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Omas Pelze zu Höchstpreisen verticken? Wer nicht aufpasst, begeht mit einem Verstoß gegen das Artenschutzgesetz selbst eine Straftat und wird zugleich von dubiosen Händlern über den Tisch gezogen.

Dortmund

, 23.08.2018 / Lesedauer: 6 min

Sie inserieren in Tageszeitungen und Anzeigenblättern, operieren mit verschiedenen Namen, versprechen Höchstpreise und wollen unbedingt sofort beim Kunden erscheinen, um dann schnell vom eigentlich vereinbarten Verkaufsobjekt auf Familienschmuck umzuschalten. Mit raffinierten Tricks versuchen dubiose An- und Verkäufer, schnell an das Geld ahnungsloser Kunden zu kommen. Die Dortmunder Kriminalpolizei warnt vor den Methoden von Trickbetrügern, die bei Verkaufsgesprächen auch Wohnungen und Häuser ausspionieren und „gerade bei Senioren mit Demenz leichtes Spiel haben“, wie Kriminalhauptkommissar Markus Schettke berichtet.

Wenn Pelze unter Artenschutz stehen

Was die eigentlichen Besitzer der Pelze nicht wissen, die in gutem Glauben bei einem Aufkäufer anrufen: Verkaufen sie das zu einem Mantel verarbeitete Fell eines unter Artenschutz stehenden Tieres, begehen sie eine Straftat. Der herbeigerufene Käufer, der da gerade in der Tür steht, jedoch nicht. Obendrein verscherbeln die Besitzer ihre Werte, denn die angeblichen „Höchstpreise“ dienen nicht ihrer Gewinnmaximierung. Zumal die Preise vor allem auf dem russischen Markt eingebrochen sind.

Wir haben mit Betroffenen über deren Erfahrungen mit Pelzaufkäufern gesprochen, bei Aufkäufern ein Verkaufsinteresse vorgetäuscht und sind so an Namen gekommen, die der Polizei bestens bekannt sind. Laut Polizei Dortmund stehen hinter diesen mindestens fünf Familiennamen mehrere Clans, die seit Jahren als Trickbetrüger und Einbrecher in Nordrhein-Westfalen „sehr dominant“ ihr Unwesen treiben. „Abgewickelt werden Geschäfte immer bar“, berichtet Polizeioberkommissar Sven Schönberg. Das verwischt Spuren. Die Wege des Geldes sind nicht nachvollziehbar. Häufig teilen sich kriminelle Familienmitglieder ein- und denselben Vor- und Nachnamen. Das ominöse Geschäft ist lukrativ. „Die Fürsten thronen auf Marmor“, berichtet ein Beamter. Das Geld werde in Luxusvillen, teure Autos und andere Statussymbole investiert oder verschwinde im südosteuropäischen Ausland.

Die Erfahrungen eines 78-Jährigen

„Mir wurden für die Pelze meiner Frau 200 bis 2000 Euro versprochen. Angeblich alles für den russischen Markt. Das kam mir logisch vor“, berichtet ein 78-jähriger Rentner aus dem Dortmunder Süden. Seinen Namen nennen wir nicht, um ihn zu schützen. Im August 2018 greift er zum Telefon, offeriert alte Pelze im Gespräch und nennt auf Nachfrage auch die eigene Anschrift: „Das trifft sich gut. Ich bin gerade in ihrer Nähe“, sagt die Männerstimme am Telefon. Wenig später steht der Pelzaufkäufer in der Wohnung. Die Pelze liegen schon auf dem Tisch, da fragt der mit einem weißen Mercedes vorgefahrene Besucher sofort nach Schmuck.

Der Rentner holt die Schmuckstücke herbei – „und sofort fing das Feilschen an“, erinnert sich der 78-Jährige, der sein Verhalten inzwischen selbst als „naiv“ bezeichnet. Der Aufkäufer habe Pelze und Schmuck mit unterschiedlichen Rechenmodellen kalkuliert und immer wieder unterschiedliche Gesamtpreise gebildet. Dabei ging es hin und her. Das schaffte Verwirrung. Zuerst Schmuck für 600 und Pelze für 300 Euro und schließlich 800 Euro für die Pelze und 300 Euro für den Schmuck. Was den Pelz angehe, müsse er aber erst noch mit einem russischen Zwischenhändler sprechen. 300 Euro lässt der Mann da, dann fährt er davon. Mit Pelz und Schmuck im Auto.

„Die Russen machen Schwierigkeiten“

Ab da herrscht zunächst Stille. Bis sich der Rentner beim Käufer meldet, weil er sich ums Geld gebracht fühlt. „Die Russen machen Schwierigkeiten“, begründet der Aufkäufer die Pelz-Probleme. Bei einem später mit uns geführten vorgetäuschten Verkaufsgespräch wird er allerdings von einer sehr großen Nachfrage bei Pelzen „von Russen auf den Flohmärkten“ in NRW sprechen. Im Telefongespräch mit dem Rentner stößt der Aufkäufer weiter auf Widerstand. Der Verkäufer droht mit der Presse und der Industrie- und Handelskammer, wenn der Aufkäufer nicht reagiere und Geld bringe. Immerhin erhält der Senior weitere 150 Euro. „Trotzdem“, sagt der Mann, „wir sind über den Tisch gezogen worden. Der Schmuck ist jetzt weg.“

Die Erfahrungen einer 60-Jährigen

Verdacht schöpfte auch eine 60-jährige Lücklembergerin, die es zu einem Kontakt erst gar nicht kommen ließ. Auch ihren Namen nennen wir aus Sicherheitsgründen nicht. Im persönlichen Gespräch in ihrem Wohnhaus berichtete sie über die Masche: „Ich habe vier oder fünf solcher Pelzaufkäufer-Nummern angerufen, um einen alten Pelz zu verkaufen. Aber Pelze wollte keiner von denen. Die sind sofort auf Schmuck zu sprechen gekommen und wollten auch sofort vorbeischauen. Mir kam das komisch vor und ich hatte die Idee: Das, was die machen, ist doch ein guter Trick, um alte Leute abzuziehen.“ Die Dortmunderin spricht von ihrem Bauchgefühl, dass da „faule Dinger“ produziert würden. „Anschließend habe ich meine Mutter angerufen und sie vor solchen Tricks gewarnt.“ Die 86-jährige Mutter leidet unter Demenz.

„Pelz ist nur ein Dosenöffner“

Kriminalhauptkommissar Markus Schettke bestätigt den Eindruck: Der Pelz sei nur ein Vorwand, um ins „Geschäft“ einzusteigen: „Der Pelz ist nicht mehr als ein Dosenöffner. Das geht genauso gut mit alten Schreibmaschinen oder alten Musikinstrumenten, weil man dann davon ausgehen kann, dass noch andere Werte vorhanden sind.“ Auffällig sei, dass die „Käufer“ auch mit deutschen Nachnamen arbeiteten, „die etwas Seriosität“ ausstrahlen sollen. „Diese Täter haben gerade bei Menschen mit einer Alterskrankheit wie Demenz leichtes Spiel“, berichtet der Kriminalbeamte. Sie würden sich durch geschicktes „Anfixen und Anbahnen“ das Vertrauen der Opfer erschleichen.

Ein perfides wie ausgeklügeltes System: Denn an Demenz oder anderen neurologischen Alterskrankheiten leidende Opfer stehen nur eingeschränkt als Zeugen zur Verfügung. Die Krankheit der Opfer schützt die Täter im Ermittlungs- und Strafverfahren - wenn die Polizei von der Tat überhaupt etwas erfährt und wenn überhaupt eine Straftat begangen worden ist: Es ist nicht verboten, an Demenz erkrankten Senioren etwas abzukaufen und vorher mit ihnen zu verhandeln.

Unsere Anrufe bei Pelzaufkäufern

Wie arbeiten Pelzaufkäufer am Telefon? Gibt es Muster? Wir haben den Test gemacht und ein Verkaufsinteresse vorgetäuscht. Die Telefongespräche mit den Pelzhändlern sind dabei immer nach dem gleichen Muster verlaufen: Die Aufkäufer kommen sofort auf Schmuck zu sprechen (Uhren, Ringe, Ketten, Broschen), betiteln sich als „staatlich geprüfter Goldschmied“, wollen an die Privatanschrift heran und dann sofort vorbeikommen. Hier Gesprächsauszüge mit dem Mann, der bei dem 78-jährigen Rentner war:

  • „Guten Tag. Ich möchte Pelze verkaufen. Sie kaufen die doch - oder?“
  • „Ja, haben Sie auch Bernstein und Goldschmuck?“
  • „Da ist was dabei.“
  • „Wo denn?“
  • „Das wäre in Kirchhörde.“
  • „Ah, das ist gut. Genau da bin ich heute in der Nähe.“
  • „Haben Sie kein Geschäft, in das ich kommen könnte?“
  • „Ja, auch. In der Rheinischen Straße xxx (Anmerkung: Wir haben die Hausnummer unkenntlich gemacht).“

    Wie dubiose Pelzhändler mit Täuschung an den Schmuck ihrer Kunden wollen

    Die Klingelanlage des Hauses an der Rheinischen Straße: Kein Hinweis auf einen An- und Verkauf. © Peter Bandermann


An der besagten Adresse befindet sich ein Mehrfamilienhaus mit heruntergekommenem Hauseingang. Fünf von zehn Klingeln sind mehr oder weniger gut lesbar beschriftet, die anderen beschädigt. Der Eingang ist versifft, im Hausflur liegt Müll. Im Erdgeschoss befindet sich ein Ladenlokal mit Schaufensterscheibe. Auf einem Heizkörper stehen zwei goldene Elefanten. Hinten ein Bürotisch und vier Stühle. Geschäftszeiten oder ein Schild gibt es nicht. Hier soll ein Pelzaufkauf sein? „Nie gehört“, sagen Nachbarn übereinstimmend. Früher sei das „mal was mit Kosmetik, Beauty und Fingernägeln“ gewesen, aber jetzt sei hier nichts mehr los.

„Ich kann nicht jeden Schrott aufkaufen“

Einen Tag später haben wir den Aufkäufer aus dem Telefongespräch mit den Machenschaften seiner Branche konfrontiert. Bei diesem zweiten Telefongespräch benutzt er plötzlich einen anderen Nachnamen. Ein Name, der der Polizei ebenfalls bekannt ist. Er arbeite transparent mit dem Aufkauf von Pelzen, Schmuck, Teppichen, Antiquitäten, Porzellan und Möbeln und täusche nichts vor. „Ich kann aber nicht jeden Schrott aufkaufen“, meint der Mann, der eher bei den Kunden ein Problem erkennen will: Die Anrufer würden häufig völlig überzogene Preise sogar „für stinkende Pelze mit zerrissenem Innenfutter“ verlangen. Pelze setze er auf Flohmärkten in Dortmund, Bochum, Essen, Bottrop und anderen Städten ab. „Viele Pelze gehen dann nach Russland. Die Russen zahlen gute Preise.“ Seinem 78-jährigen „Kunden“ dagegen berichtete er, dass der Markt schwierig geworden sei. So lässt sich offenbar der Kaufpreis drücken, um beim Weiterverkauf größere Profite zu erwirtschaften.

Kürschnermeister warnt vor dubiosen Händlern

Vor dubiosen Geschäftspraktiken warnt auch der Dortmunder Kürschnermeister Francis Overmann. „Mit Pelzaufkauf werben die gerne, weil sie davon ausgehen, dass weiteres Vermögen wie Gold oder Meissener Porzellan vorhanden ist.“ Tatsächlich seien die Preise in Russland eingebrochen. Francis Overmann warnt deshalb vor den verlockenden „Höchstpreisen“: Ein 30 Jahre alter Nerz, der mal bis zu 400 Euro wert gewesen sei, bringe aktuell maximal 100 Euro. Auch er weiß, dass Clans mit Pelzen handelten. Sie hätten schon mit blauen Müllsäcken voller Pelze vor seinem Atelier gestanden. Mit den Tricks der Aufkäufer werde er täglich konfrontiert; Betroffene rufen bei ihm an. Dann erfahren sie auch, dass der Verkauf von Pelzen verboten ist, wenn die Tiere unter Artenschutz stehen.

Drei Warnungen vor Geschäften an der Haustür So warnt die Polizei die Bürger vor dubiosen Geschäftspraktiken. Die Tipps beziehen sich nicht nur auf Pelzaufkäufer:
  • Niemals einen Fremden in Haus oder Wohnung lassen. Die Personen könnten die Räume ausspionieren und als Einbrecher wiederkommen oder Komplizen schicken.
  • Falls es doch zu einem Verkaufsgespräch in den eigenen vier Wänden kommt: Immer eine weitere Vertrauensperson als Zeugen hinzuziehen. Fremde Besucher nie alleine lassen.
  • Bei Verdacht auf einen Trickbetrug oder eine andere Straftat: Aussehen und Bekleidung des Verdächtigen einprägen, das Pkw-Kennzeichen notieren und den Polizei-Notruf 110 verständigen.
  • Sollen Werte wie Pelze, Schmuck, Teppiche oder Antiquitäten verkauft werden: Den Preis vorher von einem Sachverständigen ermitteln lassen und nicht auf verlockende „Höchstpreis“-Versprechen vertrauen.
Der Zoll warnt vor dem Verkauf von Pelzen. Sprecherin Andrea Münch: „Auch das Erbstück darf man nicht einfach verkaufen.“ Wer den Pelz eines unter Artenschutz stehenden Tieres verkaufen will, muss bei der Stadt Dortmund eine „Freigabebescheinigung“ beantragen. Die Stadt Dortmund weist darauf hin, dass Pelze wie Ozelot oder Leopard „grundsätzlich nicht verkauft“ werden dürfen. Der Vorsitzende der Seniorenbeirats in Dortmund, Franz Kannenberg, bittet Angehörige von Senioren, in Gesprächen immer wieder an die Methoden der Trickbetrüger zu erinnern. „Für uns Seniorenbeiräte ist es schwer, an die Angehörigen heranzukommen“, sagte er.
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