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Nahe dem heutigen BVB-Trainingszentrum lagerten früher Atomsprengköpfe. Das Naturschutzgebiet Buschei in Brackel war Standort von Nuklearwaffen – obwohl die Dortmunder dagegen kämpften.

Dortmund

, 16.11.2018 / Lesedauer: 6 min

Stellen wir uns kurz vor, was passieren würde, wenn heute auf Dortmunder Stadtgebiet auch nur ein Krümel waffenfähiges Uran oder Plutonium gefunden würde. Das vermutliche Szenario: Sperrzonen, Krisenstäbe, Ausnahmezustand, viele Fragen.

Vor ziemlich genau 60 Jahren kam die atomare Gefahr auf offiziellen Wegen nach Dortmund. Zwar gab es nie eine Bestätigung von Regierungs- oder Militärseite. Doch es gibt mehrere Zeitzeugen, die in Brackel die Sprengköpfe gesehen haben und militärhistorische Dokumentationen, die Dortmund als einen von Dutzenden Standorten in ganz Deutschland nennen. In einer neuen Brackel-Dokumentation des Filmklubs Dortmund (Premiere am 27. November) sind Bilder und Zeitungsüberschriften von der Ankunft der Raketen zu sehen.

Nach der „Fresswelle“ kommt die Protestwelle

1958 blüht Dortmund noch nicht, aber es hat sich erholt. „Wir hatten die Fresswelle hinter uns“, sagt Renate Schmitt-Peters (83). Es folgt die Protestwelle. Sie hatte wie viele andere als Kind schreckliche Kriegsjahre erlebt. Sie hatte mitbekommen, wie die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki im August 1945 den Zweiten Weltkrieg endgültig beendeten – und damit das nächste Kapitel der Angst öffneten. Das atomare Wettrüsten, der Kalte Krieg, sollte die Weltpolitik in den nächsten Jahrzehnten prägen – bis heute.

„Ich habe mir damals geschworen: Ich mache mein Leben lang alles, was ich tun kann, damit es meinen Kindern und Enkeln nicht passiert“, sagt Renate Schmitt-Peters. Also gehört sie zu denen, die in der ersten Reihe stehen, als die Dortmunder gegen den nächsten Krieg auf die Straße gehen.

Wie Atomraketen ihren Weg nach Brackel fanden

Das Wohngebiet Hohenbuschei auf dem Gelände der ehemaligen britischen Kaserne. © Hans Blossey

Brackel und die Britische Rheinarmee

Dortmund liegt nach Kriegsende in der britischen Besatzungszone. In Brackel, auf dem heutigen Hohenbuschei-Gelände und darüber hinaus, hatte die britische Rheinarmee auf dem ehemaligen Flughafengelände die Napier Barracks eingerichtet. Auf dem großen Militärgelände betreibt das „36th Heavy Air Defence Regiment“ der Royal Artillery eine Raketeneinheit und das Sondermunitionslager Dortmund.

Die britische Militärbasis ist einer der Vorposten der Nato gegen die vermutete Gefahr durch die Staaten des Warschauer Paktes in Osteuropa. Sie ist ein Teil des Dortmunder Stadtlebens. Dass das nicht nur bedeutet, dass in Brackeler Kneipen viel Englisch gesprochen wird, viele stattliche Männer aus Großbritannien durch die Straßen spazieren und es einen englischen Radiosender gibt, spüren die Bewohner der Stadt im Frühjahr 1958.

Bundestags-Beschluss löst 1958 Proteste aus - in Dortmund sind sie besonders heftig

Im März 1958 stimmt der Bundestag der Ausrüstung der Bundeswehr mit Abschuss- und Trägermitteln für Atomsprengköpfe zu. In allen Besatzungszonen werden Stützpunkte der US-Armee und der britischen Armee mit Sprengköpfen bestückt. 1959 wird bekannt, dass auf dem britischen Gelände in Brackel Atomwaffen stationiert werden sollen.

Wie Atomraketen ihren Weg nach Brackel fanden

Renate Schmitt-Peters hat die Proteste in 1958/59 als junge Frau mitgemacht. „Diese Zeit hat mich geprägt“, sagt die 83-Jährige. © Felix Guth

Als die Adenauer-Regierung die Stationierung von Atomraketen erlaubt, startet die SPD aus der Opposition heraus die Kampagne „Kampf dem Atomtod“. Renate Schmitt-Peters erinnert sich an eine „sehr intensive Bewegung“ in Dortmund. 1959 kommt es zu Großdemonstrationen am Kasernengelände. Bis zu 80.000 Dortmunder – einfache Bürger mit Kriegserfahrungen, Gewerkschafter, politische und kirchliche Gruppen - sind auf der Straße. An der Spitze läuft der damalige Oberbürgermeister Dietrich Keuning. Renate Schmitt-Peters steht direkt daneben.

Sie ist zu dieser Zeit 23, junge Lehrerin und Mitglied in der SPD in Wambel. „Es war meine erste Demonstration. In meiner Familie war das nicht üblich. Ich bin dorthin gegangen als junge Frau und habe mir völlig naiv ein Sandwich umgehängt“, sagt Renate Schmitt-Peters. Mit Sandwich meint sie ein Schild, das um den Hals auf beiden Seiten des Körpers eine Botschaft trägt. In diesem Fall ist es das Käthe-Kollwitz-Credo „Nie wieder“.

Wie Atomraketen ihren Weg nach Brackel fanden

Der Sitzstreik vor der britischen Kaserne in Brackel gilt als einer ersten in der Geschichte der Bundesrepublik. © Filmklub Dortmund

Protestresolution, Sitzstreik Autokorso - am Ende kommen die Raketen trotzdem

Der Rat verabschiedet eine Protestresolution, es gibt Menschenketten und einen Autokorso. Vor der Kaserne in Brackel kommt es zu einem der ersten Sitzproteste in der Geschichte. Die Bilder laufen in der DDR-Wochenschau. Zu Horrorfilm-artiger Musik sind Szenen aus „Dortmund, Westdeutschland“ zu sehen. Der propagandaträchtige Text dazu: „Die Dortmunder sind sich einig in der Ablehnung des geplanten Atomkriegs, der auf Verlangen der Adenauer-Regierung ins Land geholt worden ist.“ Gleichzeitig bestückt auch die Sowjetunion viele Militärstützpunkte auf DDR-Gebiet mit nuklearer Sprengkraft.

Wie Atomraketen ihren Weg nach Brackel fanden

Mit einem Autokorso protestierten die Dortmunder gegen die Stationierung der Raketen. © Filmklub Dortmund

Die Proteste in Dortmund sind heftig und kreativ. Allein: Sie verhindern nicht, dass es so kommt, wie geplant. Das liegt auch daran, dass die SPD-Spitze die Kampagne „Kampf dem Atomtod“ wieder zurückfährt. Mit dem Argument, dass damit keine Wahlen zu gewinnen seien.

Am 27. Februar 1959 treffen die Atomraketen in Dortmund ein. Im Juni desselben Jahres ist die Rheinarmee-Einheit in den Napier Barracks laut verschiedener britischer Militärhistoriker die erste in Deutschland, die mit Gefechtsköpfen des Typs Corporal ausgerüstet wird, der in den USA entwickelt wurde, von der britischen Armee aber gekauft wurde.

Die Dortmunder leben mit der atomaren Gefahr vor der Haustür

Die lokalen Proteste ebben ab. Die Dortmunder beginnen, mit der atomaren Gefahr vor der Haustür zu leben. „Es gab ein zentrales Lager, doppelt umzäunt mit Stacheldraht und durch Hunde und bewaffnete Wachen gesichert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die da Speck und Zwiebeln gelagert haben“, sagt Renate Schmitt-Peters. Sie erinnert sich daran, „dass ich über eine längeren Zeitraum immer einen Seitenschneider in der Tasche gehabt habe“.

Nach allen Erkenntnissen lag das Depot im östlichen Teil des heutigen Naturschutzgebiets unter dem Gewässer „Wulfscher Teich“. Unweit dieser Stelle liegt heute der Golfplatz des Clubs Royal St. Barbara, den schon die Königin von England besucht hat.

Auch jüngere Brackeler kennen das Gerücht von der verbotenen Zone, auf den Schulfluren raunt man sich Geschichten von der Bombe zu.

Wie Atomraketen ihren Weg nach Brackel fanden

Atomwaffenfreie Zone? Das galt von 1959 bis 1986 in Dortmund nicht. © Filmklub Dortmund.

Die britischen Soldaten gehen - der BVB, ein Wohngebiet und ein Naturschutzgebiet kommen

Die Sprengköpfe verschwinden 1986 aus Dortmund, als eine Phase der Abrüstung beginnt. 1995 endet die Zeit der britischen Rheinarmee in Dortmund. Die Soldaten verlassen die Stadt. Es bleibt eine gigantische Leerstelle, die in der Stadtplanung bald den Namen Konversionsfläche erhält. Ein langer Prozess beginnt, der 2001 Geschwindigkeit aufnimmt. Der Rat beschließt die Umwandlung der Fläche. Im Zentrum: ein neuer Sportpark für die Fußballer von Borussia Dortmund, hochwertige Wohnbebauung und ein Naturschutzgebiet.

In den Dokumenten dazu ist von vielen Altlasten die Rede, insbesondere durch verschossene Munition auf den Truppenübungsplätzen. Von Atomwaffen, die hier einmal lagerten, ist an keiner Stelle die Rede.

Für Renate Schmitt-Peters ist diese Zeit der Aufbruch in ein Leben, das sie ganz dem Einsatz für den Frieden verschrieben hat. „Es hat mich geprägt.“ Nach einer Delle flammt mit dem Aufkommen der Friedensbewegung in den 70er-Jahren ihre Energie wieder auf. Sie organisiert mit der Gruppe Pax Christi viele Veranstaltungen, an denen bis zu 250.000 Menschen teilnehmen.

Sie erlebt, wie der Protest gegen die atomare Bedrohung noch einmal nach Dortmund zurückkommt. 1987 gibt es Diskussionen über die Stationierung von Flugabwehrraketen in Opherdicke bei Unna, nur wenige Kilometer von der südöstlichen Dortmunder Stadtgrenze entfernt.

Wie groß wäre der Aufschrei über Atomwaffen heute?

Und heute? Wäre der Aufschrei wirklich so groß, wie eingangs vermutet? Renate Schmitt-Peters glaubt, dass es nicht so wäre. „Auf Veranstaltungen zur Friedensarbeit gibt es kaum noch Rückmeldung. Die Jüngeren brauchen andere Aktionsformen und machen bestimmte Dinge nur unter Druck“, sagt die Frau, die sich zum 80. Geburtstag von ihren Kindern ein Jahr lang eine wöchentliche Mahnwache gegen Kampfdrohnen gewünscht hat. Renate Schmitt-Peters schreibt sehr treffende Lyrik gegen die Sorgen, die ihr die Weltpolitik macht.

Denn 60 Jahre nach den Protesten von Brackel ist die Angst vor dem atomaren Wahnsinn nicht kleiner geworden. Es gibt mehr Atommächte denn je und immer noch Waffen auf exterritorialem Gebiet in Deutschland und Europa (unter anderem im Ort Büchel in der Eifel). Abkommen wie der INF-Vertrag, die in den 80er Jahren dafür gesorgt haben, dass Tausende Waffen verschrottet wurden, stehen plötzlich wieder infrage.

Auf Hohenbuschei suchen die BVB-Profis währenddessen jeden Tag weiter nach der Formel für den Erfolg. Der Boden, auf dem sie laufen, steckt voller Weltgeschichte.

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