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Westerfilde erhielt im Stadtteilcheck die schlechtesten Noten. Dabei ging es dem Stadtteil schon schlechter. Es gibt Probleme – aber auch Engagement und die Hoffnung, dass es aufwärts geht.

Westerfilde

, 22.11.2018 / Lesedauer: 5 min

Wenn Stephanie Kucharzewski früher irgendwo erzählte, wo sie her kommt, dann wussten viele Menschen nicht, wo das sein sollte. Dieses Westerfilde kannte so gut wie kaum jemand. Wenn sie heute sagt, wo sie geboren und aufgewachsen ist und heute wieder lebt, dann wissen die Leute meistens, wo das ist. Aber das, was sie darüber gehört und gelesen haben, das war nun nicht das beste.

So ist das mit dem Stadtteil im Westen, der da liegt wie ein kleiner Satellit. Erst hatte ihn keiner auf dem Schirm. Und dann, als er auf den Schirm kam, war er zu einer Metapher geworden, was passieren kann, wenn Finanzinvestoren große Wohnblöcke für ihre Rendite verwüsten.

Westerfilde: Ein gut angebundener Stadtteil – aber sicher fühlen sich die Menschen nicht

Wie hier am Kiepeweg hat die Wohnungsgesellschaft Vonovia viele Häuser in Westerfilde bereits modernisiert. © Stephan Schütze

Früher, lange bevor Westerfilde bekannter wurde, war es, sagt die 47-Jährige, schön hier. Die Kindheit war schön, man kannte sich, es war was los. Wenn man mit ihr durch das Zentrum läuft, zählt sie auf, was es hier alles mal gab: einen Metzger, einen Markt, einen Optiker, einen Blumenladen, diverse Kneipen. Heute ist davon nicht mehr viel da. Es gibt einen Friseur, es gibt zwei Discounter und wenige Läden – aber es gibt eben keinen Vollsortimenter mehr, zum Beispiel mit einer Fleischtheke, wo man sich Mengen nach Bedarf geben lassen kann. Kucharzewski ist Friseurin, sie spricht mit ihren Kunden und hört ihnen zu und eine häufige Klage der älteren Kunden ist, dass die Pakete, die es bei den Discountern gibt, viel zu groß seien.

Die Mutter von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern hat gute neun Jahre in anderen Stadtteilen von Dortmund gelebt, aber eigentlich immer hier gearbeitet. Auch ihre Eltern leben noch hier und so hat sie in all den Jahren einen guten Blick auf Westerfilde und seine Entwicklung bekommen. „Die Menschen haben sich hier gewandelt.“ Heute frage sie sich, ob sie abends noch vor die Tür geht, denn „man kennt sich hier kaum noch“.

Westerfilde hat Dinge, die es auszeichnet, da ist zum Beispiel seine Lage. Draußen, viel Grün, trotzdem gut angebunden. Es gibt hier schöne Straßen mit netten Einfamilienhäusern, sobald man das Zentrum verlässt. Aber all das wurde eben durch die Wohnblöcke im Zentrum und den Umgang mit ihnen lange Jahre komplett überlagert.

Das, was damals, 2014, auch in dieser Zeitung über Westerfilde stand, war nicht verkehrt, sagt Kucharzewski – die Frage, um nach vorne zu blicken, ist, wie lange es braucht, bis in Westerfilde wieder etwas Gutes entstanden ist. Es gibt Verbesserungen. Die Wohnblöcke sehen frischer aus, freundlicher. Stephanie Kucharzewski ist optimistisch, dass es mit Westerfilde wieder vorwärts gehen könnte. Es bräuchte dafür aber wieder ein neues Wir-Gefühl.

Westerfilde: Ein gut angebundener Stadtteil – aber sicher fühlen sich die Menschen nicht

Auch das ist Westerfilde: Diese Idylle ist zu erleben am Reiterhof Mosselde bei der Gastronomie Tante Amanda. © Stephan Schütze

„Acht Jahre“, schätzt Susanne Linnebach von der Stadterneuerung Dortmund, wird es brauchen, um aus Westerfilde wieder mehr zu machen, als es heute, von außen betrachtet, zu sein scheint. Linnebach und Kucharzewski sehen viele Dinge unabhängig voneinander ähnlich. Der Einzelhandel, sagt Linnebach, müsse gestärkt werden. Und eben das Wir-Gefühl. Aber da sieht Linnebach eine Entwicklung: Beim ersten Stadtteilfest waren 300 Besucher da, das war 2015. Jetzt, 2018, seien es 7000 gewesen. Es gibt ein Quartiersmanagement und es gibt ein Bewusstsein für Westerfilde. Und es geht auch darum, Selbstheilungskräfte zu stärken. Da helfe ein bisschen Farbe an den Fassaden nicht aus, das weiß auch Linnebach. Aber das Fuß- und Radwegenetz soll verbessert werden, der öffentliche Raum insgesamt. Und in einem im Moment leerstehenden Gebäude am Marktplatz soll zusammen mit der Diakonie eine Anlauf- und Beratungsstelle für Familien und Alleinerziehende einziehen, in der die Diakonie mitarbeitet. Das seien Prozesse, die angestoßen werden müssen. „Ich wünsche mir, dass die Menschen hier gerne wohnen“, sagt Linnebach.

Kucharzewski wohnt eigentlich gerne hier. Wenn sie aus dem Fenster ihrer Wohnung schaut, sieht sie Felder. Aber es fehlen ihr auch Dinge. In unserem Stadtteilcheck haben Menschen Noten vergeben für verschiedene Dinge in ihrem Stadtteil. Westerfilde kam stadtweit am schlechtesten weg, kein einzelner Wert lag stadtweit über dem Durchschnitt.

Das wurde durchschnittlich bewertet:

Die Verkehrsbelastung: Sie bekommt sechs von zehn Punkten. Aufgrund seiner Lage hat Westerfilde den Vorteil, dass es wenig Durchgangsverkehr gibt. Die Stadt Dortmund zählt in einer aktuellen Fortschreibung eines „Integrierten Handlungskonzeptes“ zu den Vorteilen von Westerfilde noch die Parkplatzsituation. In der Tat, eine Parkplatzproblematik gibt es dort nicht.

Die Verkehrsanbindung bekommt neun von zehn Punkten. Ein hoher Wert, aber dortmundweit eben Durchschnitt. Westerfilde ist mit dem öffentlichen Nahverkehr gut zu erreichen, auch die Autobahnanbindung ist gut. Als Stephanie Kucharzewski ihre 18 und 22 Jahre alten Kinder gefragt hat, was ihnen an Westerfilde gefällt, nannten sie genau das.

Angebote für Jugendliche: Der Punkt „Jugendliche“ wurde ebenfalls mit fünf Punkten durchschnittlich bewertet. In Westerfilde wohnen viele Kinder und Jugendliche. Allerdings, und das leitet zu den Problemen über, leben etwas mehr als 60 Prozent von Hartz-IV-Bezügen.

Das wurde negativ bewertet:

Die Sicherheit: Sie bekam drei von zehn Punkten. Die Polizei sieht Westerfilde nicht als Kriminalitätsschwerpunkt. 2014 zählte die Polizei in Westerfilde 3169 Straftaten, 2017 waren es 2490. Ein deutlicher Rückgang. Lediglich die Rauschgiftdelikte stiegen im selben Zeitraum von 45 auf 131. Die Polizei sagt, dieser Anstieg liege daran, dass die Rauschgiftkriminalität ein Kontrolldelikt sei; je mehr man kontrolliere, desto mehr finde man. 2010 gab es in Westerfilde 828 Polizeieinsätze, 2015 waren es 881 und im vergangenen Jahr 928.

Die Sauberkeit: Als problematisch sehen die Menschen in Westerfilde, die uns geantwortet haben, die Sauberkeit an. Auch hier gab es drei von zehn Punkten. Tatsächlich, sagt auch Kucharzewski, sei Westerfilde etwas aufgeräumter und ordentlicher geworden, als es noch 2014 war. Einerseits gibt es das Engagement der Stadt, andererseits sind viele Wohnungen in der Hand der Vonovia. Das Unternehmen bekommt nicht überall die besten Kritiken, aber eine gewisse Grundstruktur wurde hergestellt. Büsche wurden zurückgeschnitten, es gibt weniger gammelige Ecken und damit auch weniger Sperrmüll als früher.

Die Gastronomie: Auch hier drei von zehn Punkten. Es gibt Fast-Food-Buden, das schon. Klassisch ausgehen aber kann man im Zentrum nicht, sagt Kucharzewski. Was es aber eben auch gibt, ist „Tante Amanda“, einen ehemaligen Bauernhof, der heute auch über Westerfilde hinaus in Dortmund als Ausflugslokal bekannt ist. „Schön, dass es das gibt“, sagt Kucharzewski.

Alle Ergebnisse unseres Stadtteilchecks auf einen Blick in unserer Übersichtskarte:

Zur Sache

Westerfilde war ein Strassendorf

Westerfilde: Ein gut angebundener Stadtteil – aber sicher fühlen sich die Menschen nicht

Die Westerfilder Straße vor dem Zweiten Weltkrieg - damals hieß sie Bismarckstraße. © Heimatverein

Lange Zeit war Westerfilde ein Straßendorf.Mit der zunehmenden Industrialisierung entstanden die Siedlungen wie die Kolonie Westhausen. Die Großwohnsiedlungen im Zentrum wurden in den 1970er Jahren gebaut.
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