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Ehrenmord an Desdemona

DORTMUND Shakespeares Werke sind bei Regisseuren auch deshalb beliebt, weil sie so dehnbar sind. Weil in ihnen Grundkonflikte verhandelt werden, lassen sie sich mühelos ins Heute überführen.

von Von Katrin Pinetzki

, 04.11.2007
Ehrenmord an Desdemona

Feldherr Othello (Matthias Scheuring, l.) und sein Einflüsterer Jago (Manuel Harder).

Aber kann man aus dem "Othello" ein Stück über den US-Imperialismus machen? Am Samstag hatte Uwe Hergenröders "Othello" in Dortmund Premiere.

Zu Beginn stehen die Figuren - das Personal ist auf sieben Handlungsträger reduziert - in historisierenden Kostümen nebeneinander vor dem geschlossenen Vorhang und führen ins Stück ein: Desdemona erklärt ihrem Vater, warum sie den schwarzen Feldherrn Othello liebt. Cassio berichtet von Türken, die auf das von Venedig besetzte Zypern zusteuern. Jago schmiedet seine Intrige, um die eigene Karriere zu beschleunigen.

Kommandozentrale

Dann öffnet sich Ulrich Schulz' Bühne: Wir sind auf Zypern, in die Säulenhalle eines Palastes wurde die hässliche Kommandozentrale der Militärs installiert. An den Säulen kleben Lautsprecher und Satelliten, unter einer Raum hohen Statue stehen Schreibtische mit Computern, Telefon, Fax. Soldaten in Tarnfarben-Anzügen trampeln durch die Kulturschätze, später gibt es eine wilde Party, bei der der betrunken gemachte Cassio (Michael Kamp) mit sexualisierter Gewalt gedemütigt, zum Opfer seiner Kameraden wird. Bilder, die an die US-Armee im Irak denken lassen.

    In diesem Klima also spielt das Drama um Intrige und Eifersucht, in dessen Verlauf Desdemona (Birgit Unterweger) von Jago verleumdet und von Othello getötet wird. Der Krieg, der mehr aus Warten denn aus Taten besteht, die schwüle Fremde machen die Soldaten zu Tieren. Ein interessanter Ansatz, der aber weder weitergeführt wird noch weiterführt. Jagos Intrige-Motive sind vielschichtiger. Dass "Othello" ein Stück über Liebe und Macht ist, kann Hergenröder nicht weginszenieren. Allerdings liegt ihm am inneren Krieg der Figuren weniger. Die große Liebe zwischen dem von Matthias Scheuring eher väterlich gespielten Othello und seiner jugendlich-kecken Desdemona bleibt Behauptung.

Arabische Folklore

Die Regie gibt diesen Gefühlen kaum Zeit - und findet eine eigene Deutung für den Mord. Bei Hergenröder ist der Mohr Muslim. Da tönt der Gebetsruf, eine Band spielt arabische Folklore, und am Ende wird Desdemona mit einem Stein erschlagen - ein Ehrenmord. Auch die Islamisierung bleibt nur ein Einfall, eröffnet keine neue Sicht.

Die heimliche Hauptrolle hat ein glänzender Manuel Harder als Jago. Groß sein falsches Lachen gegenüber Othello, seine brutale Kälte gegenüber Gattin Emilia. In einer Szene wundert er sich, wie leicht es ist, Menschen zu manipulieren und zu zerstören; von einem hysterischen Lachen kommt er ins Würgen. Es sind Jagos Szenen, die in Erinnerung bleiben.