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Holocaust-Überlebender fasziniert Realschüler

"Ihr seid nicht schuldig!"

Kein Tuscheln, kein leises Kichern, kein Blick auf das Smartphone. Wie gebannt verfolgten 94 Schüler der Alexander-Lebenstein-Realschule den 1,5-stündigen Vortrag des Juden Asher Cohen. Die Schüler zeigten sich nicht nur von Cohens Offenheit überrascht, sondern auch von seiner humorvollen Art.

HALTERN

, 09.05.2017 / Lesedauer: 3 min

Es war ein besonderer Vormittag an der Realschule. Nicht nur, weil mit dem 80-jährigen Asher Cohen ein Holocaust-Überlebender zu Gast war, sondern auch, weil der Vortrag auf Englisch gehalten wurde – Neuland für die Schüler der Jahrgangsstufe 10. Für alle Fälle stand zwar Lehrerin Susanne Heitfeld parat, aber Asher Cohen versprach den Schülern: „Ich werde langsam sprechen.“ Und mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: „Und zur Not ist mein Deutsch ja auch fantastisch.“ Das war zwar eine Übertreibung, aber tatsächlich nannte er viele Schlüsselbegriffe auf Deutsch, darunter „Beziehung“ und „Freundschaft“.

Asher Cohen hätte allen Grund dazu, niemals einen Fuß auf deutsches Terrain zu setzen. Schließlich verlor er in Rumänien unter dem NS-Regime große Teile seiner Familie. Statt sich aber von Deutschland abzuwenden, streckt er bereits seit Jahren symbolisch seine Hand aus. „Im Deutschen gibt es das schöne Wort ‚Versöhnung‘, und ich möchte mich versöhnen. Ihr seid meine Freunde. Deutschland ist mein Freund.“ Statt Vorwürfen gegen das deutsche Volk, hielt der 80-jährige ein Loblied auf die neue Generation Deutscher und insbesondere die Alexander-Lebenstein-Realschule.

„Ihr seid ein Symbol gegen Rassismus. Ein Symbol für deutsch-israelische Freundschaft. Ihr seid nicht schuldig!“ Dabei verwies er auch auf den Namensgeber der Realschule, Alexander Lebenstein, der ebenfalls den Holocaust überlebt hat. „Dass es an dieser Schule jedes Jahr einen Gedenktag gibt, an dem der Opfer der Massenvernichtung gedacht wird, zeigt ihren Charakter.“

Doch er war nicht nur gekommen, um Lob zu verteilen, sondern auch, um aus seinem Leben zu berichten. Emotional schilderte Cohen, wie seine Familie in seiner damaligen Heimat Rumänien mit tausenden weiteren Juden in Ghettos zusammengepfercht wurde und zu acht in einer winzigen Wohnung hausen musste. Spätestens als Asher Cohen unter Tränen eine sehr persönliche Geschichte preisgab, bekamen die Schüler einen Eindruck davon, welch tiefe Spuren diese Zeit beim Israeli hinterlassen hat.

„Wir haben zu der Zeit großen Hunger gelitten. Eines Tages kam meine Mutter mit einem Ei nach Hause. Ich war ein vierjähriges Kind und wollte es für mich alleine. Mein älterer Bruder wollte auch ein Stück, aber ich aß es allein. Das habe ich mir bis heute nicht verziehen, obwohl ich natürlich ein Kind war.“ Kurz vor dem Tod seines Bruders habe er ihn noch um Verzeihung dafür gebeten. Doch es zeigt den außergewöhnlichen Charakter Cohens, dass er auf die Tränen wieder Lacher folgen lassen konnte.

Wenn auch mit ernsthafter Botschaft: „Ich bin ein Mensch wie ihr: gut aussehend und intelligent. Es gibt keinen Unterschied zwischen uns.“ Es war ein Appell für Weltoffenheit und gegen Antisemitismus. Als die anschließende Fragerunde eröffnet wurde, meldete sich der 15-jährige Fredrik Schwadrat: „Ich möchte keine Frage stellen, aber ihnen meinen größten Respekt zollen. Sie sind eine beeindruckende Persönlichkeit.“ Und auch beim Verlassen des Vortragsraumes hielten einige Schüler an, um Asher Cohen die Hand zu schütteln. Wenn es nach Cohen geht, war das „Auf Wiedersehen“ keine Abschieds-Floskel. Alle Schüler lud er ein, ihm in seiner israelischen Heimatstadt Rishon LeZion einen Besuch abzustatten. 

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