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Wie das graue Dortmund für türkische Bergleute zur neuen Heimat wurde

rnAbschied vom Bergbau

Tausende Zuwanderer kamen vor allem in den 1960er Jahren als sogenannte „Gastarbeiter“ in den Bergbau. Viele von ihnen sind im Ruhrgebiet heimisch geworden.

Dortmund

, 06.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Ein kleines Häuschen in einer Bergarbeiter-Siedlung mit schönem Garten, unten wohnt die Tochter mit Familie, im Obergeschoss die Eltern. Keine Frage: Bekir und Hatice Sarikaya sind heimisch geworden in Dortmund. Das war noch nicht zu erahnen, als Bekir Sarikaya 1964 mit gerade einmal 16 Jahren nach Deutschland kam.

„Der Anfang war nicht so einfach“, ist ein Satz, den Bekir und Hatice Sarikaya immer wieder sagen, wenn von ihren ersten Jahren im Ruhrgebiet die Rede ist.

Anfang der 1960er Jahre suchten die Zechen im Ruhrgebiet dringend Lehrlinge – und warben deshalb auch in den ländlichen Regionen der Türkei um Nachwuchs. Das Programm war Teil des im Oktober 1961 geschlossenen Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei.

Bis 1973 kamen etwa 640.000 türkische Gastarbeiter nach Deutschland – viele davon ins Ruhrgebiet und in den Bergbau. Vor allem aus der Türkei kamen aber nicht nur erwachsene Arbeitskräfte, sondern auch Jugendliche, denen hier eine Ausbildung und eventuell sogar ein Studium versprochen wurde.

Leben in einer Pestalozzi-Familie

So wie Bekir Sarikaya. Er wuchs als Sohn einer Bauernfamilie in einem Dorf in der Region Ankara auf – und seine Familie nahm das Angebot aus Deutschland dankbar an. Ende November machte sich Bekir gemeinsam mit 75 weiteren Jugendlichen per Zug über Istanbul und München auf den Weg ins Ruhrgebiet, wo die Gruppe dann weiter aufgeteilt wurde.

Bekir kam mit 23 weiteren Jugendlichen nach Huckarde – in eine sogenannte Pestalozzi-Siedlung. Hier kamen sie in eine neue Familie, die sich um jeweils sechs Lehrlinge kümmerte. „Wir sollten zu den Eltern Vater und Mutter sagen“, erzählt Bekir. „Das war für uns ein Schock.“

Vom Bergknappen zum Dolmetscher

Wie auch das erste Mal unter Tage. „Seit wann seid ihr in dieser Hölle von Staub und Hitze“, fragte Bekir die älteren Kollegen. „Sieh zu, dass du hier herauskommst“, war ein Rat, den Bekir Sarakaya bekam – und den er auch beherzigte.

Der junge Mann absolvierte nicht nur erfolgreich die Lehre und die Knappenprüfung, sondern lernte auch schnell die deutsche Sprache. Und so wurde er zu einem begehrten Übersetzer für die Gastarbeiter aus der Türkei.

Am 1. September 1969 wurde Bekir offiziell als Dolmetscher auf der Zeche Hansa angestellt. „Ich habe dann sogar selbst Unterricht gegeben“, berichtet er.

Auch familiär machte Bekir Fortschritte. 1970 heiratete er Hatice, eine Cousine, die wie er in einem türkischen Dorf groß geworden und die Mittelschule besucht hatte. Im November 1970, genau sechs Jahren nach Bekir, kam auch sie nach Deutschland – und hatte einen ähnlich erschreckenden ersten Eindruck.

„Es war ein verregneter, dunkler Tag als ich ankam“, erinnert sie sich. „Alles war grau.“ Dazu kam, dass das junge Paar noch keine eigene Wohnung hatte und vorübergehend in der Zweizimmerwohnung eines Kollegen von Bekir unterkommen musste.

Ein neues Heim für die Familie

Einige Wochen später bekamen die Eheleute dann ein Zimmer in einem Ledigenheim, dann eine eigene Wohnung in Huckarde. „Eine gute Wohnung“, sagt Hatice Sarikaya. „Das war eine schöne Zeit.“ Auch Hatice gelang es, sich relativ schnell in Dortmund einzuleben. Familien und Heimat waren weit weg, „aber es gab auch hier liebe Leute“, stellt sie fest. So überstand sie auch die schwere Zeit als ihr Mann zum Militärdienst in der Türkei eingezogen wurde und sie allein mit der 1971 geborenen Tochter Sevgi in Dortmund blieb.

Sie arbeitete in einer Fabrik und bei einem Friseur, lernte mehr und mehr deutsch - und gab schließlich wie ihr Mann selbst Sprachkurse. Sie arbeitete mit in sozialen Einrichtungen, in der Kinderbetreuung und in Frauengruppen, machte über Abendkurse die Mittlere Reife und studierte Sozialarbeit. 1996 wurde sie schließlich Beraterin beim Verein zur Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen im Revier (VFFR) in Eving.

Wie das graue Dortmund für türkische Bergleute zur neuen Heimat wurde

Hatice und Bekir Sarikaya mit „ihren“ Büchern vor ihrem Haus in Dorstfeld. © Oliver Volmerich

Ihr Mann wurde Betriebsrat auf der Zeche. Er arbeitete nach der Schließung der Zeche Hansa auf Haus Aden in Bergkamen, bis er 1995 in den Vorruhestand ging. Da hatte sich die Familie mit inzwischen zwei Kindern schon in ihrem eigenen Heim in der Bergarbeitersiedlung in Dorstfeld eingelebt. Spätestens mit dem Hauskauf stand fest, dass sie nicht in die türkische Heimat zurückgehen, sondern in Deutschland bleiben würden.

Hier sind Bekir und Hatice Sarikaya inzwischen fest verwurzelt – mit zwei Enkelkindern und viel Engagement im sozialen Bereich. Hatice etwa hilft ehrenamtlich in einem Hospiz, „Wir sind eine soziale Familie“, sagt sie und lacht.

Erfolgreiches Buch- und Ausstellungsprojekt

Und beide geben ihre Erfahrungen auch gern weiter – etwa im Verein für Internationale Freundschaften, wo die einstigen Gastarbeiter vor gut 20 Jahren einen Seniorentreffpunkt aufbauten. Hier gab es Erzählrunden. Und Sevgi, die Tochter von Bekir und Hatice Sarikaya, gab schließlich den Anstoß dafür, die Erlebnisse aufzuschreiben.

So entstand 2015 das Buch „Glückauf in Deutschland“, in dem neun türkische Bergleute ihre Lebensgeschichte erzählen. Als mehrfach preisgekröntes Ausstellungsprojekt ist „Glückauf in Deutschland“ inzwischen schon in vielen Städten zu sehen gewesen.

Und in diesem Jahr folgte mit dem Buch „Wir hier oben – Ihr da unten“ ein zweites Buch, in dem die Frauen der türkischen Bergleute aus ihrem Leben berichten – darunter auch Hatice Sarikaya. Nachzulesen ist da auch der Satz, der für Hatice Sarikaya zu einer Art Lebensmotto geworden ist. „Ich habe von beiden Kulturen das Schöne genommen und es hat mich reich gemacht.“

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