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Theater Dortmund

In „Schöpfung“ fleht die Maschine um Liebe

Dortmund Claudia Bauer paart am Schauspielhaus ein Oratorium von Haydn mit Reflexionen über Künstliche Intelligenz: Steuert nicht Gott, sondern längst der Mensch die „Schöpfung“?

In „Schöpfung“ fleht die Maschine um Liebe

Per Großprojektion trauert eine Cyborg-Eva (Bettina Lieder), davor tänzeln die Menschmaschinen.  Foto: Hupfeld

Für Joseph Haydn und Zeitgenossen war klar, dass der Mensch Krone der Schöpfung ist, und Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. In seinem Oratorium „Die Schöpfung“ von 1798 erzählt Haydn die Genesis bis hin zu Adam und Eva, die noch gewarnt werden, sie würden glücklich sein, solange sie nicht mehr wissen wollen, als sie sollten.

Das Oratorium ist die Basis der Inszenierung von Claudia Bauer am Dortmunder Schauspiel, „Schöpfung“ betitelt, als sei der Schöpfungsprozess eben nicht singulär. Bei Haydn sind der Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies schon angelegt, vom Sündenfall der Robotik konnte er nichts wissen.

Szenario ohne Gott

Darwin nahm den lieben Gott als Steuermann aus dem Spiel und ein neuer Schöpfer trat auf den Plan, der Mensch. Nach seinem Bild baut er den sprechenden Cyborg, die intelligente Maschine, die womöglich darauf pochen wird, sie habe eine Seele. Das ist das Szenario des Stückes und die Echokammer seiner philosophischen Gedanken.

Sechs Darsteller verkörpern Menschen, Maschinen und deren Hybride, also auch „transhumane“ Mischwesen mit technisch aufgerüsteter Biologie. Robots werden menschlicher, Menschen mit Implantat Roboter-ähnlich.

Eine Cyborg-Eva

Noch ist es Science Fiction (aus Filmen wie „A.I.“ und „Ex Machina“), wenn die Maschine ihren geistigen Vater um Anerkennung ihrer Individualität bittet – so wie Bettina Lieders Cyborg-Eva ihren Adam (Frank Genser) um Liebe anbettelt. Der beharrt darauf, sie sei nur ein Programm „zerebraler Prozesse“, nicht zu Gefühlen fähig. Arme Eva.

Wohin entwickelt sich der Homo sapiens, wohin der Robo sapiens? Claudia Bauer beackert ein Feld, wo Spekulationen ins Kraut schießen und Mutmaßungen die Fakten überwiegen.

Ästhetik wie bei Voges‘ Arbeiten

Mit gesicherten Erkenntnissen kann „Schöpfung“ kaum aufwarten. Eher schon mit Fingerzeigen und Denkanstößen, die optisch ansprechend verpackt sind, als verbale Sturzflut (in Mickymaus-Stimme) das Publikum aber bisweilen überfordern.

Ästhetisch ist „Schöpfung“ nicht weit entfernt von den Arbeiten Kay Voges‘, „Das Goldene Zeitalter“ lugt aus mancher Maskerade, aus monologischen Schleifen, aus den Kostümen, Perücken, Masken von Patricia Talacko, aus Bildern einer Live-Kamera, die von der integrierten Drehbühne Bilder schickt.

Die Bühne (Andreas Auerbach) ist ein Schmuckstück, im mittig kreisenden Dreh-Element paradieren die Innenräume vorbei, das goldene Zimmer, eine Art Tanzsaal, eine Dusche. Bei ständigem Rotieren ist auch fürs Auge jederzeit „Musik“ drin.

Exzellentes Sänger-Trio

Haydns Musik ist durch exzellente Sänger von der Oper präsent. Maria Helgath (Sopran), Ulrich Cordes (Tenor) und Robin Grunwald (Bass) singen Rezitative und Arien, begleitet von Petra Riesenweber am Piano und T.D. von Finckenstein (Elektronica?).

Die Textverständlichkeit ist gut, spartanische Arrangements geben dem Gesang viel Raum. Alles in allem: geistig fordernd, aber kurzweilig und anregend. Viel Applaus.

Termine: 13./29.4., 20.5., 2./22.6., 4./12.7.; Karten: Tel. (0231) 50 27 222. www.theaterdo.de

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