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Wasser findet seinen Weg

rnDer Phoenix-See und der Wandel in Hörde

Im Dortmunder Stadtteil Hörde entstand mit dem Phoenix-See einer der bedeutendsten Stadtumbauprozesse der deutschen Gegenwart. Wer hier unterwegs ist, stößt immer wieder auf eine Frage: Was bleibt, wenn sich alles wandelt?

HÖRDE

, 01.04.2018 / Lesedauer: 14 min

Früher, als es hieß, die Engel backen Plätzchen, wenn die Hörder Fackel den Himmel erleuchtete, da kam das Stahlwerk in den Köpfen der Leute nicht vor. Also es stand da natürlich, aber so, wie man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, so sah man eben das Stahlwerk vor lauter Stahlwerk nicht. Nur den Pseudo-Krupp und die Bronchitis, die gab es für lau dazu.

So erzählt es einer, der schon lange genug hier wohnt. Der hier geboren ist und hier vermutlich auch sterben wird. Seine Vorfahren sahen das Stahlwerk kommen, er sah es stehen und dann gehen.

Das Stahlwerk wurde abgebaut, dafür kamen hunderte Chinesen. Schraubten es auseinander und bauten es in China wieder auf. In China produziert die Firma Shagang in den alten, originalgetreu wieder aufgebauten Öfen der Hermannshütte immer noch Zehntausende Tonnen Stahl. Doch eine neue Stahlkrise hat die Region nahe der Metropole Shanghai erreicht – dort stellen sich die Menschen jetzt ähnliche Fragen wie in Hörde seit gut 20 Jahren.

Anwohner werden vergessen

Da, wo das Stahlwerk in Hörde stand, plätschert heute ein See, an seinen Ufern Neubaugebiete, bestehend aus Würfelbauten, herausgefallen dem bauhaus'schen Würfelbautenhaus-Musterkatalog.

Jetzt gibt es einen ähnlichen Effekt: So, wie die Menschen früher das Stahlwerk ausgeblendet haben, blendet das Neubaugebiet die Menschen aus, die hier schon immer gelebt haben. Wenn es um den Phoenix-See geht, sehen alle nur den See und das Neubaugebiet.

Das, was dahinter liegt, wird übersehen. Auch wenn es schon viel länger da ist und auch wenn die, die hier Jahrzehnte mit Umweltverschmutzung leben mussten, doch am ehesten ein Naherholungsgebiet verdient hätten. Denn das ist der See heute. Ein Naherholungsgebiet. Hätte man vor 25, 30 Jahren auch nicht gedacht.


Wasser findet seinen Weg

Eine historische Ansicht der Hermannshütte. © Archiv Garth

Hörde war schon einmal eine begehrte Braut 

In den vergangenen 25 Jahren ist in Hörde viel geschehen. Die Dinge, die diese Entwicklung möglich machten, sind aber in anderen Zeiten passiert. Und es ist eine passende Laune des Schicksals, dass sich der Name Hörde von Huryde oder Huride ableitet. Was letztlich beides Hürde heißt.

Wer weiß, wie Hörde heute aussähe, wenn der 8. März 1928 anders verlaufen wäre. An diesem Tag verabschiedet ein Eingemeindungsausschuss im Preußischen Landtag das „Gesetz über die kommunale Neuordnung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes“ auf Antrag der SPD. Hörde ist damit ab dem 1. April 1928 ein Teil Dortmunds.

Der bevölkerungsreiche Stahl-Standort ist eine begehrte Braut für den großen Nachbarn. Sechshundert Jahre Stadtrechte sind damit Geschichte.

Hörde war ein Gewinner der Industrialisierung

Am 15. August 1340 verlieh Graf Konrad von der Mark dem Dorf mit Burg die Stadtrechte.

Da, wo heute der See liegt, ist damals ein Sumpfgebiet, und am Remberg bauen sie Wein an (was sie dort heute wieder tun). Hörde wird mit der Gründung der Hermannshütte im Jahr 1840 zunehmend attraktiv. Das Dorf wird durch die gute Anbindung an umliegende Zechengebiete zum Stahl-Standort.

Hörde ist ein Gewinner der Industrialisierung. Durch den Zuzug von Arbeitskräften explodiert die Bevölkerungszahl. 1801 leben hier nur 948 Menschen, 1840 sind es bereits 1637 und 1861 schließlich 7240 Menschen.

Technische Innovationen bringen das Stahlwerk voran. Die Abläufe im Hörder Stahl-Kosmos gelten zeitweise als die perfektesten in ganz Europa. Teilweise glühen bis zu sieben Hochöfen gleichzeitig. Und wo es glüht, da hat man Durst: Kneipe an Kneipe reiht sich an Weingarten- und Hermannstraße aneinander.


Wasser findet seinen Weg

Der Tresen in der letzten Kneipe an der Weingartenstraße. © Felix Guth

Bruchbuden und schicke Neubauten trennen nur ein paar Meter

Eine gibt es heute noch. Sie heißt „Zum Phönix“ und trägt die Hörder Fackel im Logo. Sie wirkt aus der Zeit gefallen, als sei sie in den 1980er Jahren einfach vergessen worden. Statt Schichtbetrieb ist sie heute eher eine Art Hobby von Gerd Stotko. Dass der Laden überhaupt noch läuft, hat nur einen Grund: Gerd ist Eigentümer des Hauses. „Es ist ein Hobby, es würde sich sonst nicht tragen“, sagt er.

Die Leute aus den See-Neubauten, keine 50 Schritte entfernt, kommen fast nie hierher. Am Tresen lässt es sich gut reden, über das, was in den vergangenen Jahrzehnten mit Hörde passiert ist. Diejenigen, die hier sitzen, sind schließlich nah dran am Wandel.

Viele sind, wie Gerds Nachbar, der auch Gerd heißt, auf den ersten Blick Gewinner des Prozesses. Das Haus, das er einmal für 180.000 Euro gekauft hat, ist heute eine halbe Million Euro wert. Hat die Sparkasse neulich geschätzt.

Die Menschen hier sehen die Details der Stadterneuerung. Sie sehen die Wertsteigerung auf dem Papier. Die positive Veränderung des Eltern-Klientels der Weingartengrundschule am See, wo anders als noch vor einigen Jahren Geldfragen, zum Beispiel bei Klassenfahrten, auf einmal nicht mehr so eine Rolle spielen. Sie erleben, wie durch die neue Bewohnerschaft auch wieder mehr Familien und Kinder im Viertel sind.


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Die Weingartenstraße am Rande des Sees. © Stephan Schütze


Doch sie leben mitten in den Gegensätzen. Zwischen den Neubauten an der Seehöhe und altem Bestand an der Weingartenstraße liegen nur ein paar Meter Asphalt. Diese Straße ist wirklich einmalig. Wer in verranzten Altbauten wohnt, guckt auf neuen Baubestand. Und eben andersherum.

„Es wächst zusammen, was zusammengehört“ - oder nicht?

Sozial Schwächere seien herausgedrängt worden, da sind sich hier viele einig, auch wenn das durch Zahlen nicht belegt ist. Und es gibt die Sorge, dass das alles nur eine große Blase ist, die in ein paar Jahren zerplatzt. „Das ist künstlich hochgezüchtet. Es fehlt die Infrastruktur“, sagt ein Gast.

Mit jedem Bier wird die Diskussion grundsätzlicher. Irgendwann ist die Runde beim Vergleich zum Mauerfall. „Hier wächst zusammen, was zusammen gehört“, sagt ein Mann mit ostdeutschem Dialekt und lacht schallend. Es sind sich eben nur nicht alle einig, ob das gelingt. Und welche Folgen am Ende stehen.

Einen ehrlichen Blick solle man doch mal richten auf Hörde. Einen, „in dem der Typ, der am Tresen auf den Putz haut, genauso vorkommt wie der von nebenan, der gerade mit seinem Investor geredet hat, während es für mich um die Frage geht, ob ich mir zwei oder drei Getränke leisten kann.“ Denn wenn bisher von Hörde und vom See die Rede ist, dann sind damit meistens die neuen Nachbarn gemeint.


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Mehr Wachstum als die Stadt insgesamt

Hörde ist in den vergangenen zehn Jahren stark gewachsen: Über 2000 Menschen mehr wohnten 2017 dort als noch 2007. Den Löwenanteil des Zuwachses lieferten die beiden Unterbezirke Remberg und Hörde-Zentrum (1733). Das verwundert nicht, schließlich liegen in ihnen die Neubaugebiete rund um den Phoenix-See. Damit wuchs Hörde prozentual dreimal so stark wie die Gesamtstadt (9,1 Prozent im Vergleich zu 3,1 Prozent).

Viele Neu-Hörder kommen von außerhalb Dortmunds. Rechnet man die Zu- und Fortzüge der vergangenen zehn Jahre zusammen, zeigt sich, dass es über 2800 Umzüge von Nicht-Dortmundern nach Hörde mehr gab, als Umzüge von Hördern raus aus Dortmund. Bei den Umzügen innerhalb des Stadtgebiets sieht es hingegen ganz anders aus: Da zogen mehr Hörder in andere Stadtteile als umgekehrt (über 600).

Dass so viele Menschen nach Hörde ziehen, liegt am See. Der verändert den alten Arbeiterstadtteil, der er einst war, so stark, dass es für einen solchen Vorgang keine Blaupause und keinen Erfahrungswert gibt.


Hörde vorher und nachher: legt man Luftaufnahmen übereinander, werden die gigantischen Veränderungen sichtbar, die der Phoenix-See mit sich gebracht hat.

Vom Sumpf zum See - wie der Plan entstand

Warum es den See gibt, dazu gibt es verschiedene Meinungen: Bei einem Kamingespräch sei die Idee entstanden, sagen die einen. Schon lange gab es diesen Plan, sagen andere, die als Beleg anführen, dass die Verkehrsanbindung an die Bundesstraße 236 schon ausgebaut wurde, als das Ende des Stahlwerks beschlossene Sache war.

Nur folgerichtig sei ein See an dieser Stelle, heißt es von Dritten. Das hier war früher mal Sumpfgebiet. Vom Remberg kam immer schon Wasser herunter und da sei ein See nur logisch.

Es gibt verschiedene Meinungen und eine offizielle Geschichte und die geht so: Im Jahr 1999 fertigt Norbert Kelzenberg, Architekt in Diensten der Stadt, eine Skizze von einem künstlichen See auf dem Stahlwerksgelände an. Dieses ist damals noch in Betrieb – und die Vision deshalb noch nicht bereit für die Öffentlichkeit.

Von „Sprengkraft“ spricht Kelzenberg rückblickend selbst. Und der damalige Oberbürgermeister von Dortmund, Gerhard Langemeyer, wird später sagen, er habe die Pläne erst einmal wegschließen lassen, vielleicht würden sich auf der entstehenden Brache ja auch wieder Arbeitsplätze ansiedeln lassen.

Arbeitsplätze waren nicht in Sicht, zumindest nicht in der Anzahl, die es gebraucht hätte. Als 2001 in Hörde zum letzten Mal Stahl schmilzt, da hat Langemeyer den künstlichen See schon zum großen Zukunftsplan gemacht.

Der Kampf der „Hoeschianer“

Zukunft brauchte es dringend, als die Stahlindustrie starb. Die Besitzverhältnisse des Hüttenwerks wechseln irgendwann in immer schnellerem Rhythmus. 1966 geht die Hörder Hütten-Union in die Hoesch AG über. Der Unternehmername prägt eine ganze Generation von Hördern, die, fast wie ein eigener Ur-Stamm, den Namen „Hoeschianer“ tragen.

Der Stamm zieht irgendwann in den Kampf: um die 35-Stunden-Woche 1978/79, die Auseinandersetzungen um die Montan-Mitbestimmung 1980 und zuletzt in den Kampf um Arbeitsplätze unter dem Motto „Stahlwerk jetzt!“ Schon weit vor der „feindlichen Übernahme“ durch die Krupp AG 1992 beginnt der Niedergang der Stahlindustrie.

Wasser findet seinen Weg

Der letzte Abstich auf der Hermannshütte am 28. April 2001. © Dieter Menne


1998 wird der letzte Hochofen auf Phoenix-West stillgelegt. Am 28. April 2001 erfolgt in bemerkenswert bedrückender Atmosphäre der letzte Abstich auf der Hermannshüte. 

2004 wird die Fackel gesprengt, es ist eine seltsame Stimmung an diesem Tag. Irgendwo zwischen Kirmes und Trauerfeier. Ein DJ spielt Musik, warum er da ist, weiß er selbst nicht. Es gibt Bratwurst und Bier und dazwischen viele Menschen, die hier mal gearbeitet hatten.


Zwischen Erinnerung und neuer Identität

Vom Aufbruch zu neuen Ufern träumen zu diesem Zeitpunkt noch wenige. Es gibt da einen Plan, einen See zu bauen. Aber zunächst fällt die Fackel. Fällt kerzengerade. So wie es die Stadtverwaltung wollte. Pläne, die Fackel als Erinnerung zu behalten, waren strikt abgelehnt worden.

Die Sorge, dass diese Fackel später bei der Vermarktung der Seegrundstücke stört, war zu groß. Damit war auch die letzte Erinnerung an die Arbeit, die hier geleistet wurde, zerstört.

Wenn Arbeit Identität gibt, ist sie ab hier verloren. Hörde ist ein Arbeiterstadtteil ohne Arbeit.

Hörde, sagt Fred Ape, er ist Musiker und Kabarettist und betreibt das Cabaret Queue, ist zu dem Zeitpunkt in seiner Wahrnehmung ein kranker Stadtteil: Voll von Ärzten, Rentnern und Apotheken. Die Arbeit mag fort sein, ihre Folgen sind noch da. Im Boden, im Stadtbild und in den Menschen.


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Der Phoenix-See wöhrend der Bauphase im Jahr 2009. © Stephan Schütze

Das Kosten-Konstrukt des Phoenix-Sees

2001 wird die Phoenix-See Entwicklungsgesellschaft mbH gegründet, eine hundertprozentige Tochter der Dortmunder Stadtwerke AG (DSW 21), deren Aufgabe in der „operativen Standortentwicklung“ liegt – von den vorbereitenden Grundlagenuntersuchungen bis hin zur Grundstücksvermarktung.

Der Deal funktioniert folgendermaßen: Im April 2004 kauft die Stadt Dortmund das 96 Hektar große Stahlwerksgelände von Thyssen-Krupp. Es wird gekauft, wie gesehen, 11,4 Millionen Euro kostet das Areal, Abbruchkosten sind noch nicht eingepreist. Die Stadt gibt das Gelände direkt an DSW 21 weiter, deren Entwicklungsgesellschaft sich an die Arbeit macht.

Vermutlich wurde dieses Konstrukt gewählt, damit nicht die Stadt das Gelände entwickeln muss. Wäre das geschehen, hätten viele Aufträge öffentlich ausgeschrieben werden müssen. 2010 kauft die Stadt den See für 62 Millionen Euro offiziell von DSW21 zurück.

Altlasten verzögern den Spatenstich

Mittlerweile ist bekannt: Die ursprüngliche Kalkulation von 180 Millionen Euro Gesamtkosten ist nicht zu halten. Ursache für die Zusatzkosten waren Bergbaufolgen, vor allem aber tief liegende Fundamente, die im See-Grund entdeckt wurden und beseitigt werden mussten. Dadurch verzögerte sich die Eröffnung um ein Jahr.

Im September 2005 ist Spatenstich-Termin, man hätte ihn Baggerschaufel-Termin nennen sollen. Insgesamt wurden über 2,6 Millionen Kubikmeter Boden bewegt und 430.000 Kubikmeter Stahlbeton aus dem Boden gekratzt. Aus einem Boden, auf dem gut 160 Jahre lang Stahl gekocht wurde.

Eine Schwermetallbelastung in den unteren Bodenschichten, mit dem Bewohner nicht in Berührung kommen dürften, ist wahrscheinlich. Das Gelände wird im Altlastenkataster der Stadt Dortmund geführt.

Ein Fünftel der ausgehobenen Bodenmasse wurde nach Phoenix-West gebracht, ein weiterer großer Teil wurde am Ende des Sees zur B236 hin zum sogenannten Kaiserberg aufgeschüttet und mit einer Lehmschicht abgedeckt. Und wer neu bauen wollte, hatte sein Grundstück mit einer halbmeterhohen Schicht Mutterbodens abzudecken.


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Der 80er-Jahre TV-Star Larry Hagman kam 2010 zur Flutung. © Stephan Schütze

Das „neue Dortmund“ beginnt in Hörde

Im Herbst 2009 sind die Erdarbeiten vorbei, ein Jahr später beginnt die See-Flutung. Ein großes Fest am heutigen Hafen läutet das „Wasser marsch“ stilecht ein. Es kommen mehr 50.000 Menschen – und „Dallas“-Star Larry Hagman mit riesengroßem Cowboyhut.

Dass die Bauzeit länger war und die Kosten aufgrund von Fundamentresten im Boden um Millionen Euro gestiegen sind, ist zu dem Zeitpunkt kein Thema mehr. Das „neue Dortmund“ hat ein neues Zuhause bekommen.

Heute gibt die Stadt die Gesamtkosten des Projekts mit rund 230 Millionen Euro an. Knapp die Hälfte dieses Betrages müsse über die Grundstückserlöse refinanziert werden. „Die übrige Summe finanziert sich über die Fördermittel, die Anteile der Emschergenossenschaft sowie über städtische Eigenanteile. Das Ziel ist eine ausgeglichene Finanzierung des Phoenix-See Projekts“, so die offizielle Sprachregelung.




Wasser findet seinen Weg

Blick über den See vom Kaiserberg aus gesehen. © Stephan Schütze


Das „Ihr-gehört-hier-nicht-mehr-hin-Gefühl“

Siebeneinhalb Jahre ist der Anfang der Seeflutung jetzt her, still ruht heute der See. Zeit, sich die Frage zu stellen, wo Hörde heute steht. Oder vielleicht korrekter: Wie weit ist der Prozess der Stadterneuerung gediehen?

Das Gefühl vieler Hörder, nicht an dem Erneuerungsprozess teilzuhaben, ist stark ausgeprägt. Die Raumplanerinnen Prof. Dr. Susanne Frank und Ulla Greiwe von der Technischen Universität (TU) Dortmund befassen sich seit einem knappen Jahrzehnt mit dem Phoenix-See. Ulla Greiwe sagt: „Es gibt die Ebene des persönlichen Erlebens, des Ihr-gehört-hier-nicht-mehr-hin-Gefühls, die sich durch den Stadtteil schleicht, ohne dass es immer so direkt ausgesprochen wird.“

Für Susanne Frank hat das seine Ursache, lange bevor die ersten Menschen am See eingezogen sind. „Das Phoenix-Projekt sollte die Geschichte vom neuen Dortmund erzählen. An Phoenix sollte sich zeigen, dass Dortmund den Strukturwandel bewältigt, dass Dortmund aufbricht in eine strahlende Zukunft, Dienstleistungsmetropole wird, international renommiert“, sagt die Wissenschaftlerin.

„Das, von dem man sich verabschieden möchte, wird durch das alte Hörde repräsentiert, Arbeitslosigkeit, Armut. Das Phoenix-Projekt verkörpert das, was ersehnt ist, was begehrt ist, was gut ist. So ist diese Geschichte von Anfang erzählt worden“, so Susanne Frank weiter.

Schöne neue Welt

Symbolhaft ist ein Werbefilm, den DSW21 einst zur Vermarktung der ersten Grundstücke am See angefertigt hatte. Im virtuellen Überflug über Hörde fehlen die Hochhäuser des Clarenbergs. Das alte Hörde wurde einfach wegretuschiert, um den Verkaufserfolg zu steigern.



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Eine Animation des Phoenix-Sees aus dem Jahr 2005. Der Clarenberg fehlt auf dem Bild. © Knut Vahlensieck


Und all das gelingt gut: Von den insgesamt 301 Wohngrundstücken sind 299 verkauft, der Verkauf der beiden weiteren Grundstücke steht kurz vor der notariellen Beurkundung. Von den insgesamt 57 gewerblichen Grundstücken seien 53 verkauft. Die Gastronomien am Hafen sind in der Regel voll, an Wochenenden ist hier kein Platz mehr zu bekommen. Und auch mittags unter der Woche sind sie gut besucht.

Wenn der Manta neben dem Maserati parkt

In einem Sushi-Restaurant an der Kai-Promenade sitzen vier junge Frauen zusammen. Sie unterhalten sich, eine zeigt ihren Freundinnen auf einem Handy ein Foto, wie sie sich bald die Lippen aufspritzen lassen möchte. Am See, so hatte es ein Managermagazin nach der Eröffnung 2011 formuliert, parkt der Manta neben dem Maserati. Die jungen Frauen würden in den Maserati gehören.

Als in der vergangenen Woche eine Musterwohnung in Seen-Nähe zur Besichtigung eröffnet wird, kommen viele Interessenten. Es ist eine Wohnung von vielen, elf Mehrfamilienhäuser werden es insgesamt, hinten wird noch gedämmt, vorne wird besichtigt. An der Tür gibt es kleine Überzieher für die Schuhe, drinnen Sekt, Orangensaft und hübsch gestaltete Prospekte zu der Anlage.

Die Wohnung ist von einer Innenarchitektin wohnlich gestaltet worden. Die Küche und die Badezimmereinrichtung sind inklusive, auch die Kamera an der Haustür, durch die man auf einem kleinen Bildschirm in der Wohnung sehen kann, wer unten Einlass begehrt.

Durch einige Fenster man kann über die Dächer der davorliegenden Bauhaus-Häuser auf den See schauen. Zwischen 14,50 und 15,50 Euro pro Quadratmeter wird hier die Miete liegen. In München oder Hamburg mag man über einen solchen Kurs lächeln. In Dortmund ist das ein Wahnsinnskurs.

Müssen die einen den anderen weichen?

Es ist ein bemerkenswertes Phänomen: Wen immer man zur Entwicklung Hördes befragt, der beeilt sich zu betonen, dass der See eine gute Sache ist. Gleichzeitig ist am Ende jedes Gesprächs die Liste der Kritikpunkte lang.

Womit wir bei der Gentrifizierung angekommen sind. Der Begriff bedeutet übersetzt schlicht Verdrängung von etwas Bestehendem durch etwas Neues und beschreibt Phänomene wie die Wohnungsmarktentwicklung in Großstädten wie Hamburg, München oder Berlin.

Menschen mit wenig Einkommen müssen Menschen mit viel, zumindest aber mehr Einkommen weichen. In Dortmund war das bisher eigentlich kein Thema, abgesehen vom Kreuzviertel in den 1980er und 1990er Jahren.



Wie hoch sind die Nettokaltmieten in Dortmund? Klicken Sie auf die einzelnen Flächen für mehr Infos! Sie können Ihre Straße suchen. Geben Sie sie im Suchfenster mit dem Zusatz „Dortmund“ ein! (Daten: Stadt Dortmund, Stand: 2016)

Auf die Frage, ob in Hörde Gentrifizierung im klassischen Sinne passiert, lautet die Standardantwort der Stadt Dortmund: nein. Wo vorher nichts war, kann auch nichts verdrängt werden. Tatsächlich gibt es bisher kaum direkte Verdrängungsprozesse.

Das hat einen einfachen Grund: das Neubaugebiet. Wenn man sich vorstellt, der See wäre ohne Neubaugebiet geplant worden, würde es verdrängungstechnisch ganz anders aussehen. Nur sind die Neubaugebiete inzwischen besiedelt und die Wohnungen größtenteils vergeben.

Was meinen die Menschen eigentlich, wenn sie von Gentrifizierung sprechen? Die beiden Raumplanerinnen Susanne Frank und Ulla Greiwe haben in zahlreichen Interviews mit Bewohnern Hördes eine mögliche Antwort darauf gefunden. „Was verhandelt wird, wenn über Gentrifizierung so oft gesprochen wird, ist eine Stadtentwicklung unter den Vorzeichen sozialer Ungleichheit. Dieses Gefühl: In Hörde muss das Zusammenleben neu ausgehandelt werden“, sagt Susanne Frank.

Das Gefühl der sechsten Reihe

Dabei sehen sich die Alteingesessenen in einer schwächeren Position gegenüber den Neubürgern. Ulla Greiwe spricht von einer „symbolischen Gentrifizierung“.

Wenn man in Hörde unterwegs ist, findet man vor allem ein Gefühl. Man findet es nicht direkt am See, eher in der sechsten Reihe und dahinter: Wenn die, die vorne im Neubaugebiet wohnen, ein Problem haben oder eins sehen und die Verwaltung anschreiben, dann steht die Verwaltung stramm und kümmert sich. Wenn die von hinten, die Alteingesessenen, ein Problem haben, tut sich nichts.

Für diese Erzählung gibt es zwei Dinge, sie beginnen beide mit W: Wachdienst und Weingartenstraße.

Es gibt den Wachdienst, offiziell dient er der Einhaltung der Seesatzung. Er soll dafür sorgen, dass nicht gegrillt wird, keiner schwimmen geht oder angelt. Was der Wachdienst tatsächlich tut, ist speziell in den Abendstunden Jugendlichen hinterherzulaufen, die sich am See treffen und den Anwohnern zu viel Krach machen. Es gibt keine andere Grünfläche oder ein Naherholungsgebiet in Dortmund, das einen solchen Wachdienst hat.

Und die Weingartenstraße, durch die sich der Feierabend- und Wochenendverkehr walzt, die ist überlastet und verstopft – aber da kümmert sich kein Wachdienst und nichts passiert.

Stadtteile müssen sich wandeln

Die Phoenix-Projekte sind beispiellos in ihrer Konsequenz, dem Strukturwandel mit dem Aufbau von etwas ganz Neuem zu begegnen. Einer ganz neuen Geschichte. Das war notwendig. Niemand, den man in Hörde fragt, stellt sich gerne einen Stadtteil mit zwei gigantischen Brachflächen vor.


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Das Hörder Zentrum liegt eingeklemmt zwischen den beiden ehemaligen Industrieflächen Phoenix-West (vorne) und -Ost (hinten) dem heutigen Phoenix-See. © Oskar Neubauer

Stadtteile, nicht nur Hörde, müssen sich wandeln, sonst sind sie irgendwann nicht mehr da. In Hörde könnte die Entwicklung aber so aussehen, dass der Stadtteil bleibt, nur die Menschen, die mal in ihm lebten, sind dann nicht mehr da.

„Langfristig muss man befürchten, dass Hörde insgesamt aufgewertet wird“, sagt Rainer Stücker vom Mieterverein. Und wenn man ihn dann fragt, was an einer Aufwertung denn schlimm ist, sagt er, dass Aufwertung Wegzug bedeutet. Das sei bisher noch nicht so sehr in den Fokus gerückt, weil der Dortmunder Wohnungsmarkt sich insgesamt in sehr langsamen Prozessen bewegt. Oder besser gesagt bewegte, denn auch hier hat der Wohnungsmarkt angezogen und das dürfte auch die Entwicklung in Hörde befeuern.

Auch die Armut wächst

Für eine große Zahl an Menschen in Hörde, auch das verrät die Statistik, geht es im Alltag um existenzielle Fragen. Etwa um die, ob sie sich das Mittagessen für ihre Kinder in der Schule leisten können.

Immer mehr Menschen können das nicht, wie sich am Projekt „Miteinander Essen“ zeigt. Seit zehn Jahren unterstützt die evangelische Kirchengemeinde mithilfe vieler Spender Eltern an sieben Hörder Schulen und zwei Kindergärten. 240.000 Euro wurden seit 2007 verteilt. Die Tendenz ist steigend.

Der Bedarf nach Hilfe ist auf vielen anderen Ebenen hoch. Die Zweigstelle der Dortmunder Tafel hat im vergangenen Jahr einen dritten Öffnungstag in Hörde eingeführt. Die Beratungsstellen für soziale Fragen im Stadtteil sind ausgelastet. Bis 2020 gibt es noch das öffentlich geförderte Stadtteilmanagement – dann muss der Stadtteil selbst mit seinen Widersprüchen zurechtkommen.

Kein Platz mehr für günstige Mietwohnungen

Was in Hörde passiert, ist ziemlich einzigartig. Planerisch wurden reich und arm zusammengebracht in einer Form, in der sie sich so sonst nie begegnen würden. Es gibt Gewinner in diesem Prozess und es wird Verlierer geben. Rainer Stücker vom Mieterverein geht davon aus, dass in drei bis fünf Jahren die Verdrängung einsetzen wird und das in zehn Jahren Hörde teurer geworden sein wird, als es das heute ist.

Für Menschen, die dort Immobilienbesitz haben, ist das keine schlechte Aussicht. Für die, die dort mal wegen günstiger Mieten hinzogen und jahrelang neben einem Stahlwerk gewohnt haben, ist dann kein Platz mehr.

Natürlich wurden einige Sozialwohnungen am See mit eingeplant. Sie sind aber eher symbolträchtig als wirkreich. Zumal sie fast vergessen worden wären und 2013 erst nach hitziger politischer Debatte wieder in den Bebauungsplan geschrieben wurden.



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Wem gehört jetzt eigentlich der Phoenix-See? © Archiv

Hörde wird bleiben, das ist sicher  - aber bleiben auch die Menschen?

Wem gehört dann der See, der zu einem großen Anteil aus Steuermitteln erschaffen wurde? Der Allgemeinheit, den Menschen der Stadt, allen? Oder ist es doch eher ein riesiger Teich für viele kleine Gärten?

„Der See ist einer der ganz wenigen urbanen Orte in Dortmund, an dem man sich die Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt angucken kann. Es ist richtig, dass die Stadt in so einen Ort Geld investieren sollte“, sagt Susanne Frank von er TU Dortmund. Zugleich müsse es möglich sein, die negativen Seiten der Entwicklung zu diskutieren. Diese Bereitschaft vermisst die Wissenschaftlerin bei der Dortmunder Stadtspitze. Dort scheue man die kritische Auseinandersetzung geradezu.

Und die Sache mit dem Zusammenwachsen? Es gibt eine Anekdote aus dem Quartierslabor, einem Treffen zur Sicherheit im Stadtteil im Sommer 2017. In einer Arbeitsgruppe kam dort der Vorschlag auf, dass sich Alt- und Neu-Hörder doch regelmäßig treffen sollten. Eine an sich löbliche Idee, die aber mit einer einzigen Frage hinfällig war: Worüber sollen wir dann reden?

Was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass der Phoenix-See einer der bedeutendsten Stadtumbauprozesse der deutschen Gegenwart ist. Die Bewohner der alten Hörder Stadtviertel sehen seit Jahren zu, wie neue Welten an die Stelle alter Erinnerungen treten.

Hier, wo die Engel einst Plätzchen buken, wachsen die Immobilienträume heute in den Himmel. Und die Frage, die bleibt, ist, ob die neuen Welten genug Platz lassen für die, die hier schon waren, als noch Kohle, Stahl und Bier den Horizont prägten. Sicher ist nur die Veränderung, heißt es. Auf Hörde, so kann man das auch sehen, warten noch viele Hürden.

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