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Hagen und Dortmund entdecken Paul Abraham neu

Operetten-Premieren

Jahrzehntelang wurden die Operetten von Paul Abraham gar nicht aufgeführt. Am Samstag (29. 11.) feiern in Dortmund und Hagen zwei Operetten des österreichisch-ungarischen Komponisten zeitgleich Premiere: In Dortmund „Roxy und ihr Wunderteam“ als Deutsche Erstaufführung, in Hagen der „Ball im Savoy“. – Sehr kurios, aber für das Publikum eine Einladung, zu vergleichen.

DORTMUND / HAGEN

, 25.11.2014

Um die Renaissance des fast vergessenen Komponisten haben sich zwei Dortmunder verdient gemacht: Matthias Grimminger, Klarinettist bei den Dortmunder Philharmonikern, und Henning Hagedorn, Kompagnon von Grimmingers Musikverlag. Beide betreuen die Produktionen in Dortmund und Hagen, sorgen dafür, dass der Originalklang erhalten bleibt und haben die alten Ausgaben rekonstruiert. Es lohnt sich, beide Operetten anzuschauen. Es sind mitreißende, schwungvolle, witzige und unterhaltsame Werke. In Hagen inszeniert Roland Hüve, in Dortmund führt Thomas Enzinger Regie, der schon den „Graf von Luxemburg“ flott in Szene gesetzt hat. Wir haben beide Operetten verglichen.

Der „Ball in Savoy“ wurde 1932 in Berlin uraufgeführt. Er spielt in Nizza. „Roxy und ihr Wunderteam“ 1937 im Theater an der Wien und spielt in Ungarn.

Die Bewohnerinnen eines Mädchenpensionats treffen auf die Fußballspieler der ungarischen National-Mannschaft im Trainingslager am Plattensee. – Und schmeißen sich natürlich ran. Das ist die Kurzform von „Roxy“, einer Verwechselungskomödie, die 3:1 für die Liebe endet. Beim „Ball in Savoy“ flirten ein Adeliger und seine frisch angetraute Frau mit anderen Partnern. Es kommt zu amourösen Szenen, aber natürlich kann die Scheidung in letzter Minute verhindert werden.

Die fünf Jahre, die zwischen beiden Werken liegen, hört man. In „Roxy“ ist Abrahams Kompositionsstil ausgereifter. Der „Ball in Savoy“ klingt klassischer, Jazz und die Musiksprache von Johann Strauß und Franz Lehár verbinden sich mit Schlagern zu einer Nummernfolge. Dazwischen gibt es kunstvolle, fast sinfonische Anklänge. Man hört auch orientalische Klänge, dafür sorgt schon Mustafa Bei, ein Türke. Für klassische Opernsänger ist diese Operette dankbarer. „Roxy“ klingt nach Swing und Bigband der 1930er-Jahre. Die Operette hat eine lose Nummernfolge, dazwischen gibt es Intermezzi aus Schlagern. Ouvertüre und Finale haben Grimminger und Hagedorn aus der Verfilmung „3:1 für die Liebe“ aus dem Jahr 1938 dazu rekonstruiert. Fast jede Nummer ist ein Ohrwurm. Und alle kennt man aus dem Film. Besonders unterhaltsam ist die „Lachnummer“, die Hannes Brock singt.

Bei „Roxy“ ist die Bläser- und Schlagwerkguppe fast so groß wie die Streichergruppe (22 Musiker). Drei Saxophone, Sousaphon, Klavier und Jazz-Schlagwerk sorgen fast für einen Bigband-Klang. Der „Ball in Savoy“ ist klassischer besetzt. Es gibt keine Saxophone, nur Klarinetten, aber auch ein Sousaphon, das im Wechsel mit der Tuba spielt, mindestens zwei Klaviere und reichlich Schlagwerk. In beiden Operetten spielt eine Hawaiigitarre.

In „Roxy“ wird in zehn bis zwölf Nummern gesteppt, was die Sohlen hergeben. Und auch einen feurigen Csárdás gibt es. Im „Ball in Savoy“ werden – wie der Titel verspricht – mehr Walzer getanzt. Das aber auch sehr schwungvoll.

Im „Ball in Savoy“ sind die natürlich glamourös. 120 Kostüme gibt es in der Hagener Inszenierung, und sie erinnern an die Entstehungszeit des Stücks, die 1930er-Jahre. Und nicht nur in „Roxy“, in der auch Fußball eine Rolle spielt, geht es sportlich zu. Die Hagener Requisite hat sechs Paar Boxhandschuhe angeschafft. Auch „Roxy“ in Dortmund entführt mit den Kostümen in die Uraufführungszeit. Ausstaffiert sind die Sänger mit Mode der 30er-Jahre, aber auch mit pfiffiger Fußball- und Gymnastik-Kleidung der Zeit und fein gearbeiteter Reisekleidung. Bei der Csardas-Party wird man reich bestickte Dirndl sehen. Und elf Fußbälle und ein Surfbrett musste die Requisite besorgen.

In Hagen sind der Salon der Villa des Ehepaars Faublas und der Ballsaal im Hotel Savoy die Grundräume, darin entstehen Séparées und andere Räume. „Roxy“ erinnert auch mit schnellen Verwandlungen auf der Drehbühne an Musicals.

In „Roxy“ ist die Titelrolle mit der wunderbaren Emily Newton besetzt, die in Dortmund schon die „Anna Nicole“ gesungen hat. Tenor Lucian Krasznec ist Gjurka, ein Fußball-Kapitän, und Hannes Brock ein Fabrikant. Es singt der ganze Opernchor, und ein Tanzensemble aus zehn Tänzerinnen und Tänzern kommt hinzu. Zu den acht Solistenrollen gehört auch der steppende Torwart Hatschek. Im „Ball im Savoy“ tummeln sich sieben Solisten. Das Hagener Ballett ist mit zehn Tänzern und Tänzerinnen beteiligt. Opernchor und Extrachor stoßen auch mit an. xxxx

Apropos Anstoßen: Wie viel Champagner muss die Requisite kaltstellen? In Hagen sind das genau fünf Flaschen und 38 Gläser. Und in Dortmund? Champagner: Nix da, wir sind doch am Plattensee – da gibt’s edlen Tokajer! Und Cocktails in rauen Mengen, denn eine spektakuläre Steppnummer lautet „Lass uns einen Cocktail mixen“, und das wird auch tänzerisch umgesetzt.

Auf jeden Fall hingehen! Beswingt wird man in beiden Operetten. Julia Gaß

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