Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Jelineks Requiem für die NSU-Opfer

Schauspiel Dortmund

Zschäpe, NSU, zehn Morde. Und der deutsche Michel, der in Gestalt von Staatsschützern eine Schlafmützigkeit an den Tag legt, die unbegreiflich ist. Elfriede Jelinek hat ihrer Wut Luft gemacht, mit dem Wortgewitter "Das schweigende Mädchen".

DORTMUND

, 13.12.2015
Jelineks Requiem für die NSU-Opfer

Merle Wasmuth im Jelinek-Stück „Das schweigende Mädchen.“

Typisch Jelinek. Eine assoziative Textlawine, die einen Themenkomplex umspült, in Winkel und Brüche einsickert und das "Gebäude" durchdringen will. Im Dortmund-Hörder Megastore hat Michael Simon "Das schweigende Mädchen" in gekürzter Form inszeniert, dort stieg am Freitag die erste Premiere am neuen Standort des Dortmunder Schauspiels.

Begehbarer Parcours

Die Halle ist riesig, Simon macht einen begehbaren Parcours aus ihr. Im Schein von Taschenlampen sprechen Engel von Podest und Containern: "Ich bin der Engel des Todes, ich soll die Toten wegschaffen. Wir haben die Leute nicht gekannt, nichts erkannt. Ich will Tote sprechen lassen, es geht, wenn ein Gericht das beantragt."

Von einer Jungfrau, die mit zwei Männern vertraut sei, ist die Rede. Von Kugeln aus einer Ceska-Pistole. "Licht, Licht!", rufen die Engel.

Bei Saalbeleuchtung sieht man, dass auf einer Wand die Tatorte stehen, dort die Namen der NSU-Opfer, drüben das Grundgesetz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Uwe Schmieder als Richter

"Würde" prangt auf einem gewaltigen Raumteiler, hinter dem wir auf der Tribüne den Prozess beobachten. Uwe Schmieder gibt den Richter in einem satirisch grellen Maskenspiel. Die Quelle (V-Mann) bleibt trüb, alles sauber, keine Verbindungen.

Jelinek montiert Justizprotokolle, Nachrichten, Biblisches. Zschäpe als "Jungfrau, die zwei Schöpfer des Todes schöpft"? Ein krauses Privat-Evangelium, mit dem Jelinek das NSU-Trio provokant überhöht, warum, versteht man nicht.

So empörend die Fakten sind, die Jelinek 2013 recherchierte: Man kennt sie bereits. Als Requiem für die Opfer hat das Stück Gewicht. Als Spiegel deutschen Dünkels und deutscher Dummheit rennt es eher offene Türen ein.

Michael Simon greift zu den Mitteln der Groteske, manchmal über-plakativ. Aus der Weite der Halle macht er allerdings das Beste. Der Beifall galt vermutlich Regisseur, Darstellern und dem Sprechchor (als Stimme der Toten), nicht so sehr dem Stück.

Termine: 17. 12., 16. 1.; Karten: Tel. (0231) 5 02 72 22.