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Unfallflucht kann teurer werden als der steigende Preis für die Haftpflichtversicherung

rnStraßenverkehr

2017 fuhren 5509 Autofahrer nach einem Unfall in Dortmund davon. 5509 Fälle von Fahrerflucht. Tendenz: steigend. Betroffen war auch Stephanie Bakat. Sie kam aber günstig an eine Reparatur.

Dortmund

, 29.11.2018 / Lesedauer: 4 min

Es war ein ganz normaler Vormittag mitten in der Woche: Stephanie Bakat wollte mit ihrem 13 Jahre alten Smart am Brackeler Citycenter in eine Parklücke fahren, als ein Pkw älteren Baujahrs zurücksetzte und den Kotflügel vorne links rammte: „Der ist so richtig mit Schmackes rausgeschossen.“ Sie und der Unfallverursacher, ein älterer Herr, stiegen aus, betrachteten den Schaden – und verursachten einen Stau. „Die Autos hinter mir hupten schon, weil es nicht weiterging“, sagt die 48-Jährige über den schnell angestiegenen Stresspegel.

Sie entschied sich, ihren Smart drei Parklücken weiter einzuparken, um die Spur zu räumen. Für den Anruf bei der Polizei holte sie ihr Handy und ihre Handtasche heraus. Dann lief sie die sieben bis zehn Meter zum Unfallort zurück und der Unfallverursacher war weg.

„Es gab Zeugen, aber kein Kennzeichen“

Es gab zwar Zeugen für den Unfall, aber niemand hat sich das Pkw-Kennzeichen gemerkt. Noch heute ärgert sie sich über den Schaden und sich selbst: „Meinen Kunden rate ich ja, nach einem Unfall immer sofort das Kennzeichen aufzuschreiben und sofort auch die Polizei zu rufen. Aber beim eigenen Unfall war ich selbst nicht dazu in der Lage.“

Das Warten in der Werkstatt auf den Täter

Und doch hatte Stephanie Bakat ein wenig Glück im Unglück. Ihr Vater ist Chef der Firma „Auto Bakat“ in Brackel und ihr Ehemann Sven der Betriebsleiter. Karosserie und Lack sind das tägliche Geschäft bei den Bakats. Sie musste nichts bezahlen, dafür aber viel Geduld aufbringen. Denn über mehrere Woche wurde der Smart nicht repariert. Alle Mitarbeiter warteten gespannt auf einen älteren Herrn mit einem älteren beschädigten Pkw, dessen Unfallschaden am Heck das Gegenstück zum Schaden an der Front des Smarts sein könnte. Viele Kunden aus Brackel und Umgebung fahren zu den Bakats, um einen Schaden reparieren zu lassen. Nicht so jener Fahrer, der in den Smart gedonnert ist.

Unfallflucht kann teurer werden als der steigende Preis für die Haftpflichtversicherung

Betriebsleiter Sven Bakat im Lackierbetrieb in Brackel: "95 von 100 Kunden mit einem beschädigten Pkw kennen nach der Unfallflucht den Täter nicht. Alle 95 sind so richtig sauer." © Peter Bandermann

Für Betriebsleiter Sven Bakat war dieser Unfall mit Flucht ein typischer Fall. „95 von 100 Kunden mit einem beschädigten Pkw kennen nach der Unfallflucht den Täter nicht. Und alle 95 sind so richtig sauer.“ Leichte Schäden an der Oberfläche ließen sich auspolieren. Beulen und Dellen seien auch zügig behoben. „Das berechnen wir nicht, dafür stellen wir ein Sparschwein auf“, sagt Sven Bakat.

Richtig teuer werde es, wenn der Schaden nach dem Parkplatz-Rempler in mehreren Arbeitsschritten behoben werden müsse. Instandsetzung, Lackierungsvorbereitung und Lackierung, die Endmontage und das Lack-Finish würden drei Arbeitstage dauern. 1000 Euro seien schnell erreicht und je nach Schaden auch überschritten. Wer dann auf den Kosten sitzen bleibt, bekommt schlechte Laune.

Stephanie Bakat glaubt, dass der Autofahrer, ein 75 bis 85 Jahre alter Mann, wohl Angst vor den Konsequenzen gehabt und mit einem endgültigen Führerschein-Entzug gerechnet habe. Der Schaden ist inzwischen repariert. Schwamm drüber.

Unfallflucht kann teurer werden als der steigende Preis für die Haftpflichtversicherung

"Unfallflucht ist unfair": Polizeioberkommissar Benjamin Thom verteilte am Donnerstag auf dem großen Parkplatz des Einkaufszentrums an der Schleefstraße in Aplerbeck diese Flugblätter an Passanten und Autofahrer. © Peter Bandermann

Mit 5509 Verkehrsunfallfluchten bei einer Aufklärungsquote von nur 20 Prozent gehört diese Straftat für die Dortmunder Polizei zum Alltag. Doch wegen seit 2013 (4110 Fälle) von Jahr zu Jahr steigender Taten appelliert sie jetzt mit einer Kampagne an Unfallverursacher und Zeugen, die Polizei einzuschalten. „Unfallflucht ist unfair“, lautet der Titel der Kampagne.

Der erste Polizeihauptkommissar Ralf Lenfert vom Verkehrsdienst wird noch deutlicher: „Unfallflucht ist eine Sauerei.“ Tatorte mit den höchsten Unfallzahlen – auch mehreren Unfällen an einem Tag – sind die großen Parkplätze an Einkaufszentren oder Baumärkten. Der Indupark in Oespel, das Einkaufszentrum an der Bornstraße oder der Real-Parkplatz an der Schleefstraße in Aplerbeck gehören zu diesen stark beanspruchten Parkplätzen mit hohen Unfallzahlen inklusive Flucht.

Manche zeigen den Schaden nicht an

Die 5509 Fälle aus dem Jahr 2017 seien die angezeigten Fälle. „Manche Autofahrer merken den Schaden erst spät und können sich nicht erklären, wann und wo der Schaden entstanden ist und zeigen dann Fall nicht an. Mit Formularen fürs Handschuhfach (hier geht es zum PDF-Download) hofft die Polizei, mehr Fälle aufklären zu können. Zeugen sollen die Formular-Felder ausfüllen und das Papier der Polizei oder dem geschädigten Pkw-Besitzer übergeben und bestenfalls den Notruf 110 wählen.

Unangenehme Folgen vor Gericht

Ralf Lenfert warnt eindringlich: Wer einen Unfall verursacht, dann türmt und von einem Zeugen beobachtet wird, müsse mit harten Konsequenzen rechnen. Richter Jan Schwengers vom Dortmunder Amtsgericht bestätigt das. Abgesehen vom Strafmaß („in der Regel eine Geldstrafe“) seien bereits die Gerichtskosten hoch. Behaupte der Angeklagte, dass er den „Rempler“ nicht habe hören können, beauftragt das Gericht einen Gutachter, der die „Wahrnehmbarkeit der Kollision“ (akustisch oder taktil) untersuchen soll. Jan Schwengers: „Allein das Gutachten kostet 1000 Euro.“

Ab zum Idiotentest

Möglich sei auch eine „spürbare Nebenstrafe“ – das drei Monate dauernde Fahrverbot. Sind die zwölf Wochen vorbei, darf der verurteilte Fahrer automatisch weiterfahren. Hole das Gericht „eine richtige Keule“ hervor, werde es noch unangenehmer: Dann kann das Gericht die „Entziehung der Fahrerlaubnis“ anordnen. Der Schuldige müsse nach Ablauf einer Frist die Wiedererlaubnis beantragen. In der Regel nach einer medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU, umgangssprachlich „Idiotentest“). Für den Test sind noch einmal mehrere hundert Euro fällig. Den Schaden über die Haftpflichtverischerung regeln zu lassen könnte trotz steigender Versicherungsprämie immer noch günstiger sein.

Weitere Fallzahlen zur Unfallflucht in Dortmund
  • 2016: 5251
  • 2017: 5509
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