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Bestimmt die „Nostalgiemaschine“ das Bild des Bergbaus?

Tagung in Dortmund

Wie blicken wir zurück auf den Bergbau? „Die Nostalgiemaschine läuft wie geschmiert“, kritisiert Arnold Maxwill. Deshalb suchen der Wissenschaftler und seine Kollegen bei einer Tagung in Dortmund ehrlichere Ansätze.

DORTMUND

, 01.03.2018
Bestimmt die „Nostalgiemaschine“  das Bild des Bergbaus?

Glorifiziert hat der Journalist Erich Grisar (1898-1955) die Bergleute nicht. Seine Fotos sind grundehrlich. Dieses heißt „Schichtwechsel auf der Zeche Tremonia“.Foto: Grisar/ Stadtarchiv Dortmund

Zwei Tage lang beschäftigen sich rund 60 Teilnehmer auf Zeche Zollern mit dem Thema „Leben in der Arbeitslandschaft – Narrationen des Steinkohlebergbaus“. Und schon am Donnerstag wurde deutlich, wie unbehaglich sich Historiker mit dem Bild voller Pathos und Nostalgie fühlen, das Medien und Literatur derzeit vom Steinkohlebergbau zeichnen.

„Sentimentalität ist einfach“

„Sentimentalität ist dramaturgisch einfach“, sagte Arnold Maxwill vom Fritz-Hüser-Institut Dortmund, der die Tagung organisiert hat. Der Mythos des Bergmanns als Kämpfer sowie die Themen Fleiß, Kameradschaft und Opferbereitschaft würden das Bild bestimmen. Fördertürme würden als „Kathedralen des Ruhrgebietes“ verherrlicht – ein Seitenhieb auf einen neuen Bildband aus dem Klartext-Verlag. „Das halte ich für die falsche Form der Sakralisierung“, kritisierte Maxwill.

Halbnackte Männer mit Muskeln

Auch Stefan Goch, Historiker aus Gelsenkirchen, wies auf die Kraft der Bilder hin: „Bergbau – das sind junge halbnackte Männer mit dicken Armen.“ In ironischem Tonfall reagierte er außerdem auf den TV-Film „Der lange Abschied von der Kohle“, den die RAG-Stiftung unterstützt hatte. Goch: „Für Arbeitgeber und Arbeitnehmer galt darin: Man hat sich immer gut verstanden.“

Also nur Klischees und eine einseitige Deutung der Geschichte? Beide Wissenschaftler nannten Themen, die zu wenig angesprochen werden: die rücksichtslose Ausbeutung der Natur durch den Bergbau, die Geschichte der sozialen Verwerfungen, später die De-Industrialisierung. „Die Ruhrkohle AG hat in beispielloser Weise Raubbau betrieben“, sagte Roland Günter aus Oberhausen. Der als „Retter von Eisenheim“ bekannte, emeritierte Professor fügte hinzu: „Das kann ich nicht sehen, dass die RAG die volle Verantwortung dafür übernimmt.“

Bestimmt die „Nostalgiemaschine“  das Bild des Bergbaus?

Arnold Maxwill vom Fritz-Hüser-Institut in Dortmund hat die Tagung organisiert. Foto: Jäger

Der Dortmunder Eckhard Schinkel forderte denn auch eine „Analyse ohne Samthandschuhe“, wie sie der Wissenschaftler Franz-Josef Brügemeier (der seinen Vortrag leider kurzfristig abgesagt hatte) in seiner Analyse der Umweltschäden „Blauer Himmel über der Ruhr“ 1992 geleistet hatte. Es gibt anscheinend nicht genug solcher kritischen Würdigungen. Stefan Goch: „Wer sich mit Bergbaugeschichte beschäftigt, ist meistens technikaffin.“

Ist der Strukturwandel gelungen oder nicht?

Widersprüchlich wie das Bild des Bergbaus ist auch die Deutung des Strukturwandels. Ist er nun gelungen oder nicht? „Die Geschichte des Bergbaus hat einen guten Ausgang“, meinte Stefan Goch. „Die Abwicklung des Bergbaus ist relativ sozialverträglich bewältigt worden.“

„Das möchte ich bezweifeln“, konterte Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal, Gewinner des Leipziger Buchpreises für Verständigung 2013. Er hat sich die Situation im einstigen nordfranzösischen Kohlerevier angesehen und erlebte dort den Verlust von Identität. „Solidarität verschwindet in prekären Arbeitssituationen“, warnte Bogdal und fragte: „Gibt es nicht inzwischen auch hier starke Brüche?“

Die Tagung geht an diesem Freitag (2.3.2018) von 9 bis 19 Uhr auf Zeche Zollern in Dortmund weiter, Eintritt frei. Ab 14.30 Uhr spricht Regina Selter vom Museum Ostwall über „Bergmännische Laienkunst vs. moderne, abstrakte Kunst in historischen Rezensionen“. Selter und ihre Kollegin Karoline Sieg zeigen ab 3. Mai 2018 die Kunst der Bergleute in der Ausstellung „Himmel und Hölle“ im Dortmunder U.
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