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Künstlersiedlung Halfmannshof droht 2011 das Aus

Kein kulturpolitisches Konzept

GELSENKIRCHEN. Träge ruht im Schatten alter Bäume das pittoreske Rondell aus Künstlerhäusern und Ateliergebäude. Doch die Idylle trügt. Der ältesten deutschen Künstlersiedlung, dem Halfmannshof in Gelsenkirchen, droht das Ende.

von Von Bernd Aulich

, 08.08.2010

Ohne zukunftsorientiertes kulturpolitisches Konzept hat die im Krisenjahr 1931 gegründete Siedlung keine Überlebenschance. Immer wieder gab es Versuche, an die Glanzzeiten der Sechziger anzuknüpfen. Damals galt der Hof als Treffpunkt der Avantgarde. Schon 1963 stellte sich hier die Gruppe Zero mit Günter Uecker, Heinz Mack und Otto Piene vor - ein Jahr vor ihrem ersten Auftritt in New York. 1965 gab die niederländische Gruppe nul mit Armando und Schoonhoven hier ihr Debüt in Deutschland. Wer Kinetiker wie Adolf Luther, Harry Cramer, den Venezolaner Carlos Cruz-Diez oder den Italiener Gianni Colombo und Lichtkünstler wie den Argentinier Julio Le Parc oder den Franzosen François Morellet erleben wollte, steuerte die Idylle im Gelsenkirchener Süden unweit des Städtedreiecks mit Bochum und Essen an.

Doch schon Mitte der Siebziger versank der Hof in Tiefschlaf. Und so fiel es der Stadt Gelsenkirchen 1991 in einer ihrer schärfsten Haushaltskrisen nicht schwer, ihr früheres Kulturjuwel für umgerechnet 1,9 Mio. Euro an die stadteigene gemeinnützige Wohnungsgesellschaft GGW zu verscherbeln. Deren Chef Harald Förster fragt sich, wie lange er mit seinem mühsam ausgeglichenen Etat noch die wirtschaftliche Belastung durch ein jährliches Defizit von 130 000 Euro tragen soll. Bis zum Jahresende erwartet er "eine tragfähige Lösung, die alle Interessen angemessen berücksichtigt". Nicht mehr tragfähig sind für ihn Mieten von zwei statt marktüblicher fünf Euro unter langjährigen Bewohnern und gratis überlassene Ateliers, für deren Betriebskosten ein Immobilien-Unternehmen ohne kulturpolitischen Auftrag gerade stehen soll. Der Gelsenkirchener Oberbürgermeister Frank Baranowski hat die kulturpolitisch heikle Angelegenheit zur Chefsache erklärt. Seiner Kulturverwaltung gibt er bis Ende August Zeit, ein tragfähiges Konzept auszuarbeiten. Das könnte zum Beispiel eine Stiftung sein. Auch eine Verkleinerung und der Verkauf eines Teils ist für ihn kein Tabu.

Baranowski spricht Klartext, wenn er die kulturelle Bedeutung der ältesten deutschen Künstlersiedlung momentan nicht erkennen kann. Nicht bewährt hat sich für ihn das lebenslange Wohnrecht der einmal eingezogenen Künstler. Es gilt auch, wenn ein Bewohner künstlerisch schon lange nicht mehr produktiv ist. Spricht man Volker Bandelow auf die Stiftungsidee hin an, winkt der Leiter des städtischen Kulturreferats ab. Er sieht keine Chance, die dafür notwendigen 3,5 Mio. Euro zu beschaffen. "Mehr Aktivität" erwartet vom Halfmannshof nicht nur Baranowski. Diese Forderung kommt auch aus dem kleinen Kreis jener Halfmannshöfer, die sich noch nicht aus dem künstlerischen Leben zurückgezogen haben. Die aus der Nähe von Dresden stammende Fotografin Katja Langer überraschte es, dass sie vor fünf Jahren ohne Auswahl-Verfahren einziehen konnte. Ein neuralgischer Punkt ist für die 32-jährige Hof-Sprecherin das fehlende künstlerische Konzept. Dabei wäre es so einfach, der Künstlersiedlung durch Stipendien wie im westfälischen Künstlerdorf Schöppingen neues Profil zu verschaffen. "Dieser Ort ist prädestiniert für zeitgenössische Kunst", sagt sie.