Marten mit Blick auf seine Senioren gut aufgestellt: So gebe es beispielsweise das Rudi-Eilhoff-Bildungswerk und das Zwar-Netzwerk Dortmund (Zwar steht für „Zwischen Arbeit und Ruhestand“), vier Begegnungsgruppen in Pantoffelnähe, eine Pflegewohngemeinschaft und einen ambulanten Pflegedienst (sowie acht weitere im Stadtbezirk Lütgendortmund).

Alle Ergebnisse unseres Stadtteilchecks in der Übersichtskarte:

Historie

Mit der Industrie kam das Wachstum

Die erste schriftliche Erwähnung Martens findet man in einer Schenkungsurkunde des Klosters Werden, die um 1000 nach Christi ausgefertigt wurde. 1174 wird erstmalig ein Gert von Marten urkundlich erwähnt. 1858 begann mit dem Schacht Germania I die gewerbsmäßige Kohleförderung. Durch die beginnende Industrialisierung explodierte die Bevölkerung. Von 1895 bis 1905 verdoppelte sich die Zahl von 5048 auf 10.427.
Marten: Eine Ohrfeige für die Familienfreundlichkeit, dickes Lob für die Verkehrsanbindung

Das Foto zeigt den Martener Markt in den 1920er Jahren. © Archiv Gallen

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