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Kreative leben Kultur in der "Pension zur Kunst"

2-3 Straßen

DORTMUND Das Projekt "2-3 Straßen" von Konzeptkünstler Jochen Gerz ist zur "Pension zur Kunst" geworden. Acht Monate leben 31 Kreative in Dortmund nun schon in 24 Wohnungen zwischen 210 Wohnungen der Altmieter. In Duisburg und Mülheim gibt es das auch. Das Ruhr.2010-Projekt hat schon Spuren hinterlassen. Eine Zwischenbilanz.

von Von Julia Gaß

, 31.08.2010

Der Borsigplatz in Dortmund. Die Wiege des BVB, der Ort, wo das Ruhrgebiet besonders international und urwüchsig ist. Hier geht man lieber in die Eckkneipe als ins Museum. In den Hausfluren hängen jetzt Holztafeln, 20 mal 20 Zentimeter groß, in jeweils einer Farbe bemalt von Künstlerin Anna Wiesinger. Die Österreicherin ist in die Wohnungen der Altmieter gegangen, hat sie nach ihrer Lieblingsfarbe gefragt und die Tafeln damit bemalt. Gelb hängt neben rot, blau neben türkis. Manchmal bemerkt man Harmonie einer Hausgemeinschaft schon beim Hineingehen. Wichtiger war, dass Anna Wiesinger, einer der kreativen Neumieter, überall angeschellt hat, mit den Menschen ins Gespräch gekommen ist. Das ist ihr Auftrag als Kulturhauptstadt-Pensionsgast.Tagebuch im Museum Ebenso wie Tagebuch schreiben, aus dem Jochen Gerz dann ein Buch macht. Auch Altmieter schreiben inzwischen mit. Die ersten Ergebnisse sind im Folkwang-Museum zu sehen. Und Gerz schaut jede zweite Woche vorbei, hat Kontakt mit allen Mietern, diskutiert mit ihnen, gibt Tipps. Die Evonik-Wohnungen haben vorher leer gestanden, jetzt leben hier Menschen, die sich für kreativ halten. Auch ein Rechtsanwalt und eine Köchin sind darunter. Sonntags ab 17 Uhr regiert die "Hofkultur". Jeder darf vorbei kommen, mitfeiern, -reden, anregen. Kinder malen, manche spielen Boule, zu essen gibt es immer was. Ein Beerenbeet haben die Neumieter im Hof angelegt; die Kinder der Nordstadt pflegen das. Die Neumieter leben die Kulturhauptstadt. Das interessiert nun auch die Wissenschaftler, die aus Hamburg, Lüneburg und Duisburg gekommen sind. Soziologen, Germanisten, Urbanisten, Kreativwirtschaftler, die 2-3 Straßen als soziologisches Experiment spannend finden.Talentbuch Am Anfang wurden Haustürschwellen zögerlich überschritten. Inzwischen gibt es auch ein Talentbuch. Es ist aufgebaut wie ein Branchenbuch, und jeder darf sich eintragen. Die, die gerne Kuchen backen, und die, die einen Videorekorder anschließen können. Es gibt auch eine von allen bestückte fremdsprachliche Bibliothek. Am 20. September soll sogar eine Theatergruppe vorbeikommen und will ein Stück im Wohnzimmer eines Mieters spielen. Auch das ist neu für die Bewohner am Borsigplatz. Die Mauer hinten im Hof wollen die Kreativen gerne noch gestalten. Dafür fehlt noch das Geld. Bunt ist die acht Meter lange und zwei Meter hohe Steinabgrenzung mit verschlossenem Tor, weil Kinder sie bemalt haben. Der Hinterhof ist eine Idylle, sauber, ordentlich, gesäumt von 2 bis 3 Straßen. Ein Ort, wo die Alltagskultur zu Hause ist und die Kunst zur Pension wohnt.

  • Am Sonntag (5.9.) ab 17 Uhr gibt es wieder die „Hofkultur“ im Hinterhof (Eingang Osterholz 42-50, Dortmund), diesmal mit Köchin Betty Goldbrunner. Dazu sind Interessierte jede Woche willkommen.
  • Die nächste Besucherschule beginnt Montag (6.9.) um 18 Uhr am Borsigplatz 9. Die Teilnehmer können alte und neue Mieter treffen.
  • Das Buch von Konzeptkünstler Volker Gerz mit den Texten der Mieter erscheint 2011 bei Dumont und kostet 78 €, der „Making of“-Film kostet 25 €. Infos: Tel. 52 31 32 63.