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Herr der Wimmelbilder: Ali Mitgutsch wird 75

Geburtstag

MÜNCHEN Der Lautsprecher des Telefons scheppert kurz. Dann ist die Stimme von Ali Mitgutsch klar zu hören. Ruhig und tief ist diese Stimme. Mit leicht bayrischem Dialekt.

von Von Hilke Hagemeister

, 20.08.2010
Herr der Wimmelbilder: Ali Mitgutsch wird 75

Ali Mitgutsch malt kleine Wesen für große Bücher.

Der Kinderbuch-Autor sitzt am Telefonhörer in seiner Münchener Wohnung. In jener Wohnung, wo sich auch sein Atelier befindet. In jener Wohnung, wo er seine Wimmelbilder malt - jedenfalls sehr viele von ihnen. Ali Mitgutsch, der eigentlich Alfons mit Vornamen heißt, wird 75 Jahre. Am anderen Ende der Telefonleitung raschelt es, als schüttele der Künstler ungläubig den Kopf über diese Zahl. Er räuspert sich.Hinter Fassaden geschaut Die Jahre sind vergangen. Ali Mitgutsch hat sie genutzt, um genau hinzuschauen. Hinter Alltags-Kulissen. Hinter die Fassaden seiner Mitmenschen. "In der Bahn, zum Beispiel, funktioniert das ganz besonders gut." Der Maler spricht mit einem Schmunzeln in der Stimme. "Dort sind viele Leute unglaublich bemüht, den anderen vorzuspielen, was sie gern sein wollen." Auf seinen Bildern deckt Ali Mitgutsch Schwächen auf, kleine und große Schwächen von kleinen und großen Leuten. "Ich möchte Kindern zeigen, wie schön die Welt ist. Die Wimmelbilder sind verdichtete Welt." Er hält kurz inne. Dann sagt er ein wenig schneller: "Ich möchte, dass die Kinder im Kopf meine Bilder weitermalen. Dass sie die Geschichten für sich weiterspielen." Wenn die Fantasie erst einmal arbeite, habe er gewonnen. Woran der Maler sieht, dass ein Bild gut geworden ist? "Das habe ich im Gefühl!" Er frage sich selbst, ob ihn eine Zeichnung als Kind berührt hätte. Er spüre das innerlich. "Vermutlich, weil mir die Erinnerungen aus der eigenen Kindheit noch immer sehr präsent sind." Schwierige Kindheit Leider war es eine schwierige Kindheit. "Im Krieg wurde ich so oft evakuiert, dass ich keine richtigen Freundschaften knüpfen konnte. Irgendwann dachte ich mir Fantasie-Freunde aus, die mich beschützten." Diese Freunde, nein, sie kommen nicht in seinen berühmten Wimmelbildern vor, so sei das nun auch wieder nicht. Es liege ihm ja nicht daran, Charaktere auftreten zu lassen, sagt Ali Mitgutsch. Es komme ihm darauf an, zwischenmenschliche Geschichten einzufangen. Kleine Episoden. Dem Ersten fällt sein Eis auf den Boden. Der Zweite grinst spitzbübisch beim Erklimmen einer Räuberleiter. Der Dritte macht sich bereit zum Kopfsprung vom Dreimeterbrett, mit wild entschlossener Miene.Das Buch als FreundAli Mitgutsch lacht gutmütig. "Also ... mir fällt gerade etwas ein", sagt er dann und erzählt eine kurze Geschichte über Bücher und über Freunde: "Eine Bekannte hat eine kleine Tochter. Als ich die Familie einmal besuchte, traf ich das Kind schon im Flur an - mit einem meiner Bücher in der Hand. Das kleine Mädchen zog das große Buch durch die ganze Wohnung mit sich. Irgendwann fragte ich, wie man Kinder so fragt: Ja, was hast du denn da? Da hielt das Kind sein Buch noch fester und sagte: Das ist mein Freund."

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