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Historienspiel fehlt Aktualisierung

CASTROP-RAUXEL Das Bühnenbild ist ein Halbrund mit Durchlässen, vor denen Gazeschleier hängen. Nach und nach fallen die Schleier, Metapher für den Fortschritt von Wissen und Erkenntnis.

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 02.12.2007
Historienspiel fehlt Aktualisierung

Szene aus der Inszenierung mit (v.l.) Stefan Rehberg (Galileo Galilei), Markus Kloster (Cosmo), Berthold Schirm (Hofmarschall), Gerhard Roiß (Philosoph).

Bertolt Brechts "Das Leben des Galileo Galilei", am Samstag am Westfälischen Landestheater gespielt, handelt von einem, dessen Wissenshunger die Welt auf den Kopf stellte. Galilei (1564-1642) lieferte den Beweis, dass die Erde um die Sonne kreist und nicht das Zentralgestirn der Galaxis ist.

Politikum

Das war nicht Physik, das war ein Politikum: Wenn der Planet nicht Herzstück der Schöpfung ist, wo bleibt dann Gottes Plan? Ein abwesender Gott brauchte keinen irdischen Stellvertreter im Vatikan. Galileis Thesen waren Sprengstoff, bedrohten "gottgewollte" Ordnung und die Macht der Kirche.

Brechts Parabel

 Brechts Parabel über den Streit zwischen Ratio und Glaube entstand 1938. So zeitlos Fragen nach der Rolle der Wissenschaft und der Entzauberung des Spirituellen sind - der Stoff könnte Aktualisierungen gut vertragen. Ralf Ebeling (Regie), Jeremias Vondrlik (Ausstattung) und Eva-Maria Runge (Kostüm) bleiben im historischen Kontext. Und verschenken die Möglichkeit, das Thema       entschlossen ins Hier und Heute zu hieven. Garderobe des 16. Jahrhunderts, Dogmenbeter in Kardinalsrot, Pest und Inquisition: Mehr Historienspiel als ein Statement über unsere schöne neue Welt. Oder die Abrechnung eines Marxisten mit dem Vatikan. Auch in dieser Lesart liegt bequeme zeitliche Distanz. So vom Blatt gespielt, hat der "Galileo" als Menetekel für die Gegenwart ausgedient.

Dominante Zentralfigur

Man hält sich also an die Schauspieler. Stefan Rehberg ist ein überragender Galileo, die dominante Zentralfigur. Sehr präsent, bestimmt und selbstbewusst in seinem Auftreten. Immer glaubhaft als brillanter Kopf. Nur er trägt Klamotten, die ihn als Mann der Moderne charakterisieren. Wandlungsfähig, Gerhard Roiß: Salbadernder Pope oder abgestrafter Schüler. Und Berthold Schirm gibt der Inquisition ein lauernd gefährliches Gesicht. Der Applaus galt vor allem den Darstellern.