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Interview mit Projektleiter

Historiker bringen kritische Ausgabe von "Mein Kampf" heraus

DORTMUND Wissenschaftlich kommentiert - so erscheint heute eine Ausgabe von Adolf Hitlers "Mein Kampf". Verantwortlich für die aufgearbeitete Ausgabe ist Christian Hartmann vom Münchener Institut für Zeitgeschichte. Im Interview spricht er über Aufwand, Ideen und Kritik.

Historiker bringen kritische Ausgabe von "Mein Kampf" heraus

Christian Hartmann, Projektleiter der wissenschaftlichen Edition von Adolf Hitlers Schrift Mein Kampf

70 Jahre lang war eine Veröffentlichung von „Mein Kampf“ in Deutschland ausnahmslos verboten. Seit diesem Jahr sind die Urheberrechte des Landes Bayern erloschen, heute erscheint erstmals eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe des Buches. Christian Hartmann vom Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ), das sich seit 1949 um die historische Aufarbeitung des Dritten Reiches kümmert, leitet das Projekt.

Können Sie sich vorstellen, dass die Menschen ab sofort im Zug sitzen mit einem Buch, auf dem vorne groß „Mein Kampf“ steht? Das glaube ich nicht. Das Original war mit 800 Seiten schon sehr dick, unsere Edition wird mit 2000 Seiten und etwa 6,5 Kilogramm noch dicker. Es gibt zwar ein öffentliches Interesse, aber schon zur Nazi-Zeit wurden Fotos gestellt, auf denen Menschen das Buch angeblich lesen.

Warum sollte man die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ auch als Nicht-Wissenschaftler unbedingt lesen? Ich denke, es ist hilfreich, um die Nazi-Zeit zu verstehen. Wir wollen mit dem Projekt keinen Bestseller erschaffen. Es geht darum, Hitler und seiner Politik auf den Grund zu gehen, und darum, nachvollziehen zu können, wie er gedacht hat, was seine Motive waren.

Mit welchem konkreten Ziel haben Sie Ihr Projekt begonnen? Wir haben ein doppeltes Ziel. Zunächst wollen wir eine wissenschaftliche Edition als Beitrag zur politisch-historischen Bildung erarbeiten. Zudem wollen wir ein Symbol zerstören, dem Buch wird eine zu große Bedeutung beigemessen. Wie schon mit unserer Dokumentation Obersalzberg, die schon mehr als zwei Millionen Menschen besucht haben, soll ein Mythos beseitigt werden.

Es gibt Stimmen, die behaupten, mit einer Veröffentlichung würde man vor allem Antisemiten und Rechtsextremisten einen Zugang zur Hetzschrift ermöglichen. Haben die Kritiker Recht? Das Buch selbst ist ja längst da. Es gibt Verlage im Ausland, die es veröffentlichen. Exemplare gibt es auch in einigen Antiquariaten. Mit wenigen Mausklicks findet man den kompletten Text im Internet. Jeder, der möchte, kommt auch jetzt schon an das Buch.

Wie oft mussten Sie aus Abscheu vor dem Original während Ihrer Arbeit eine Pause einlegen? Ein Vergnügen ist es nicht. Das hat nicht nur inhaltliche, sondern auch stilistische Gründe. Ich hätte aber meinen Beruf verfehlt, wenn ich mich zu sehr davon beeindrucken ließe.

Wie viel Arbeit steckt hinter der Aufgabe, eine These von Hitler wissenschaftlich zu widerlegen? Ziemlich viel. Wir haben mehr als 3700 Anmerkungen, bis zu sechs Historiker waren gleichzeitig damit beschäftigt. Wenn es schlecht lief, dauerte die Bearbeitung einer Fußnote schon mal eine Woche. Es geht dabei sehr oft um sehr komplexe Sachverhalte, die Anmerkungen sind maßgeschneidert, um ganz konkret Stellung zu beziehen. Außerdem haben wir auch interdisziplinär gearbeitet und zum Beispiel mit Biologen, Japanologen, Judaisten oder Germanisten gesprochen.

Das Cover des Buches ist in Grau gehalten. Wie soll es wirken? So nüchtern wie möglich. Es soll eine Gegendarstellung zu den Veröffentlichungen aus der Zeit des Dritten Reiches werden, als das Buch ja aufgewertet wurde wie eine Bibel. Auf dem Cover unserer Edition werden zwei Rechtecke zu sehen sein – als Symbol für das Buch im Buch.

Wann haben Sie „Mein Kampf“ zum ersten Mal gelesen? Das war während meines Studiums. Seitdem ich das Buch aber zum ersten Mal gelesen habe, habe ich viel Wissen dazugewonnen. Jetzt gehe ich mit dem Blick eines Historikers da ran.

Einfacher Nachdruck kann Klage einbringen





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