Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Vor 80 Jahren benannten die Nationalsozialisten Straßen und Schulen in Haltern um und passten die neuen Namen der Ideologie des Dritten Reichs an. Dabei setzten sie auch Fake News ein.

Haltern

, 30.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Straßennamen dienen nicht nur der Orientierung, sie sind auch Teil unserer Erinnerungskultur. Sehr oft sind sie nach Persönlichkeiten benannt, die Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen haben.

Das ist auch in Haltern so. Hier gibt es beispielsweise das Römerviertel, dessen Straßennamen berühmten Kaisern und Feldherren wie Augustus oder Drusus gewidmet sind. Im Sythener Neubaugebiet Elterbreischlag wird an Widerständler im Nationalsozialismus erinnert, darunter Sophie Scholl und Dietrich Bonhoeffer.

Im Dritten Reich versuchten die NS-Führer, ihre eigenen Mythen und Helden zu schaffen und im Stadtbild zu verankern. Gleichzeitig wurde dafür gesorgt, dass Personen, Ereignisse oder Orte aus dem offiziellen Gedächtnis einer Stadt gestrichen wurden.

Stadtarchivar Gregor Husmann hat die Fakten und die Literatur zur Umbenennungspraxis in Haltern während dieser Epoche gesammelt. Zwar gab es zwischen 1933 und 1945 noch kein Internet oder soziale Netzwerke. Dennoch bedienten sich die Nazis im Rahmen ihrer Propaganda-Maschinerie der Methode, Nachrichten manipulativ zu verändern und zu verbreiten. Kurz zusammengefasst: Sie produzierten Fake News.

Junger Müller wurde zum Märtyrer stilisiert

Zum Märtyrer stilisierten die Halterner NS-Führer den 17-jährigen Müller Bernhard Gerwert aus Sythen. Mit der Umwidmung der Sixtusstraße würdigten sie „das Opfer“, das der junge Mann für seinen Führer Adolf Hitler gebracht haben sollte. Er sei für seine Überzeugung gestorben.

Nach dem Krieg stellte sich heraus, dass die Geschichte von Bernhard Gerwert umgeschrieben worden war (siehe Sixtusstraße).

In Haltern gab es zwar keine Straßennamen jüdischen Ursprungs, die nach einem Beschluss von Juli 1938 hätten getilgt werden sollen. Aber es wurde die römische Vergangenheit der Stadt ins Visier genommen. Straßennamen römischen Ursprungs sollten durch Namen „deutscher Helden“ und „verdienter Männer der NS-Bewegung“ ersetzt werden. Umgesetzt wurde dieser Plan allerdings nur im Fall des Römerplatzes (heute Kardinal- von-Galen-Park), der bereits 1933 in Adolf-Hitler-Platz umgewidmet worden war. 1938 wurden dann drei Straßen und zwei Schulen umbenannt, denen keine weiteren folgen sollten.

NS-Embleme wurden nach dem Krieg vernichtet

Die Straßennamen der NS-Zeit wurden später auf Veranlassung der Militärbehörden vernichtet, ebenso wie die NS-Embleme. So mussten ehemalige Parteigenossen das Hakenkreuz und den Namen „Horst-Wessel-Schule“ an der Vorderfront eines Schulgebäudes an der Ecke Lavesumer Straße/Römerstraße mit Hammer und Meißel entfernen.

Alles, was an dieses dunkle Kapitel in Haltern erinnerte, wurde ausgemerzt. Zu gern hätte mancher Zeitgenosse endgültig den Mantel der Geschichte über die Fakten ausgebreitet. Es ist Autoren und Heimatforschern wie Georg Nockemann und Heinz Prohl sowie Stadtarchivar Gregor Husmann zu verdanken, dass dieser unbequeme Teil der Stadtgeschichte wachgehalten wird, um uns Wegweiser für die Zukunft zu sein.

Adolf-Hitler-Platz - Kardinal-von-Galen-Park

So verbreiteten die Nazis Fake News in Haltern

Im Kardinal-von-Galen-Park gegenüber vom Rathaus erinnert eine Statue an den Namensgeber. © Foto: Kevin Kindel

Mit Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung in Haltern wurde der Römerplatz bereits 1933 in Adolf-Hitler-Platz umbenannt. Das war im ganzen Deutschen Reich und später auch in den besetzten Gebieten eine übliche Praxis.

Pikant für Haltern ist, dass dem Führer auf diese Weise bereits ab 19. April 1933 gehuldigt wurde (quasi ein Geburtsgeschenk an den Reichskanzler im fernen Berlin). Das Reichsinnenministerium gab erst im Juli die Verordnung heraus, dass in jeder Stadt die wichtigste Straße oder der zentrale Platz nach Adolf Hitler zu benennen sei. Direkt nach dem Krieg am 8. Mai 1945 sprachen die Halterner vom „Platz der Freiheit“. Seit 1949 heißt die Fläche „Kardinal-Graf-von-Galen-Plark“, seit 1991 nur noch „Kardinal- von-Galen-Park“.

Hindenburg-Wall - Friedrich-Ebert-Wall

So verbreiteten die Nazis Fake News in Haltern

Der Friedrich-Ebert-Wall ist heute eine stark befahrene Straße in Haltern. Foto: Radtke

Der Straßenname Friedrich-Ebert-Wall, der an den sozialdemokratischen Politiker und ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik erinnerte, wurde 1938 eliminiert. Stattdessen fuhren die Halterner über den Hindenburg-Wall. Paul von Hindenburgs Rolle im Ersten Weltkrieg beruhte vor allem auf dem Mythos als „Sieger von Tannenberg“. Vor dem Untersuchungsausschuss der Weimarer Nationalversammlung verbreitete er die Dolchstoßlegende, wonach das deutsche Heer im Felde unbesiegt geblieben sei.

Als Reichspräsident ernannte er Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler. Seit Mitte 1949 heißt die Halterner Straße wieder Friedrich-Ebert-Wall.

Bernhard-Gewert-Straße - Sixtusstraße

So verbreiteten die Nazis Fake News in Haltern

Die Geschichte der Sixtusstraße zeigt ganz besonders, wie die Nazis ihre eigenen Heldengeschichten kreierten. Foto: Radtke

Die Sixtusstraße trug von 1938 bis 1945 den Namen Bernhard-Gerwert-Straße. Die Nazis behaupteten, der 17-jährige SA-Mann sei im April 1928 auf dem Heimweg von einer Versammlung in seinem Heimatdorf Sythen als Held gefallen und von vier Kommunisten erschlagen worden. Dabei sei sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zertreten worden. Drei Tage habe er im Sixtus-Hospital gelitten, bis ihn der Tod erlöst habe. Nach dem Krieg kam die Wahrheit ans Licht: Der Vater des Jungen, Ferdinand Gerwert, erklärte, dass sein Sohn zu Unrecht „als sogenannter Blutzeuge“ gelte. Er sei an einer Blinddarmentzündung gestorben, das sei auch gerichtsärztlich belegt. Heute gibt es wieder die Sixtusstraße.

Ludwig-Knickmann-Straße - Recklinghäuser Straße

So verbreiteten die Nazis Fake News in Haltern

Auf der Recklinghäuser Straße ist es nach dem Bau der Umgehungsstraße ruhig geworden. Foto: Radtke

Die Ludwig-Knickmann-Straße, vor 1938 und nach dem Krieg Recklinghäuser Straße, war nach einem Halterner benannt, der 1923 gemeinsam mit Karl Jackstien über die Lippe bei Haltern setzte, um die französischen und belgischen Besatzungssoldaten mithilfe von Bombenattentaten zu vertreiben. Sie sprengten Eisenbahnschienen und eine Brücke in die Luft.

Dabei liefen sie im Juni 1923 einer belgischen Patrouille in die Arme. Knickmann wurde angeschossen und ertrank beim Fluchtversuch in der Lippe. Die Nazis stilisierten den Ruhrkämpfer zu einem frühen SA-Kämpfer. Dabei hat der Halterner selbst wohl nie von der Sturmabteilung der NSDAP erfahren. Die SA-Standarte 137 wurde nach Ludwig Knickmann benannt.

Ludwig-Knickmann-Schule - Annaschule

So verbreiteten die Nazis Fake News in Haltern

Die Erich-Kästner-Förderschule wurde mittlerweile aufgegeben. © Foto: Johanna Wolter

Die Annaschule an der Drususstraße, die zuletzt Erich-Kästner-Schule hieß, wurde im Dritten Reich nach Ludwig Knickmann benannt. Der Halterner war während der Ruhrbesetzung durch die Franzosen von 1923 bis 1925 ums Leben gekommen. Die Nazis nutzten die Geschichte des Ruhrkampfes für sich.

Horst-Wessel-Schule - Evangelische Schule

So verbreiteten die Nazis Fake News in Haltern

An der Ecke Lavesumer Straße/Ecke Römerstraße stand die ehemalige evangelische Schule. Das heutige Gebäude ist Teil der sogenannten Muttergottesstiege. © Foto: Silvia Wiethoff

Die ehemalige Evangelische Schule an der Ecke Römer-/Lavesumer Straße empfing ihre Schüler als Horst-Wessel-Schule. Das Gebäude existiert nicht mehr. Horst Wessel wurde von KPD-Migliedern getötet und zum „Märtyrer der Bewegung“ erklärt. Er verfasste das Horst-Wessel-Lied, das zur Parteihymne der NSDAP wurde und nach dem Krieg verboten wurde.

Lesen Sie jetzt