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Dieses „Internat“ ist anders als bei Harry Potter

Schauspiel Dortmund

Shooting-Star Ersan Mondtag inszeniert das optisch Spektakulärste, was am Schauspiel Dortmund seit langem zu sehen war. Für die Handlung gilt das leider nicht.

DORTMUND

, 10.02.2018
Dieses „Internat“ ist anders als bei Harry Potter

In der Gruselschule: Philipp Joy Reinhardt als Außenseiter mit den Folkwang-Studenten. Die bemalten Gesichter und Uniformen sind das prägende Element der Inszenierung. Foto Hupfeld

Allerdings waren die Erwartungen an die Uraufführung am Freitag auch hoch. Regisseur Ersan Mondtag, der im Dezember 30 Jahre alt geworden ist, gilt als Shooting-Star unter den jungen Theatermachern. Der „Nachwuchsregisseur des Jahres 2016“ war schon zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Mondtag ist sein eigener Bühnen- und Kostümbildner

In Dortmund hat er als sein eigener Bühnen- und Kostümbildner ein Spukschloss gebaut. Zinnen ragen in den Himmel, tote Bäume strecken ihre Arme aus, hinter gotischen Bögen geht die Sonne unter. Siehe da, ein begehbares Gemälde von Caspar David Friedrich. Nur, dass es darin nicht romantisch zugeht. 17 Schüler sind hier kaserniert in Uniformen, denen die Bemalung durch Annika Lu Hermann die Individualität austreibt und dafür eine Kraft gibt, als wär´s ein expressionistischer Stummfilm.

Noch dazu setzt Ersan Mondtag die Tretmühle in Bewegung. 90 Minuten kreist das Internat auf der Drehbühne, lässt uns immer wieder den Speise- und den Schlafsaal, eine Treppe und die Dusche sehen, in der Gespenster mit roten Augen lauern. Hier waschen sich die Zöglinge nicht nackt, sondern im Body (inklusive Anhängsel aus Stoff). Später werden sie im Takt ihre Suppe löffeln oder das Volkslied „Bunt sind schon die Wälder“ anstimmen, was zusehends unheimlich wird.

Zuschauer gruseln sich ohne Schock

Denn in diesem Internat des Grauens wird der Außenseiter Philipp Joy Reinhardt als „Junge im Schnee“ gemobbt. Hände schließen sich fester um Peitschen, Jungen lauern mit Waffen in leeren Fensterhöhlen. Die Folkwang-Schüler, die hingebungsvoll als Internatskinder agieren, marschieren sogar rückwärts zackig. Musik und Klänge von T. D. Finck von Finckenstein alias Tommy Finke geben unbarmherzig den Rhythmus vor, bei dem jeder mit muss.

Regisseur Mondtag bietet ein Buffet der Emotionen und Assoziationen. Er rührt die Kunstgeschichte und Elemente des Action-Films mit den Enthüllungen über brutale Heimerziehung zusammen, gibt eine Prise Edgar Allan Poe und die Grundidee aus William Goldings Kultbuch „Herr der Fliegen“ dazu. Alles schmeckt nach wohligem Grusel und schaudert, ohne zu schockieren.

Die Handlung ist papierdünn

Das könnte eine vergiftete Version von Harry Potter sein, wäre es nur mitreißender. Alexander Kerlin und Matthias Seier aus der Dramaturgie haben den Text verfasst und lassen ein „totes Kind“ – wundervoll gesprochen von Alicja Rosinski – zuerst den Außenseiter und danach als nackte Eva den Rest der Jungs zur Freiheit verführen. Aber die Handlung ist papierdünn. Und Rätsel reichen nicht aus, um sie spannend zu machen.

Eher eine Performance als ein Theaterstück

Ist das überhaupt noch ein Theaterstück? Nein, eigentlich sehen wir eine Kunstperformance, eine bittere Abrechnung mit miesen Kindheiten und deren Ende mit einem Knalleffekt. Von diesem Gesamtkunstwerk muss man sich überwältigen lassen wollen. Freundlicher Applaus.

Termine: 16.2.2018/ 10. und 11. 3.2018/ 27. und 28.4.2018/ 2. und 3.5.2018/ 13.5.2018/ 8.6.2018/ 23.6.2018/ 8. und 11.7.2018. Karten unter Tel. (0231) 5 02 72 22.