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Das Saarlandstraßenviertel: Viele Kneipen, wenig Radwege

rnStadtteilcheck

211 Bewohner des Viertels haben beim RN-Stadtteilcheck mitgemacht. Sie sind zufrieden mit dem Gastronomie- und dem Gesundheitsangebot. Die Bedingungen für Radfahrer schneiden schwach ab.

von Max Nölke

Saarlandstraßenviertel

, 06.11.2018 / Lesedauer: 5 min

In beigefarbener Jacke, hellen Jeans und weißen Sneakers kommt Felix luftig auf seiner olivgrünen Forelle angeradelt. Das Café Lotte ansteuernd, schwingt er sich in einer Bewegung vom Rad an den Tisch und bestellt ansatzlos zwei Pils. „Schöner geht’s doch kaum“, sagt er und lacht lauthals los. Einfach Dortmunder Original. Oder auch Saarlandstraßen-Original!

Felix Klocke ist 29, Lehrer an der Geschwister Scholl-Gesamtschule in Brackel, und wohnt seit sieben Jahren im Saarlandstraßenviertel, seit drei Jahren Am Knappenberg. Viel auszusetzen hat er nicht an „seinem Kiez“. Vor allem das Gastronomieangebot steche heraus. Hier reiht sich Kneipe an Café an Bude an Restaurant. Ein Hauch von Berlin, ein Hauch Prenzlauer Berg. Auch wegen der Situation für Radfahrer.

Das wurde positiv bewertet:

Gastronomie: In diesem Punkt erreicht das Saarlandstraßenviertel Höchstwerte beim RN-Stadtteilcheck. Nur in den umliegenden Bezirken wie Kreuz- und Unionviertel sowie an der Syburg sind die Menschen ähnlich zufrieden mit dem Gastronomieangebot. Ob spontanes Bierchen, Drei-Gänge-Menü, was Schnelles auf die Hand, ein Eis oder bloß einen Kaffee... anne Saarland krieg’se allet, watte brauch’s!

Das Viertel bleibt nicht stehen, es ist immer in Bewegung. Kneipen öffnen, schließen auch mal wieder, Restaurants entstehen, Clubs machen zu und Trinkhallen erwachen. Woran das liegt, dass hier die Nachfrage am Gastronomieangebot so hoch ist und nicht abzunehmen scheint? Markus Riepe hat da ein paar Erklärungen. Er ist Mitglied im Gaststättenverband und seiner Familie gehört das Hotel Drees an der Hohen Straße. „Ich sage immer, das Viertel ist der Prenzlauer Berg von Dortmund“. Klar sei die Dichte der Anwohner hier der entscheidende Punkt. Hinzu kommt aber auch, „dass du hier kein Auto brauchst.“ Das habe man in Vororten so nicht. Alles ist fußläufig erreichbar. Die Einkommensstärke der breiten Masse sei ein Grund dafür, dass die Nachfrage an Gastronomie sehr hoch ist. Und seit Jahren nicht abnimmt.

Das Saarlandstraßenviertel: Viele Kneipen, wenig Radwege

Auf ein Pilsken ins Café Lotte. © Schaper

Felix Klocke war vier Jahre lang Zapfer in der Hövels Hausbrauerei, ist also nicht minder Experte auf diesem Gebiet als der Gastronom Riepe. Die Auswahl an verschiedenen Gastronomieangeboten sei dortmundweit kaum zu überbieten, die Qualität sei gut und die Inhaber seien nett, findet er. Nichts, was es zu vermissen gibt.

Sein einziges Manko: „Es fehlt 'ne richtig urige Kneipe“, dann überlegt er kurz. „So wie die Pinte (eine Eckkneipe an der Saarlandstraße) damals.“ Erneut pausieren seine Gedanken für einen Moment. „Wo ist die Pinte, man?“ Dann wieder dieses unverkennbare Schepper-Lachen.

Gesundheit: Der Gesundheitsaspekt zeigt ebenso Bestwerte in ganz Dortmund auf. Nirgendwo sind die Anwohner so zufrieden mit dem Angebot an Ärzten und Apotheken wie im Saarlandstraßenviertel, im Klinikviertel und in der City. „Hier hast du die komplette Palette“, sagt Felix. Allein an der Saarlandstraße stehen auf 350 Metern drei Apotheken. „Aber da muss ich ja zum Glück noch nicht so häufig Gebrauch von machen.“ Und man ahnt es: Das Scheppern vollendet seinen Satz.

Brigitta Wenger-Klein betreibt seit 25 Jahren die Landgrafen-Apotheke und ist Vorsitzende der Interessengemeinschaft Saarlandstraßenviertel. „Während das Kreuzviertel als Ausgehviertel dient, bekommt man im Saarlandstraßenviertel die Dinge des täglichen Lebens. Dazu gehört eben auch das Gesundheitsangebot.“ Einen Bezirk, der vergleichbar breit aufgestellt ist, gebe es in Dortmund nicht. „Die City jetzt mal ausgenommen.“ Dass drei Apotheken so dicht aneinanderliegen, sei bei mehr als 9000 Haushalten im Viertel logisch, findet Wenger-Klein.

Das Saarlandstraßenviertel: Viele Kneipen, wenig Radwege

Brigitta Wenger-Klein vor ihrer Landgrafen-Apotheke © Nölke

Bloß die Parkmöglichkeiten findet sie schwierig, das bekomme sie auch von ihren Kunden mit. Ihre Idee: ein Bereichsparkhaus auf der Brachfläche des ehemaligen Bunkers an der Ruhrallee unterhalb der Paul-Gerhardt-Gemeinde.

Das wurde negativ bewertet:

Radfahren: Bei all der Lobhudelei um das Saarlandstraßenviertel, muss Felix dennoch einen negativen Aspekt herausnehmen. Und ist da bei weitem nicht der einzige. „Die Situation für Radfahrer ist schlecht geregelt“, findet er. Gerade die zentrale Saarlandstraße bemängelt er stark. Hier fängt der Radweg hinter der Ruhrallee an, wird dann für gut 500 Meter unterbrochen und geht kurz vor der Hohen Straße erst weiter. Genau dieser Abschnitt ist der am höchsten frequentierte der Straße. Hier parken die Autos in zweiter Reihe mitten auf der Bahn.

„Das kann man hier im Viertel schon attraktiver gestalten für Fahrradfahrer“, stimmt ihm Carsten Wember von der Bezirksvertretung Innenstadt-Ost zu. Spricht er über das Thema, fallen Begriffe wie „dramatisch“, „kompliziert“ oder „knifflig“ und es benötige einen „langen Atem“ und „magische Hände“, um dieses Problem vollends in den Griff zu bekommen. „Die Radfahrer haben bei uns in der BV einen Stein im Brett, wir beackern dieses Feld.“ Aber in der Saarlandstraße sei es so gut wie unmöglich, einen Radweg durchzuziehen. Die Frequenz an Lieferverkehr, Pkw und Bussen sei zu hoch, die Straße nicht breit genug und die Parksituation nicht zu händeln. Die Pläne stünden aber bereits für einen Radschnellweg, der durch die Sonnenstraße führen soll.

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Dieser soll aus westlicher Richtung an der Großen Heimstraße beginnen, die Lindemannstraße und die Hohe Straße überqueren, um über die Sonnenstraße vorbei an der Ruhrallee das Saarlandstraßenviertel passieren zu können. „Nächstes Jahr soll der Fahrradweg errichtet sein.“

Überdies stehen die Entwürfe für Brücken, die Passanten und Radfahrer über die Hohe Straße wie die Ruhrallee führen sollen, parallel zu den S-Bahn-Brücken. Aber auch hierfür benötige man einen „langen Atem“, wie Wember zu verstehen gibt.

Das Fahrradfahren ist offensichtlich ein Problem in allen City-nahen Stadtbezirken. Auch das Kreuz-, Klinik- und Unionviertel sowie die City und die Nordstadt weisen hier schlechte Werte auf und liegen dortmundweit mit vier bis fünf Punkten unter dem Durchschnitt von sieben.

Felix wünscht sich irgendwann einmal ähnliche Zustände wie in Münster oder Amsterdam. Aber da wird er wohl einen langen Atem brauchen oder halt magische Hände, denn es ist kompliziert wie knifflig. Und auch ein bisschen dramatisch.

Das Saarlandstraßenviertel wirkt wie der Ruhepuls der Innenstadt. Hier ist es nicht so wild wie im Kreuzviertel, nicht so laut wie in der City und weniger unübersichtlich als in der Nordstadt. Und doch greift das Viertel von allen umliegenden Bezirken ein bisschen etwas ab, um dann eine besonnene Mixtur dessen zu entfachen. Das Viertel kann beschleunigen, wie es das Kreuzviertel schafft, es gibt nichts, was es nicht gibt, wie in der City. Und es hat den offenen Charme der Nordstadt. Der Vergleich zum Prenzlauer Berg hinkt nach nun neugewonnenen Erkenntnissen allerdings ersichtlich in zwei Punkten: Zum einen ist es hier deutlich weniger schräg. Und zum anderen: Wer sich im „Prenzlberg“ mit dem Fahrrad mal fortbewegt hat, muss sich zweifelsohne in die Riege der Adrenalinjunkies einordnen. So weit ist es im Saarlandstraßenviertel nicht. Problematisch ist es dennoch.

Und Felix? Der hat sein Bierchen mittlerweile ausgetrunken, schwingt sich auf sein Rad und prescht nach Hause. Im Hintergrund fehlt eigentlich nur noch die Berlinerin Dota Kehr, die singt „hätte ich so einen Mann, mit so einem Rennraaaaad...“ Dann hätte das Ganze doch wieder sehr viel vom Prenzlauer Berg.

Das Saarlandstraßenviertel: Viele Kneipen, wenig Radwege

Das Südbad im Saarlandstraßenviertel im Oktober 1962. Es ist als Baudenkmal der Stadt Dortmund eingetragen. © Archiv


Besiedlung ab Ende des 19. Jahrhunderts

Chronologie des StadtteilsDer heutige Stadtbezirk Innenstadt-Ost, zu dem das Saarlandstraßenviertel zählt, wurde planmäßig ab Ende des 19. Jahrhunderts besiedelt. Die Erschließung neuer Wohngebiete außerhalb des Wallrings nahm stark zu, weil mit dem wirtschaftlichen Aufschwung im Zuge der Industrialisierung die Einwohnerzahlen kontinuierlich wuchsen. Das Südbad an der Ruhrallee wurde zwischen 1957 und 1960 erbaut.
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