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Schock in der Dunkelheit: Als auf der A45 bei voller Fahrt plötzlich ein großer Gegenstand auf das Auto von Cindy K. kracht, kann sie das Fahrzeug gerade noch unter Kontrolle halten.

von Nicole Stieben

Dortmund

, 11.07.2018 / Lesedauer: 4 min

Dieser Fall weckt böse Erinnerungen an den Ostersonntag 2008. Ein 31-Jähriger Mann warf damals einen sechs Kilo schweren Holzklotz von einer Brücke auf ein fahrendes Auto auf der A29 bei Oldenburg. Der Gegenstand durchschlug die Windschutzscheibe und tötete eine 33-jährige Familienmutter sofort. Ihr Ehemann auf dem Fahrersitz und die beiden gemeinsamen Kinder auf der Rückbank mussten dabei zusehen.

„Von jetzt auf gleich war alles anders“

Dass es in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli glimpflicher ausgegangen ist, hat mit viel Glück zu tun. Cindy K. (32) ist an diesem Tag mit ihrem Auto auf der A 45 zwischen Kirchlinde und Jungferntal unterwegs. Die Uhr zeigt drei, die 32-Jährige kommt von der Arbeit und ist unterwegs nach Hause in Castrop-Rauxel. Plötzlich gibt es einen heftigen Aufprall, ein schwerer Gegenstand fällt auf ihr Auto, direkt an der Brücke der Rahmer Straße. Die Windschutzscheibe berstet. Cindy K., ist noch heute schockiert: „Ich war völlig unvorbereitet. Von jetzt auf gleich war alles anders.“

Die junge Frau reagiert schnell. Obwohl sie durch die kaputte Scheibe fast nichts mehr sehen kann, fährt sie direkt auf den Seitenstreifen. Sie hatte ihr Auto und sich selbst „erstaunlich gut unter Kontrolle“, sagt sie später. Und: „Ich rief direkt die 112 an und wurde mit der Polizei verbunden.“ Die fragt, ob sie verletzt sei und einen Krankenwagen benötige. „Brauchte ich nicht“, erinnert sich die 32-Jährige – Verletzungen seien ihr in dem Moment keine aufgefallen. „Erst später hab‘ ich gemerkt, dass ich kleine Splitter an der Hand hatte und einen blauen Fleck am Fuß.“

Wurfgeschoss von der Autobahnbrücke: „So eine Tat ist dumm und naiv“

An dieser Stelle wurde das Fahrzeug von Cindy K. auf der A45 von einem Ast getroffen, der von der Brücke an der Rahmer Straße geworfen wurde. © Stephan Schütze

Auch das Ausmaß der Schäden an ihrem Wagen ist Cindy K. nicht sofort bewusst. „Ich habe zuerst nur die zersplitterte Scheibe durch das helle Mondlicht gesehen. Dass der Rückspiegel weg, meine Motorhaube komplett eingequetscht und das Dach eingedrückt war, hab ich erst später wahrgenommen.“

„Zuerst dachte ich, da ist ein Mensch gesprungen“

Als sie auf dem Seitenstreifen steht, weiß die 32-Jährige noch nicht, was ihr Auto da getroffen hat. Die Polizei erklärt es ihr später: Es war ein kiloschwerer Ast. Das hatte sie nicht vermutet: „Das Erste, an was ich dachte, war ein Stein oder ein Mensch, der von der Brücke gesprungen ist.“ Weil es in der Nacht nicht stürmt, sondern völlig ruhig ist, vermutet Cindy K. schnell: „Den Ast muss jemand von der Brücke geworfen haben.“

Wurfgeschoss von der Autobahnbrücke: „So eine Tat ist dumm und naiv“

Ein sechs Kilogramm schwerer Holzklotz, der bei Oldenburg von einer Autobahnbrücke geworfen wurde, durchschlug am 23. März 2008 die Windschutzscheibe eines Pkw. Die 33-jährige Familienmutter auf dem Beifahrersitz war sofort tot. © picture alliance/dpa

Während sie auf die Einsatzkräfte wartet, bittet Cindy K. die Polizistin am Telefon zu bleiben. „Ich hatte Angst, alleine am Unfallort zu sein. Ich dachte, die Täter sind vielleicht noch in der Nähe.“ Als die Polizei da ist, ruft sie ihren Freund an. Er kommt direkt zum Unfallort. „Er war zuerst schockiert, aber dann auch sehr erleichtert, da mit mir alles in Ordnung war“, erzählt Cindy K. Bis zum Sonnenaufgang müssen die beiden am Unfallort ausharren.

„Ohne Glück wäre ich jetzt vielleicht nicht mehr da“

Die Polizei wertet das Unfallgeschehen bereits am Tag danach als versuchtes Tötungsdelikt, richtet eine Mordkommission ein. Seither werden Zeugen gesucht. Jörg Schulte-Göbel von der Staatsanwaltschaft Dortmund berichtet Anfang dieser Woche, dass bisher so gut wie keine Hinweise vorliegen. „Man kann noch keine konkrete Zahl nennen, ob es sich um einen oder mehrere Täter handelt. Wir gehen jedoch von einer Einzeltat aus“, sagt Schulte-Göbel. Die Brücke an der Rahmer Straße sei bisher kein auffälliges Ziel für solche Vorfälle gewesen. „Wir werden jetzt DNA-Proben von dem Ast entnehmen, um so eventuell voranzukommen.“

Ihre Familie sei schockiert von dem Unfall, erzählt Cindy: „Meine Eltern verstehen nicht, warum jemand Äste von einer Autobahnbrücke wirft, das macht sie wütend.“ Auch in ihrer Nachbarschaft gebe es Unverständnis. „So eine Tat ist dumm und naiv. Das ist in keinster Weise lustig und ich verstehe nicht, wem die Täter damit etwas beweisen wollten“, sagt Cindy K. Sehr mitgenommen hat der Vorfall auch ihren Freund. „Ich glaube, ihn hat es am meisten getroffen, denn wir werden demnächst heiraten. Hätte ich nicht so viel Glück gehabt, wäre ich jetzt vielleicht nicht mehr da.“

„Ruhig bleiben, langsam abbremsen“

Tobias Scheffel vom ADAC spricht vom „Worst Case Szenario“, wenn ein Wurfgeschoss ein fahrendes Auto auf der Autobahn trifft. Das Verletzungs- und Todesrisiko ist extrem hoch, wie der Fall aus Oldenburg zeigt. „Doch vorbereiten können sich Autofahrer auf eine solche Extremsituation nicht“, sagt der Experte. Er rät Betroffenen zumindest, nach dem Aufprall ruhig zu bleiben. „Man sollte versuchen, vorsichtig zu bremsen und die Hände ruhig am Lenker zu halten, um die Kontrolle über den Wagen zu behalten.“

Wurfgeschoss von der Autobahnbrücke: „So eine Tat ist dumm und naiv“

Glück im Unglück: Der riesige Ast hat die Windschutzscheibe des Mazdas zum Bersten gebracht. © Stephan Schütze

Das ist Cindy K. geglückt. Gott sei Dank. Seit ihrem 18. Lebensjahr fährt sie gerne Auto – bisher unfallfrei. Sie weiß, dass viele Leute von so einem Unfall einschüchtern lassen und das Steuer meiden. „Aber ich schrecke von so etwas nicht zurück. Das Fahren macht mir Spaß und gibt mir unendlich viel Freiheit. Das wäre ziemlich schwach, wenn ich deshalb jetzt auf das Autofahren verzichten würde.“

Nichtsdestotrotz ist sie momentan in ihrem Alltag eingeschränkt. „Ich muss Freunde und Bekannte fragen, ob sie mich beispielsweise zum Einkaufen fahren, das nervt ein wenig.“ Ihr Auto war erst eineinhalb Jahre alt. Da es nur teilkaskoversichert ist und Cindy K. keine schweren Verletzungen hat, muss sie für die Kosten eines neuen Autos selbst aufkommen. „Ich habe keine Ahnung, woher ich das Geld nehmen soll. Und selbst wenn ein Täter ermittelt wird, muss dieser nur die Kosten tragen, wenn er auch zahlungsfähig ist. Es sieht also ziemlich bescheiden für mich aus.“

Doch die Erleichterung darüber, dass sie den Anschlag überlebt hat, überwiegt.

Wurfgeschosse von der Autobahnbrücke 2010 - Zwei minderjährige Mädchen werfen von einer Autobahnbrücke Maiskörner auf die Fahrbahn. Die Windschutzscheibe einer Berlinerin wird dabei leicht beschädigt. 2015 - Ein 14-Jähriger wirft von der Brücke über der A42 einen Stein auf die Autobahn, der eine Windschutzscheibe eines LKW durchschlägt. Es gibt keine Verletzten. Der jugendliche Täter wird kurz darauf von der Polizei ermittelt. 2016 - Eine Frau stirbt auf dem Rückweg eines Urlaubs nahe der dänischen Stadt Odense. Das Auto der Recklinghausener Familie wird von einem 30 Kilogramm schweren Betonklotz getroffen. Die 33-Jährige stirbt sofort, ihr Mann (36) wurde schwer verletzt, der Sohn erlitt leichte Verletzungen. 2018 – Ein unbekannter Täter wirft einen Stein auf die A5 bei Baden-Baden und trifft die Heckscheibe eines Wagens. Das auf der Rückbank schlafende Kind wird durch die Glassplitter verletzt. 2018 – Ein fußballgroßer Stein trifft eine Autofahrerin auf der A7 nahe der dänischen Grenze, Kreis Schleswig-Holstein. Der Stein trifft sie am Oberkörper. Die Kriminalpolizei ermittelt wegen des Verdachts auf ein versuchtes Tötungsdelikt.
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