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Wohnmobile gibt es in der Region viele - aber keins wie das von der Familie Ahlemann. Die Hullerner haben sogar die Karosserie der rollenden Ferienwohnung selbst gebaut.

Hullern

, 02.09.2018 / Lesedauer: 5 min

Vier Räder, verbunden mit einem einfachen Metallgerüst, vorne drauf eine Fahrerkabine mit zwei Sitzen, allerdings ohne Dach und Rückwand. Dieses denkbar abgemagertste Skelett von einem Mercedes Sprinter wurde vor fünf Jahren zu Jürgen Ahlemann nach Hullern geliefert. Heute steht ein großer Camper-Traum in blausilber vor dem Haus der Familie: In jahrelanger Maßarbeit hat der heute 69-Jährige sein eigenes Wohnmobil gebaut.

Vorne am Kühlergrill prangt noch das Mercedes-Benz-Emblem, aber nur ein Bruchteil des Wagens stammt tatsächlich vom Fließband. „Ich hab sogar schon ein eigenes Logo im Kopf“, sagt Renate Ahlemann, die Frau des Bastlers, der in dieses rollende Hotel jahrelange Arbeit gesteckt hat. Der 69-Jährige ist gelernter Fernmeldetechniker. „Ich hab damals ja eher alte Technik gelernt“, sagt der gebürtige Warendorfer: „Aber vieles kann man trotzdem noch selbst machen.“ Seit 1977 lebt er mit seiner Frau in Hullern, ein Bekannter sagte damals: „Ich hab da ein Grundstück für dich, wenn du uns ein Telefon auf der Kegelbahn installierst“, erzählt Ahlemann und lacht.

Am Haus habe er bereits vieles selbst gebaut, auch der Carport mit Kran unter der Decke für die Arbeiten am Wohnmobil seien in Eigenregie entstanden. Mit der tatkräftigen Unterstützung von Freunden wurde das Gefährt dann zum echten Familienprojekt: Vater Jürgen war fürs Handwerkliche zuständig, Mutter Erika war im Berufsleben Technische Zeichnerin, Sohn Sven ist Informatiker und kümmerte sich um die Elektronik.

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Hullerner baut sein eigenes Wohnmobil

In jahrelanger Maßarbeit hat der heute 69-jährige Jürgen Ahlemann sein eigenes Wohnmobil gebaut.
02.09.2018
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Jürgen Ahlemann hat über Jahre in Eigenregie das Grundgerüst eines Mercedes Sprinters in einen maßgeschneiderten Wohnwagen verwandelt.© Foto: Jürgen Ahlemann
Jürgen Ahlemann hat über Jahre in Eigenregie das Grundgerüst eines Mercedes Sprinters in einen maßgeschneiderten Wohnwagen verwandelt.© Foto: Kevin Kindel
Ungewöhnlicher Anblick: Auf Wunsch ist der Wagen so von Mercedes Benz geliefert worden.© Foto: Jürgen Ahlemann
Jürgen Ahlemann hat über Jahre in Eigenregie das Grundgerüst eines Mercedes Sprinters in einen maßgeschneiderten Wohnwagen verwandelt.© Foto: Kevin Kindel
Gasherd und Spüle sind im Wohnmobil eingebaut.© Foto: Kevin Kindel
Jürgen Ahlemann hat über Jahre in Eigenregie das Grundgerüst eines Mercedes Sprinters in einen maßgeschneiderten Wohnwagen verwandelt.© Foto: Kevin Kindel
Jürgen Ahlemann hat über Jahre in Eigenregie das Grundgerüst eines Mercedes Sprinters in einen maßgeschneiderten Wohnwagen verwandelt.© Foto: Jürgen Ahlemann
Ein echtes Familienprojekt: Vater Jürgen war fürs Handwerkliche zuständig, Mutter Erika war im Berufsleben Technische Zeichnerin, Sohn Sven ist Informatiker und kümmerte sich um die Elektronik.© Foto: Kevin Kindel
Jürgen Ahlemann hat über Jahre in Eigenregie das Grundgerüst eines Mercedes Sprinters in einen maßgeschneiderten Wohnwagen verwandelt.© Foto: Kevin Kindel
Jürgen Ahlemann hat über drei Jahren in Eigenregie das Grundgerüst eines Mercedes Sprinters in einen maßgeschneidertes Wohnmobil verwandelt.© Foto: Kevin Kindel
Das Heck des Wohnmobils soll noch mit einer Haltern-Silhouette verziert werden.© Foto: Kevin Kindel
Gleich zwei Rückfahrkameras sind in verschiedenen Blickwinkeln angebracht.© Foto: Kevin Kindel
Im Heck des Wagens befindet sich eine Garage für Fahrräder.© Foto: Kevin Kindel

Die Karosserie wurde selbst entworfen und aus besonderen Hartschaumplatten gefertigt. „Hier vorne stand ich mit einem Esslöffel und hab die Rundung in den Schaum geschabt“, erzählt der 69-Jährige, während er fast schon liebevoll mit der Hand über die angesprochene Stelle neben der Beifahrertür streicht. So wie fast alles an dem Wagen echte Handarbeit. Damit es sich nicht verzieht, musste ein Teil des Materials bei konstanten 25 Grad verarbeitet werden. Jürgen Ahlemann baute kurzerhand ein beheizbares Zelt für den Winter.

Im Heck des Wohnmobils ist hinter Türen eine Fahrradgarage eingebaut, inklusive Wasseranschluss für die Hundedusche. „Ich wollte keine Griffe sichtbar haben“, sagt Renate Ahlemann. Also ließ sich ihr Mann etwas einfallen. Um die Klappen zu öffnen, hält er jetzt einen Elektro-Chip vor einen unsichtbaren Sensor an der Karosserie. Zack, springt die Klappe auf. Eine Markise lässt sich elektrisch ausfahren. Per Handy-App könne man das zwar noch nicht steuern, aber vielleicht kommt das ja noch, sagt der 69-Jährige.

Im „Wohnzimmer“ des Innenraums gibt‘s helle Holzfronten an Schränken und Fächern, dazu eine Bank mit Lederpolstern, einen Tisch, Herd, Spüle und viele Fenster. Ein Fernseher hängt unter der Decke, im hinteren Bereich folgen Toilette, Dusche und Schlafzimmer. Jedes Detail ist durchdacht, Jürgen Ahlemann kann fast zu jedem Schalter eine Anekdote erzählen. Das Abwasserrohr befindet sich zum Beispiel in einem größeren Rohr, damit es beheizt werden kann. So friert es im Winter nicht ein. „Beim doppelten Boden haben wir besonders darauf geachtet, dass keine Korrosion entstehen kann“, sagt Ahlemann: „Da war der Tüv ganz begeistert.“

Die Camping-Passion überkam das Ehepaar übrigens relativ spät. „Wir waren jung verheiratet, als wir das erste Mal zelten waren“, erzählt der Ehemann mit einem vielsagenden Grinsen: „Wir waren am Meer in einer Mulde in den Dünen und es hat nachts geregnet. Wir haben auf unseren Luftmatratzen im Zelt geschwommen.“ „Da hab ich gesagt, das war das erste und letzte Mal“, erzählt Renate Ahlemann herzlich lachend. Mehr als 20 Jahre später ging es dann aber zum ersten Mal mit dem Wohnmobil in den Urlaub - und jetzt gehört das Paar zu einer echten Szene.

Bei Selbstausbauertreffen kommen teilweise mehr als 1000 Wohnmobil-Fans zusammen, auf Flohmärkten werden Bauteile angeboten. Das Hullerner Paar profitierte auch viel von Firmenauflösungen und Lagerverkäufen, inzwischen sind sie absolute Experten. „Das Schöne am Wohnmobil ist ja“, sagt Jürgen Ahlemann: „Wenn‘s einem irgendwo nicht gefällt, dreht man den Schlüssel um und ist wieder weg.“

Schockerlebnis bei der Zulassungsstelle

Dabei stand das ganze Projekt schon kurz vor dem Ende - und Jürgen Ahlemann ganz kurz vor dem Herzinfarkt. Das Ehepaar wollte den Wagen für vier Passagiere zulassen, Sitze und Gurte durfte nur eine Spezialfirma einbauen. Dort hörten Ahlemanns die Schockdiagnose: „Ihr Auto können Sie wegschmeißen.“

„Als wir das Fahrgestell geliefert bekamen, war die Abgasnorm fünf der neueste Stand“, erzählt der 69-Jährige. Zwei Jahre lang hatte er anschließend schon an dem Hotel auf Rädern gebaut, bis zur Zulassung gab es inzwischen die neue Schadstoffklasse sechs. Und die Spezialfirma durfte nicht an Neuwagen arbeiten, die noch mit Klasse fünf ausgestattet waren. Der Wagen hätte beim Kauf nur einen Tag lang zugelassen gewesen sein müssen, um nicht mehr als neues Modell zu gelten. „Alle haben gesagt, ‚Da haben Sie Pech‘“, erinnert sich Jürgen Ahlemann. Es folgte ein Behörden-Marathon. Bis der Leiter der Zulassungsstelle persönlich für ein Einzelgutachten sorgte. Der Camper-Traum war gerettet.

„Die Kosten für den Wagen haben wir nie nachgehalten“, sagt Jürgen Ahlemann, während er das dimmbare Licht über dem Esstisch vorführt. Nur so viel: Der vorherige Campingwagen der Familie, ein Motorrad und die Lebensversicherung seien in den Umbau geflossen. Eine italienische Firma biete solche Wohnmobile ab 90.000 Euro an - „die sind aber wesentlich kleiner als unserer“, sagt Jürgen Ahlemann. So viel Geld habe die Familie dennoch nicht investiert, aber die unzähligen Arbeitsstunden kann man gar nicht beziffern.

Und fast bei jedem Blick findet der Tüftler rund um den Wagen noch Kleinigkeiten, die man optimieren könnte. Zwar fuhr das Paar schon im Herbst 2017 die erste größere Urlaubstour mit dem Camper Marke Eigenbau, aber richtig abschließend fertig wird er wohl nie, wenn man dem Bastler so zuhört. Das nächste größere Vorhaben betrifft das Bett, das sich über der Fahrradkammer im Heck des Wohnmobils befindet. „Wenn da unten keine Räder drin sind, muss das Bett ja nicht so hoch sein“, meint Jürgen Ahlemann: „Da will ich noch eine Hydraulik einbauen, um das Bett abzusenken.“ Zwar ist er sehr stolz auf das Ergebnis der harten Arbeit, aber der 69-Jährige sagt auch: „Ganz ehrlich: Noch mal würd ich‘s nicht machen.“ Aber ein Ende findet er auch nicht.

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