Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Die neue Kuschel-Kunst

Trend "Urban Knitting"

DORTMUND. Die Idee ist bestrickend. Ampeln bekommen ein buntes Mäntelchen, Poller eine Mütze, Skulpturen eine Armbinde gegen Atomkraftwerke. "Urban Knitting" heißt die neue Kuschel-Kunst, die mehr sein will als nur süß - nämlich eine sanfte Art des Protestes.

von Von Bettina Jäger

, 17.06.2011

"Urban Knitting" kommt aus den USA. Die Masche erfunden hat - so steht´s zumindest im Internet - die Künstlerin Magda Sayeg aus Texas. Sie gründete 2005 die erste Gruppe von Guerilla-Strickerinnen, die sich "Knitta Please" nannte. Inzwischen stricken Trüppchen aus Deutschland, Österreich ("Strickistinnen"), Skandinavien, Japan und Südafrika an dieser sanften Revolution. Das Ganze erinnert an Graffiti - nur dass "Yarn bombing", die Bombardierung mit Garn, eben rein gar nichts zerstört.

Friedlicher als Graffiti

Diese Art des friedlich-freundlichen Protestes fasziniert auch "Strick". Ihren wirklichen Namen möchte die 26-jährige Düsseldorferin, die Textilgestaltung in Köln studiert, nicht nennen. "Guerilla Knitting ist total gewaltlos und hat eine Super-Wirkung - viel besser als Graffiti." Unter dem Titel "Fluffy on tour" hat sie deshalb eine Mitmach-Strickguerilla gegründet, die etwa ein Dutzend Mitglieder hat. Ihre Gruppe kommuniziert über Facebook und wendet sich vor allem gegen Atomkraft, aber auch gegen den Kultur-Kahlschlag in Wuppertal und andere Themen. "Tünnes und Schäl" in Düsseldorf verpassten sie eine Anti-Atom-Armbinde. Unterwegs ist die Gruppe nachts, denn die Strickkunst ist bunt, bewegt sich rechtlich aber in einer Grauzone.

Die Stadt schöner gestalten Da sind Brunhild Mescher-Ubachs, Inhaberin eines Handarbeitsgeschäftes, und ihre Mitstrickerinnen aus Dortmund-Mengede vorsichtiger. Sie nahmen vorher mit dem Ordnungsamt Kontakt auf, brachten die Arbeiten tagsüber an. Zur Begeisterung der Anwohner, die inzwischen schon Farbwünsche äußern.Schiefe Pfosten, leere Blumenkübel

"Nein, das ist kein tiefgehender Protest", schmunzelt Mescher-Ubachs. Aber ändern möchte das Trio, zu dem auch Nanny Twelkemeyer und Sabine Herzer gehören, durchaus etwas. "Die Mengeder Straße ist so hässlich", kritisieren sie. Nachdem eine Baustelle weiterzog, blieben viele Pfosten schief stehen. Die Stadt Dortmund bepflanze ihre eigenen Blumenkübel nicht, erzählen sie, viele Anwohner fegten noch nicht mal die Gehsteige.Straße trägt Strümpfe Jetzt dagegen lieben vor allem die Mädchen und Jungen der nahe gelegenen Schule das Stück Straße, das Ringelstrümpfe trägt. "Hier kommt ein Kind vorbei, das jeden Morgen die Laterne umarmt", erzählt Mescher-Ubachs. Umso schockierter war das Kind, als das Strickkunstwerk plötzlich abgerissen worden war. Zerstörungen kommen beim "Urban Knitting" leider häufig vor. Aber die Dortmunderinnen haben alles sofort repariert: "Damit das Kind weiter mit der Laterne kuscheln kann."

Ein schöner Bildband zum Thema, aus dem auch das Baum-Foto auf dieser Seite stammt, ist im Prestel Verlag erschienen. "Urban Knits" von Simone Werle zeigt Garnkunstwerke aus aller Welt (ISBN 978-3-7913-4478-2, 14,95 Euro).

Lesen Sie jetzt