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Christoph Schlingensief verliert letzten Kampf

Theatermacher und Aktionskünstler

BERLIN. Als „Provokateur“ wurde er geschmäht. Was wir an ihm hatten, wird wohl erst jetzt deutlich, wo er nicht mehr ist: Christoph Schlingensief (49), Film-, Theater-, Opernregisseur, begnadeter Aktionskünstler und ewiger Lausbub, erlag am Samstag in Berlin seinem Krebsleiden.

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 22.08.2010
Christoph Schlingensief verliert letzten Kampf

Christoph Schlingensief erlag am Samstag seinem Krebsleiden.

Bis zuletzt wollte Schlingensief, der Kämpfer, der Rastlose, sich vom Krebs nicht besiegen lassen. Aus seiner Krankheit schöpfend, brachte er das Oratorium „Kirche der Angst“ 2009 auf die Bühne der Ruhrtriennale: Todesahnung, Gott und Glaubenskrise verschmolzen zu einem verzweifelten Akt der Selbsterforschung.Dampfplauderer mit CharmeSchlingensief schrieb ein Buch über sein Leben mit Krebs, warb unermüdlich für sein „Operndorf“ in Afrika, auch Hintergrund seines Ruhrtriennale-Projektes „S.M.A.S.H.“. Die Proben wurden eingestellt, Premiere wäre an Schlingensiefs Todestag gewesen. Mit ihm erlischt ein funkelnder Solitär der Kulturszene. Joseph Beuys war Schlingensiefs Leitstern. Von ihm hat er gelernt, dass Kunst Aktion und Propaganda ist. Und Schlingensief war ein hinreißender Propagandist: Wer diesen Dampfplauderer erlebt hat, der weiß, wie viel Charme, Charisma, Witz, Intelligenz Schlingensief besaß.Satirische ReflexeWie Beuys hat er sich nicht in Nischen eingepasst, sondern ein eigenes Referenzsystem verfolgt. Schlingensief schöpfte aus Alltag, Politik, Medienwirklichkeit. Seine Happenings sind satirische Reflexe auf den Zeitgeist. Wien, Ausländer raus: Asylanten im Container sollen per TED abgewählt werden. „Big Brother“ trifft Abschiebepraxis. Die Schlingensief-Partei „Chance 2000“ bittet Arbeitslose zum Bad im Wolfgang See. Ziel: Das Urlaubsdomizil von Kanzler Kohl zu fluten. Mit „Freakstars 3000“ parodiert Schlingensief die Flut von TV-Castingformaten, spannt Laien und Behinderte ein: Brüllend komisch.Getarnter Humanist Mit zwölf Jahren dreht der Apothekersohn aus Oberhausen Super 8-Filme. Als junger Mann wird Schlingensief Assistent bei Werner Nekes. Als Regisseur arbeitet er sich am Dritten Reich ab („100 Jahre Adolf Hitler“, 1989), nimmt den Führer-Tick von Eichingers „Der Untergang“ vorweg. „Das deutsche Kettensägenmassaker“ und „Terror 2000“ etablieren ihn als Meister schwarzer Krawall-Grotesken und bescheren ihm Kultstatus. Jedenfalls bei denen, die merken, dass ein getarnter Humanist am Werke ist.Volksbühne und Bayreuth Anfang der 1990er avanciert er zum Hausregisseur an Castorfs Berliner Volksbühne, wo er sich medienwirksam mit der Politik anlegt („100 Jahre CDU“) oder den Götzenkult der Linken verkaspert („Rocky Dutschke, 68“). Auch für ihn überraschend, ereilt Schlingensief der Ruf nach Bayreuth, wo er 2004 den Parsifal inszeniert. Mit Erfolg. Der Wilde ist im Olymp der schönen Künste angekommen. In Manaus bringt er den „Fliegenden Holländer“ zur Aufführung.Enormes Arbeitstempo Schlingensief legt ein Arbeitstempo vor, als habe er geahnt, dass ihm nicht viel Zeit bleibt. 2008 dann die niederschmetternde Diagnose: Lungenkrebs. Diesen Kampf kann der angriffslustige Brausekopf nicht gewinnen. Je aberwitziger die Zeiten, desto mehr wird er uns fehlen. 

 

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