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Die Geheimnisse der Spitzenschuhe

Primaballerina Monica Fotescu-Uta

"Rrrratsch" macht es. Monica Fotescu-Uta hat die Innensohle ihres Spitzenschuhs halb herausgerissen. Als nächstes fliegt ein Nagel, der im Inneren des zarten Gebildes steckt, im hohen Bogen weg. Und da kein Hammer zur Hand ist, beginnt sie, das hautfarbene Schuhwerk mit Wucht auf den Boden zu schlagen. Klong, klong, klong!

DORTMUND

von Von Bettina Jäger

, 21.12.2012

Wer hätte gedacht, dass die zierliche Primaballerina des Dortmunder Balletts so mit ihren Spitzenschuhen umgeht? Aber Monica Fotescu-Uta weiß, was sie tut. Was auf Anhieb brutal wirkt, ist hinter den Kulissen jeder Tanzcompagnie auf dieser Welt ganz normal.Präparieren der Fußbekleidung Das Präparieren der Fußbekleidung gehört zum Alltag eines Ballett-Profis. Je fantastischer die Leistung auf der Bühne ist, desto perfekter muss der Spitzenschuh passen.

Spitzenschuhe stehen für den Mythos des klassischen Balletts. Sie sind das Symbol für Anmut und Grazie. Der Spitzenschuh ermöglicht es der Tänzerin, scheinbar über die Schwerkraft zu triumphieren, ihrem Körper die perfekte Linie abzuringen.Auf Maß gemacht "Niemand berührt meine Schuhe außer mir", sagt Monica Fotescu-Uta. Wie alle Primaballerinen trägt die gebürtige Rumänin handgenähte Schuhe, in deren Sohle das Zeichen des Schuhmachers eingeprägt ist. Eine Kolonne von Zahlen auf der Innenseite nennt die Maße. Und zwar nicht nur die Schuhgröße 37. Auch die genaue Größe der "Box" - das extrem harte Vorderteil des Spitzenschuhs - und viele andere Angaben sind hier vermerkt.Kein Tanz auf Zehenspitzen In dieser Box steckt der Fuß, das Gewicht des Körpers lastet auf dem grazil gewölbten Spann. "Die Menschen denken immer, wir tanzen auf den Zehenspitzen", lächelt Fotescu-Uta. "Aber das ginge gar nicht."

Sie erhebt sich mühelos auf die Spitze, findet die Balance durch die erhobenen Arme. Unter ihrer Strickstrumpfhose ist die starke Beinmuskulatur, Tag für Tag trainiert und perfektioniert, nur zu erahnen. Tänzerinnen sind keine Zuckerfeen. Es sind Magnolien aus Stahl.Nadel und Faden sind immer dabei

Und sie haben Nadel und Faden stets dabei. Denn jeder neue Schuh muss individuell angepasst werden. Doch zuerst kommt die Rosskur. Mit dem Hammer macht die Primaballerina die Schuhe weicher. Dass sie die Schuhe auf den Boden schlägt, wird ihre Schritte auf der Bühne später leiser klingen lassen. Dann schneidet sie den Stoff an der Spitze ab und näht die Kante rundherum neu fest. Eine Kombination aus Satin- und Gummibändern bindet den Schuh fest ans Bein.Rolle eines Pilzes

Monica Fotescu-Uta erinnert sich noch gut, dass sie mit neun Jahren zum ersten Mal Spitzenschuhe trug. Sie hatte noch nie eine Ballettstunde gehabt, stellte sich in der Staatsoper Bukarest für ein Kinderstück vor. Die Fachleute erkannten ihr Talent - und gaben ihr die Rolle eines Pilzes. Die Füße steckten in Spitzenschuhen, der Körper in einer Art Sack, auf dem Kopf trug sie die riesige Pilzhaube. "Ich konnte die Arme nicht benutzen, um die Balance zu halten."Infiziert vom Theater Mit einem Dutzend anderer Pilze trippelte sie in der Generalprobe über die Bühne und war die einzige in der Reihe, die ab und zu einknickte. "Meine Eltern haben Tränen gelacht", erinnert sie sich. Trotzdem: Die Berufswahl des Mädchens war gelaufen. "Die Mikrobe war in mir drin", erzählt sie in ihrem charmanten Deutsch. "Das war meine Welt."

Wenn die Mutter einer kleinen Tochter heute im "Schwanensee" oder im "Traum der roten Kammer" über die Bühne schwebt, sieht der Ballettfan Gefühl, Ausdruck, Leichtigkeit und Eleganz. Eine Illusion, wenn auch eine wunderschöne.Pechschwarze Ferse Denn die Schuhe verraten, wie hart diese Kunst ist. Monica Fotescu-Uta zeigt ein Paar - die Spitze ist zerfetzt, seitlich quillt das Futter heraus, die Ferse ist pechschwarz. Wie alt mögen diese Schuhe sein? Ein Jahr vielleicht? "Ein Schwanensee", sagt Fotescu-Uta und lacht.

 

Hohe Kosten fürs Schuhwerk
35 000 Euro pro Spielzeit gibt das Dortmunder Ballett allein für Spitzenschuhe aus. Bis zu zwei Paar pro Woche zertanzt jedes weibliche Mitglied der Compagnie.
L Die Compagnie unter der Leitung von Xin Peng Wang findet viel überregionale Resonanz, vom „Dortmunder Ballettwunder“ ist die Rede. Derzeit gibt es den „Schwanensee“ (6.1./19.1/1.2., am 15.2. zum letzten Mal) und den prachtvoll-exotischen „Traum der roten Kammer“ (26.1./ 9.2./ 22.2.) zu sehen, Karten unter Tel. (0231) 502 72 22.