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Stammkunden vergießen Tränen zum Abschied des Kult-Kaffeehauses Café Koehler’s

rnCafé Koehler’s

Am letzten Tag wird das Café Koehler’s in der Innenstadt noch einmal von Stammkunden und Fans überrannt. An der leergefegten Kuchentheke fließen Tränen – auf beiden Seiten.

Dortmund

, 15.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Niemand sagt nur einfach „Auf Wiedersehen“. Am Mittwoch (15.8.), dem letzten Tag im Koehler’s, nehmen sich die Gäste Zeit für ein paar nette Worte, für die Frage, wie es weitergeht und was aus dem Kaffeehaus wird, in dem die Uhren immer etwas langsamer tickten.

An diesem Mittwoch geht es allerdings nicht ganz so behäbig zu, wie sonst im Saal mit dem 20er-Jahre-Charme. Die drei Kaffeemaschinen laufen nonstop, Dutzende Edelstahlkännchen und Stapel kleiner ovaler Tabletts stehen daneben bereit. Im Koehler’s gibt’s noch Kännchen. Die Gäste gehören nicht zur Latte-to-go-Generation. Sie genießen in Ruhe ihren Pflaumenkuchen, die letzten Stückchen Lübecker Nusssahne und schwere Australische Schokotorte in der plüschigen Atmosphäre des Cafés, das ein bisschen auch ihr Wohnzimmer war in den vergangenen 16 Jahren.

Tradition des Café Koehler’s geht zurück bis 1853

2002 war das Café Koehler’s aus dem Zusammenschluss von Feinstkost Köhler und Café Strickmann entstanden – beides alteingesessene Dortmunder Spezialisten für Feinkost-, Back -und Konditoreiwaren mit einer Tradition, die bei Köhler bis 1853 zurückreicht. Das Café Strickmann verwöhnt seit 1925 mit Frühstück, kleinen Mittagsgerichten und süßen Verführungen zum Kaffee.

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Das war der letzte Tag im Kult-Café Koehler's

15.08.2018
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Viele Kunden brachten zum Abschied für das Personal Blumen mit.© Dieter Menne
Schon nachmittags waren die beliebten Kuchen und Torten ausverkauft, die Vitrinen komplett leergefegt. © Dieter Menne
Betriebsleiter Lukas Bogan dreht letzte Runden durch das Café.© Dieter Menne
Dagmar Sauer arbeitete 16 Jahre lang bei Koehler's. Jetzt steht sie hinter der leeren Theke: "Und dann kommen die Tränen."© Dieter Menne
Trizah Haase, Schauspielerin und Stammgast im Koehler´s, macht zum Abschied Selfies mit dem Personal, hier Klaudia Zielke (M.) und Kathrin Slawig.© Dieter Menne
Stühle und Tische an der Wißstraße werden nicht mehr gebraucht.© Dieter Menne
Gäste schießen Fotos zur Erinnerung an das Café.© Dieter Menne

An Markttagen gehörte für viele ein Abstecher in das heimelige Café in der Wißstraße einfach dazu. So wie für Inge und Werner Kohlmann, die sich einen Stadtbummel ohne das Koehler’s überhaupt nicht vorstellen können. Da es vielen so geht, waren schnell 2000 Unterschriften gegen die Schließung gesammelt. Doch auch die Fürsprecher und die Bemühungen der städtischen Wirtschaftsförderung konnten das Kult-Café nicht retten. Der Pachtvertrag läuft aus, der Nachlassverwalter wickelt das Geschäft ab. Trotz einiger Interessenten ist ein neuer Betreiber offenbar nicht in Sicht.

Alle wollen ein letztes Stück Kuchen ergattern

So fällt also am 15. August tatsächlich der Hammer beziehungsweise der Tortenheber hinter der rot-weißen Markise. Die Regale auf der Bistro-Seite sind bis auf ein paar Konserven und Spirituosen bereits leergeräumt. Die Küche schließt um 12 Uhr. Als die Stammgäste zum Abschied kommen, wird bereits aufgeräumt.

„Ich bin total traurig“, sagt Tatjana Böcher, die mit ihrer Mutter auf einen letzten Kaffee ins Koehler’s gekommen ist. „Ich war in letzter Zeit oft hier, das plüschige Café ist etwas Besonderes. So etwas gibt es doch kaum noch. In den Bäckereien kann man heute überall Kaffee trinken. Aber das sind doch keine Cafés.“

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Abschied vom Kult-Lokal Koehler's

Bereits mittags lichtet sich das üblicherweise üppige Kuchenbuffet, vor der Theke bildet sich eine Schlange bis zur Tür. Viele versuchen ein letztes Mal ein paar Stückchen Koehler’s-Kuchen zu ergattern. Mit den in weiß-blaues Papier gehüllten Tabletts drehen sie noch eine Runde durch den Saal, mit „Echt schade“ auf den Lippen und einem „Alles Gute“ an die Bedienung.

Wehmut packt selbst die Hartgesottenen

Um 15 Uhr sind die Auslagen leergefegt. Hinter den blank geputzten Vitrinen aus Glas mit Messingregalen steht Dagmar Sauer und verdrückt eine Träne. Und sie sieht nicht aus wie eine, die schnell weint. 16 Jahre hat sie im Koehler’s gearbeitet. Jetzt verteilt sie die Blumen, die wehmütige Gäste mitgebracht haben, unter den Kolleginnen. „Ich konnte euch alle sowieso nie leiden“, sagt sie schroff, und es ist nicht zu überhören, wie sehr der Abschied schmerzt.

Auch einigen Gästen stehen Tränen in den Augen, Tirzah Haase beispielsweise. „Das Koehler’s war immer Dortmund, Heimat und Familie“, sagt die Schauspielerin und Sängerin, die dem Café und dem ehemaligen Feinkost-Laden seit 35 Jahren verbunden ist.

So sieht es auch Silvia Timme, die zum Abschied eine große Orchidee mitgebracht hat. Über Jahrzehnte seien die Stamm-Mitarbeiterinnen für sie wie Familie geworden, erzählt die Dortmunderin, die nicht fassen kann, dass es nun vorbei ist. „Es ist echt hart, das sowas passiert.“

30 Mitarbeiter müssen sich einen neuen Job suchen

30 Mitarbeiter verlieren ihre Arbeit. Sie wissen das seit Ende Mai, einige waren seitdem krank. Andere halten durch bis zum bitteren Ende, so wie Klaudia Zielke, ein Urgestein, wie die Kolleginnen scherzen. Sie stand schon im ehemaligen Feinkostladen hinter der Theke, 40 Jahre ist die 55-Jährige nun dabei.

Stammkunden vergießen Tränen zum Abschied des Kult-Kaffeehauses Café Koehler’s

Klaudia Zielke und Betriebsleiter Lukas Bogan schließen ab. © Dieter Menne

Sie ist es auch, die um 17 Uhr hinter den letzten Gästen das Gitter vor der alten Tür aus Holz und Glas herunterlässt, bevor Betriebsleiter Lukas Bogan den Schlüssel herumdreht. Was noch an verpackter Ware zurückbleibt, wird von der Tafel abgeholt. Am Donnerstag kommt Klaudia Zielke zum letzten Mal, zum Aufräumen. Dann gibt´s auch im Koehler’s keine Kännchen mehr.

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