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Autorin Lina Atfah fand in Wanne-Eickel die Freiheit

Hertha-König-Preis

Lina Atfah schrieb in Syrien über Träume, aber in Deutschland über anderes.

von Sandra Schaftner

Wanne-Eickel

, 26.02.2018
Autorin Lina Atfah fand in Wanne-Eickel die Freiheit

Lina Atfah in Köln Foto: privat

„Wir sterben vor Hunger, und unsere Gouverneure sterben, weil sie so voll sind. Oh Gott, fühlst du dich nicht schlecht, weil diese Dinge in deinem Namen geschehen?“ Diese Zeilen hat die syrische Autorin Lina Atfah mit 16 Jahren in einem Literaturhaus in ihrer syrischen Heimatstadt Salamiyyah vorgelesen. Daraufhin warf die Regierung ihr Gotteslästerung vor: Sie durfte bis 2015 nicht öffentlich mit ihren Gedichten auftreten.


Meinungsfreiheit


Seit Ende 2014 lebt die 28-Jährige in Wanne-Eickel. Ihr Mann Osman Yousufi war schon vor ihr hier, ihre Familie kam nach und nach hinterher. Atfah sagt, sie liebt die Stadt und möchte hier bleiben, vor allem wegen der Meinungsfreiheit.

Das Auftrittsverbot hielt sie nicht vom Schreiben ab. „Niemand kann mich stoppen“, sagt sie. All die Jahre sammelte sie ihre Geschichten und Gedichte, die die Politik oft versteckt kritisierte. „Ich habe auch viel über meine Träume geschrieben“, sagt Atfah. „Hier in Deutschland kann ich das nicht mehr. Hier geht es um das, was ich verloren habe.“ Und um die Liebe, ein Thema, das in Syrien tabu war.


Erste Lesung in Köln


2015 hielt Lina Atfah nach vielen Jahren ihre erste Lesung in Köln. Sie trug ihr Gedicht „Am Rande der Rettung“ vor, das 2016 in der Anthologie „Weg sein – hier sein“ erschien. Daneben veröffentlichte Atfah Gedichtbände auf Arabisch und Texte mit deutscher Übersetzung, zum Beispiel auf dem Portal weiterschreiben.jetzt. Ende 2017 erhielt die Syrerin den Kleinen Hertha-König-Preis.

Aber eine gerade Erfolgsspur ist die Karriere der Autorin nicht. Direkt nach ihrer Flucht tat sie sich mit dem Schreiben sehr schwer. Zuerst musste sie auf die Genehmigung ihres Asylantrags warten, dann waren ihre Gedanken ständig woanders, bei ihrem Vater, der von der syrischen Regierung bedroht wurde, und bei zwei Frauen aus der Familie, die bei einem Massaker nahe ihrer Heimatstadt gekidnappt wurden.

Auch seit die Autorin vor drei Monaten ihren Deutschkurs begann, stockt der Schreibfluss. „Auf Arabisch kann ich die Sprache am Nacken greifen, aber auf Deutsch bin ich ein Kind“, sagt Atfah. Doch sie lacht dabei und will sich bessern.

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