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Schauspielhaus Bochum

Einsame Menschen kreisen um sich selbst

BOCHUM. Langsam dreht sich die Scheibe in der Mitte der Bochumer Schauspielhaus-Bühne. Unaufhörlich. Auf ihr sind Gerhart Hauptmanns Figuren den Blicken der Zuschauer ausgeliefert. Roger Vontobel schafft es in seiner Inszenierung von „Einsame Menschen“, die Figuren zu Menschen werden zu lassen, die uns nahe sind, mit denen wir fühlen.

Einsame Menschen kreisen um sich selbst

Sie gehören zu Roger Vontobels Theaterfamilie: Paul Herwig als Johannes Vockerat, Jana Schulz als dessen Frau Käthe.

Auch dank des grandiosen Ensembles war die Premiere am Sonntagabend ein intensiver, atemberaubender Abend im Schauspielhaus Bochum. Vontobel hat eine zweite Zuschauertribüne auf die Bühne gebaut. Mitten unter uns spielt also dieses mehr als 120 Jahre alte Drama. Es ist erstaunlich, wie modern es in unserer Gesellschaft ist, in der alles möglich scheint. Johannes Vockerat will alles, will Freiheit, ein intellektuelles Leben und will die Familie nicht aufgeben, auch wenn er sich durch das neugeborene Kind eingeengt fühlt.Versteinert und blass Paul Herwig, nach „Richard III.“ erneut als Gast in Bochum, spielt den Johannes mit latenter Nervosität und Aggressivität. Er kreist nur um sich selbst, will und kann sich nicht entscheiden, ist nicht bereit, den Preis zu zahlen.

Seine Frau Käthe, noch auf der Suche nach der Mutterrolle und unter einer postnatalen Depression leidend, kann ihm kaum etwas entgegensetzen. Jana Schulz, bekannt für ihr kraftvolles, körperbetontes Spiel, zeigt hier eine neue Facette ihres Könnens. In Grau gekleidet, blass, mit versteinertem, leidendem Gesicht, strahlt sie tiefste Einsamkeit aus.Unbändige Energie Gegenpol ist Therese Dörr, die als Studentin Anna Mahr mit gelbem Kleid – der einzige Farbfleck auf der Bühne – in die Familie hineinbricht, mit unbändiger Energie und gewisser Rücksichtslosigkeit. Wem die Sympathien gelten, mag bei jedem Zuschauer anders sein – und ändert sich im Laufe des Abends, der auf die Katastrophe zusteuert. Entziehen kann sich keiner dem Spiel des Ensembles, zu dem auch Katharina Linder und Michael Schütz als Vockerats Eltern und Felix Rech als Jugendfreund Braun zählen. Für die Intensität sorgen auch Matthias Herrmann an Cello und Flügel und Bariton Tomas Möwes, die mit Liedern wie „Liebster Jesu wir sind hier“ für übergeordnete Werte stehen.

Am Ende der 130 Minuten braucht es einen kurzen Moment der Atempause. Dann fällt der Beifall umso länger und heftiger aus.  

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