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Wer sich wohlfühlt, gibt lieber Geld aus. An diesem Prinzip orientiert sich der Aufbau der Thier-Galerie. Wir haben das Dortmunder Einkaufszentrum mit zwei Experten unter die Lupe genommen.

Dortmund

, 07.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Etwa 32.000 Menschen gehen laut Angaben der Thier-Galerie jeden Tag dort shoppen. Dabei fallen den Besuchern die Kleinigkeiten vielleicht gar nicht auf, die sie in Einkaufstimmung versetzen sollen. Im Aufbau des Gebäudes steckt ein Plan, den zwei Experten für uns aufgedröselt haben. Mit ihnen machen wir uns getrennt voneinander auf den Rundgang.

Unser erster Experte ist Professor Hartmut Holzmüller. Er lehrt Marketing an der TU Dortmund und erklärt die Thier-Galerie aus Sicht des Konsumenten. Experte Nummer zwei ist Richard Schmalöer. Er ist Vorstandsmitglied des Bundes Deutscher Architekten Dortmund-Hamm-Unna und analysiert den Aufbau des Gebäudes. Holzmüller betont drei Punkte, die besonders wichtig dafür sind, dass wir uns im Einkaufszentrum wohlfühlen – und damit vielleicht auch tiefer in die Tasche greifen:

1. Der Eindruck

Die meisten Kunden betreten die Thier-Galerie durch den Haupteingang. Schon dessen Fassade am Westenhellweg ist imposant. Ein Sockel aus Sandstein und helle, zum Himmel strebende Säulen heben sich ab von der Gestaltung der umgebenden Geschäfte. Die Materialien der Fassade wirken hochwertig und finden sich auch im Eingangsbereich wieder.

Wie uns die Thier-Galerie zum Einkaufen verführt

Der Eingangsbau der Thier-Galerie orientiert sich architektonisch am Berlet-Haus, das vorher an der gleichen Stelle stand. © ECE Projektmanagement

„Besonders gestaltete Eingänge vermitteln den Eindruck von besonderen Angeboten und Preisen“, erklärt Professor Holzmüller. Durch den imposanten ersten Eindruck werde der Kunde direkt in eine positive Stimmung für den weiteren Einkauf versetzt. Es handle sich allerdings oft nur um den Eindruck von Besonderheit, betont Holzmüller. Der Bezug zu besonderen Angeboten könne auch ein „irrationaler Trugschluss“ sein. Architekt Richard Schmalöer ist ebenfalls vom Eindruck angetan. Er klopft gegen Bauelemente, betrachtet Glasflächen, fühlt hölzerne Handläufe. Sein Fazit: „Das hat Qualität!“

Was beide Experten aber stört: Direkt hinter dem Haupteingang heißt ein Donut-Stand die Besucher willkommen. „Der passt hier nicht rein“, meint Schmalöer. Auch an anderen Stellen durchbrechen solche Stände die wertige Anmutung und die Blickachse, bemängelt der Architekt. Außerdem sei der Bereich unmittelbar hinter dem Haupteingang nicht weitläufig genug, finden beide Experten. „Das widerspricht der gängigen Theorie. Eingangsbereiche sollten eher geräumig sein“, sagt Professor Holzmüller.

Wie uns die Thier-Galerie zum Einkaufen verführt

Ein Blick in den „Berletarm“ der Thier-Galerie. © Bastian Pietsch

Die Fronten der Geschäfte in den Ladenzeilen seien dagegen meist sehr hochwertig, merkt Schmalöer an. Der „einzige Wermutstropfen“: Auf der obersten und der untersten Etage, die nicht direkt mit dem Haupteingang verbunden sind, wirke die Gestaltung der Läden weniger qualitativ. „Oben ist dann auch nicht mehr so viel los“, resümiert Schmalöer.

Fazit: Insgesamt attestieren die beiden Experten der Thier-Galerie einen guten und wertigen ersten Eindruck. Abzüge gibt es im Detail.

2. Die Orientierung

„Kunden fühlen sich wohl, wenn sie wissen, wo sie sind. Wenn ich den Weg suche, schaue ich nicht in die Schaufenster.“ So erklärt Professor Holzmüller das zweite wichtige Prinzip.

Die Thier-Galerie erstreckt sich über vier Etagen in zwei Gebäudeteilen: der dreieckförmigen „Zentralmall“ und dem „Berletarm“. Die Rolltreppen, die die Ebenen verbinden, sind zumindest in der „Zentralmall“ nach keinem Muster angeordnet, das für den normalen Kunden erkenntlich wäre. Dafür erlaubt die offene Architektur einen guten Überblick. Wie schätzen die Experten die Orientierung ein?

Wie uns die Thier-Galerie zum Einkaufen verführt

Eine gewisse vertikale Orientierung ist nötig, um sich auf den Ebenen der Thier-Galerie zurecht zu finden. © Bastian Pietsch

„Menschen können sich besser in der Fläche als in der Höhe orientieren“, sagt Hartmut Holzmüller. „Auch rechtwinklige Gebäude liegen uns mehr als andere Formen.“ Die Thier-Galerie findet Holzmüller eher unübersichtlich.

Richard Schmalöer sieht das anders. „Durch die langen Blickachsen kann man direkt die Geschäfte sehen, in die man vielleicht möchte.“ Auch die Rolltreppen könne man durch die offene Gestaltung der „Zentralmall“ direkt gut erkennen, das erleichtere die „vertikale Orientierung“.

Die Form der Thier-Galerie und die Anordnung der Rolltreppen fällt auch Schmalöer auf. Er kann sie sich jedoch erklären: „Es ist ungewöhnlich, dass eine Mall direkt in eine Innenstadt eingefügt wird.“ Das habe wohl die Form vorgegeben. Der dreieckige Bau wiederum schränke den Bau von Rolltreppen ein: „Hätte man hier zwei Rolltreppen nebeneinander platziert, würde das den offenen Raum verbauen und den Durchgang unten zu schmal machen.“

Wie uns die Thier-Galerie zum Einkaufen verführt

Lange Blickachsen können helfen, sich einen Überblick über die Geschäfte und Rolltreppen zu verschaffen. © Bastian Pietsch

Kein fieser Trick also, der Kunden im Einkaufszentrum „festhalten“ soll, sondern eine architektonische Notwendigkeit. Das bestätigt auch das Management der Thier-Galerie. ECE, der Betreiber des Einkaufszentrums, hat die Thier-Galerie übrigens weitgehend mit eigenen Architekten umgesetzt.

Fazit: Beschränkt durch die vorhandene Fläche ist der Aufbau der Thier-Galerie nicht optimal für die Orientierung. Kunden bekommen aber architektonische Hilfsmittel, um sich trotzdem zurechtzufinden.

3. Die Umgebung

Der Mensch halte sich historisch gesehen gern auf Marktplätzen auf. „Faszination der Vielfalt“, nennt Professor Hartmut Holzmüller das. Zwischen anderen Menschen und Angeboten fühle sich der Kunde wohl, was auch die lange Tradition der Marktplätze begründe. Außerdem seien Licht, Akustik und andere Umgebungseindrücke für eine gute Einkaufsstimmung wichtig.

Über zu wenig Licht kann man sich in der „Zentralmall“ der Thier-Galerie nicht beklagen. Das große Glasdach liefert viel natürliche Beleuchtung, Kunstlicht setzt Akzente.

Wie uns die Thier-Galerie zum Einkaufen verführt

Durch das große Glasdach fällt viel natürliches Licht in die „Zentralmall“ der Thier-Galerie. © Bastian Pietsch

„Das gleicht einer kleinen Straßenszenerie“, kommentiert Richard Schmalöer. „Links und rechts die Ladenzeilen, dazwischen die Wege und von oben fällt natürliches Licht ein.“ Das innen liegende Dreieck aus Geschäften vergleicht er lobend mit einem Haus im Haus.

Nachteil des Glasdachs: Je höher die Besucher kommen, desto wärmer wird es – zumindest im Sommer.

Im „Berletarm“ gibt es weniger natürliches Licht, statt dessen in die Decke eingelassene Lampen.

Auch Gerüche können ein Einkaufserlebnis beeinflussen. „Man will ja keine Unterwäsche kaufen und dabei steigt einem der Geruch von Currywurst in die Nase“, sagt Hartmut Holzmüller. In der Thier-Galerie sind die meisten Ess-Gelegenheiten gesammelt in der obersten Etage des „Berletarms“ untergebracht.

Hartmut Holzmüller fällt noch ein weiteres Detail auf: Einige Geschäfte öffnen sich auf der gesamten Breite zur Mall, andere haben Schaufenster und eine Tür. Woran das liegt? „Die Tür schafft ein kleines Hindernis für Kunden.“ Man müsse sich also bewusster für das Geschäft entscheiden. Manche Marken wollten das, andere nicht.

Fazit: Die „Faszination Vielfalt“ kommt in der Thier-Galerie ganz sicher auf. Und auch sonst ziehen die Experten ein weitgehend positives Fazit. Vor allem die Lichtgestaltung punktet.

Wie uns die Thier-Galerie zum Einkaufen verführt

Die beiden Experten: Richard Schmalöer (links) und Hartmut Holzmüller (rechts). © Bastian Pietsch


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