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Heiner Goebbels wird neuer Chef der Ruhrtriennale

Intendanz ab 2012

GELSENKIRCHEN Das ist eine Überraschung: Der Frankfurter Komponist Heiner Goebbels übernimmt 2012 als Nachfolger von Willy Decker die Leitung der Ruhrtriennale.

von Von Bernd Aulich und Bettina Jäger

, 24.09.2010

Der 16-köpfige Aufsichtsrat des Revier-Festivals hatte den 58-Jährigen gewählt. Anschließend stellt Kulturministerin Ute Schäfer den neuen Intendanten in einer Pressekonferenz in der Bochumer Jahrhunderthalle vor.Querdenker Das Vorschlagsrecht für den Posten hat die Landesregierung. Das Verfahren verzögerte sich, weil der ehemalige CDU-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff der neuen rot-grünen Regierung nicht hatte vorgreifen wollen. Mit der Ernennung des international hervorgetretenen Frankfurter Querdenkers Heiner Goebbels setzt die neue Kulturministerin eine erste "Duftmarke". Goebbels arbeitet spartenübergreifend. Und damit ist er als fünfter Triennale-Intendant nach Gérard Mortier, Jürgen Flimm, der noch vor ihrem Antritt verstorbenen Marie Zimmermann und Willy Decker prädestiniert für die Gattungsgrenzen überschreitende unkonventionelle Bespielung der Relikte der Industriekultur, die zum Markenzeichen der Ruhrtriennale wurde.Hörstücke zu Heiner Müller Goebbels künstlerische Karriere begann in den Siebzigern in Frankfurt mit der Gründung des "Linksradikalen Blasorchesters". In den Achtzigern machte er sich durch Hörstücke zu Texten von Heiner Müller und szenische Konzerte einen Namen. In den Neunzigern komponierte und inszenierte er eigene Musiktheater-Produktionen, mit denen er zu internationalen Festivals eingeladen wurde. Seine Nähe zur bildenden Kunst trug ihm 1997 eine Einladung zur documenta X ein.  Zur Wiedereröffnung des renovierten Pariser Centre Pompidou entwickelte er eine Soundinstallation.Professur in Gießen Er komponierte im Auftrag namhafter Klangkörper wie des Ensembles Modern, des Ensembles Intercontemporain und der Jungen Deutschen Philharmonie. Zu den Dirigenten, die Uraufführungen von ihm herausbrachten, zählt der Bochumer Chefdirigent und Ruhr.2010-Direktor Steven Sloane.  Goebbels ist Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Seit sieben Jahren leitet er das Institut für Angewandte Theaterwissenschaften an der Universität Gießen, an dem er bereits seit 1999 eine Professur hat.Keiner vom Intendanten-Karrussel „Heiner Goebbels ist nicht auf dem ewig sich drehenden Intendanten-Karussell unterwegs“, betonte Ute Schäfer. Und das stimmt. Den neuen Chef der Ruhrtriennale hatten wohl die wenigsten auf der Liste: Einen Künstler, den die Presse „Gesamtkunstwerker“ oder „Star des Avantgarde-Theaters“ nennt, mit leichtem hessischen Zungenschlag (er lebt in Frankfurt/Main) und einem dichten weißen Haarschopf. Aber vor allem ein beeindruckend beredter Intellektueller.Angebot in den Ferien Das Angebot, die Triennale von 2012 bis 2014 zu leiten, habe er in den Ferien erhalten. „Als ich auf den Spuren Fontanes um die Brandenburger Seen fuhr“, lächelte Goebbels. Die Arbeit reize ihn sehr: „Man kann bei der Triennale wie in einem Labor arbeiten, ist nicht an ein Repertoire gebunden.“ Die Industrieräume, die er schon aus seiner Arbeit für Claus Peymann am Bochumer Schauspielhaus kennt, müsse man „als Kraftwerk, als Partner ernst nehmen.“Theater als Erfahrungsraum Theater sieht er als Erfahrungs-, nicht als Mitteilungsraum. Wobei die Erfahrung auch sein kann, fünf Klaviere auf einer leeren Bühne zu erleben und einen Stein vorbei schweben zu sehen. Der bis 2011 amtierende Intendant Willy Decker zeigte sich jedenfalls erleichtert, das Festival in „so kraftvolle und künstlerisch bedeutende Hände geben zu können“.