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Interview mit Inge Meyer-Dietrich

"Ich könnte nicht leben, ohne zu schreiben"

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Gut sieben Jahrzehnte später schrieb die Autorin Inge Meyer-Dietrich das Kinderbuch „Plascha“, eine Geschichte, die während des Krieges im Ruhrgebiet spielt – heute ein Klassiker. Im Interview erzählt die 69-Jährige von diesem Buch, ihrer eigenen Kindheit und ihrer Liebe zum Schreiben.

"Ich könnte nicht leben, ohne zu schreiben"

Inge Meyer-Dietrich liebt es, Geschichten zu erzählen. Sie kann überall schreiben, erzählt sie. Manchmal arbeitet sie zwölf Stunden am Tag.

Ihr Buch „Plascha“ aus dem Jahr 1988 spielt während des Ersten Weltkriegs – wie kamen Sie auf das Thema?

Ich wollte mich damit beschäftigen, weil ich selbst ganz wenig über diese Zeit wusste. Zwei Jahre lang habe ich dann zu dem Thema recherchiert und in der Zeit viele Interviews geführt, mit Menschen aus dem gesamten Ruhrgebiet, auch aus Dortmund. Die Familie Krawczyk und andere Figuren in meinem Buch hat es wirklich gegeben.

Was haben Sie in den Gesprächen gelernt?

Dass es während des Krieges eine große Solidarität zwischen den Menschen in den Zechenkolonien gab, gleichzeitig aber auch Fremdenfeindlichkeit herrschte. Und dass die Emanzipation der Frauen nicht erst eine Sache der 1970er-Jahre war. In den Interviews habe ich gemerkt, dass viele Frauen wütend darüber waren, nach dem Krieg wieder an den Kochtopf gedrängt zu werden.

„Plascha“ erzählt die Geschichte eines polnischen Mädchens, das während des Krieges im Ruhrgebiet groß wird. In Ihrem Buch lassen Sie auch die Themen Sterben, Krankheit und Fremdenfeindlichkeit nicht aus. Ist das nicht zu hart für Kinder?

Es gab einige Leute, die „Plascha“ zu hart fanden. Das Buch wird ja auch viel von Erwachsenen gelesen. Ich glaube aber, dass man Kinder nicht unterschätzen darf. Man darf sie nur nicht mit ihren Fragen alleine lassen, sondern sollte mit ihnen darüber reden. 

Inwiefern spielt Ihre eigene Biografie eine Rolle beim Schreiben?

Meine eigene Kindheit war stark vom Tod geprägt, unter anderem ist meine Mutter gestorben, als ich acht Jahre alt war. Ich hatte das Gefühl, dass ich aufpassen muss, wen ich lieb habe. Das schlägt sich natürlich auch in dem nieder, was man schreibt.

Sie haben eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht und später Soziologie, Germanistik und Kulturwissenschaften studiert. Wie kamen Sie dazu, Bücher zu schreiben?

Geschrieben habe ich schon als Kind, kleine Geschichten, aber vor allem Gedichte. Nachdem ich mit meinem Mann und unseren drei Kindern wieder ins Ruhrgebiet gezogen war, kam ich zur Literaturwerkstatt in Essen. 1984 habe ich den Wettbewerb Kinderliteratur in NRW gewonnen und dort meinen ersten Verleger kennengelernt. So ging es dann sukzessive weiter.

Viele Ihrer Bücher spielen im Ruhrgebiet. Was fasziniert Sie so an dieser Region?

Ich bin in Bochum aufgewachsen. Bis ich 16 war, habe ich dort gelebt. Zurück im Ruhrgebiet, wusste ich sofort: Hier möchte ich nie, nie, nie wieder weg! Eine solche Offenheit der Menschen ist mir nur im Ruhrgebiet begegnet. Man fährt Bus und kommt ins Gespräch, die Nachbarn sind untereinander sehr hilfsbereit. Und mich fasziniert die enorme kulturelle Vielfalt.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Der beginnt bei mir meistens sehr früh, oft sitze ich schon um sechs Uhr am Schreibtisch. Dann arbeite ich bis mittags und danach weiter, manchmal zehn, zwölf Stunden am Tag. Die Zeit am Computer verfliegt immer schnell. Wenn ich noch einen Termin habe, muss ich mir den Wecker stellen. Die besten Ideen kommen mir aber unter der Dusche.

Was bedeutet das Schreiben für Sie?

Ich könnte nicht leben, ohne zu schreiben. Als Kind habe ich mir, glaube ich, mein Leben schön geschrieben. Das Schreiben war ein bisschen Flucht, aber gleichzeitig ein „Klar-Werden“ über Dinge. Es hat mir auch über Heimweh hinweggeholfen. Schon damals wäre ich gern Schriftstellerin geworden, aber ich hab mich nicht getraut. Ich hatte große Ehrfurcht vor dem Beruf. Hätte ich später nicht den Wettbewerb gewonnen, ich weiß nicht, ob ich Schriftstellerin geworden wäre.

Sie halten Lesungen in Schulen und beteiligen sich an Schreibprojekten für Kinder und Jugendliche – was möchten Sie ihnen vermitteln?

Ich möchte keine Regieanweisungen fürs Leben geben. Wenn ich überhaupt etwas vermitteln möchte, dann ist es Toleranz. Und dass Schreiben auch ein Ventil sein kann. Gerade für Jugendliche, die nicht wissen, wohin mit ihren Gefühlen.

Haben Sie einen Tipp für angehende Schriftsteller?

Dinge weglassen. Das habe ich selbst mit Mühe gelernt. Das Wichtigste aber ist, genau zu beobachten. Und leidenschaftlich gern zu erzählen.  

Musikalische Lesung






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