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Gründungsintendant der Ruhrtriennale

Gerard Mortier stirbt mit 70 Jahren - ein Nachruf

DORTMUND Ohne ihn wäre die Ruhrtriennale nicht, was sie heute ist. Gerard Mortier hatte als Gründungsintendant des Festivals von 2002 bis 2004 den Mut, Opern neu und anders in den Kathedralen der Industriekultur spielen zu lassen. Jetzt ist der belgische Theatermacher mit 70 Jahren gestorben.

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Gerard Mortier 2003 in der Bochumer Jahrhunderthalle.

Der belgische Theaterintendant Gerard Mortier erlag im Alter von 70 Jahren einer Krebskrankheit.

Im Kreise von Freunden und Familie war Mortier in Brüssel in der Nacht von Samstag auf Sonntag seiner schweren Krankheit, dem Bauchspeicheldrüsenkrebs, erlegen. Er war zuvor in Deutschland behandelt worden.Nachfolger würdigt große Leistung

"Gerard Mortier hat es mit den künstlerischen Impulsen, die von seiner Arbeit als Kurator und Intendant ausgingen, wie kaum ein anderer möglich gemacht, die Gattung Oper anders zu denken, als man sie zu kennen glaubt." So würdigte am Sonntag Heiner Goebbels, der derzeitige Leiter der Ruhrtriennale, die Leistung seines Vorgängers. Tatsächlich war Mortier ein Erneuerer des Musiktheaters und einer der wichtigsten internationalen Opernmanager.

2002, drei Jahre nach dem Ende der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, hatte Mortier den Mut und als ehemaliger Leiter der Salzburger Festspiele auch die Kontakte, um die Crème de la Crème des internationalen Theaters in die Relikte der Industriekultur zu locken. So inszenierten Ariane Mnouchkine und Patrice Chéreau in der Bochumer Jahrhunderthalle, Peter Brook im Landschaftspark Duisburg-Nord. Christoph Marthaler zeigte 2002 "Die schöne Müllerin" auf Phoenix-West in Dortmund.Grenzen brachen auf

"Kreationen" nannte Mortier solche Abende, die Musiktheater neu und anders präsentierten oder die Grenzen zwischen den Kunstsparten aufbrachen. In seinen drei Festival-Jahren brachte er 117 000 Besucher dazu, über schlagloch-übersäte Wege in Hallen zu stolpern, die teils noch nicht fertig restauriert waren. Auf Einladung Mortiers gestaltete der Künstler Agustín Ibarrola die Halde Haniel in Bottrop mit farbenfrohen Totempfählen, die bis heute dort zu sehen sind.

Er schätze provokative Inszenierungen, pflegte Mortier zu sagen. Anzusehen war ihm das nicht: Der Theatermacher war stets elegant gekleidet und ein Fan schöner Seidenkrawatten. Aber vor allem war er ein kluger Kopf und streitbarer Theater-Lenker.Von Paris nach Madrid

Nach der Zeit im Revier ging Mortier - übrigens der Sohn eines Bäckers aus Gent - bis 2009 an die Pariser Oper. Anschließend sollte er die New York City Opera leiten. Aus Protest gegen Etatkürzungen wechselte er stattdessen nach Madrid, wo er das Teatro Real übernahm - das kurz darauf ebenfalls Abstriche hinnehmen musste. Obwohl bereits erkrankt, wich er 2013 dem Zwist um seinen Nachfolger nicht aus.

Dem Ruhrgebiet blieb Mortier verbunden. Der Pariser "Tristan" von Regisseur Peter Sellars und Videokünstler Bill Viola kam 2010 ins Konzerthaus Dortmund. In Zusammenarbeit mit dem Konzerthaus Dortmund und der Philharmonie Essen brachte Mortier den Ruhr-Parsifal 2013 hierher. Bis zuletzt war er Schirmherr des Triennale-Programms für Kinder und Jugendliche.

Ausgerechnet zwei Tage nach seinem Tod erscheint am Montag Mortiers Buch "Dramaturgie einer Leidenschaft". Nun ist es sein Vermächtnis. Sein Credo steht im Untertitel: "Das Theater ist eine Religion des Menschlichen".

Gerard Mortier: "Dramaturgie einer Leidenschaft", 24,95 Euro, Verlage Bärenreiter/Metzler.

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Gerard Mortier 2003 in der Bochumer Jahrhunderthalle.

Der belgische Theaterintendant Gerard Mortier erlag im Alter von 70 Jahren einer Krebskrankheit.

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