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Marga Spiegel feiert 100. Geburtstag

Grande Dame Westfalens

Dieser Geburtstag ist ein Wunder, und er ist wunderbar: Marga Spiegel, die Grande Dame Westfalens, wird am Donnerstag 100 Jahre alt.

MÜNSTER

20.06.2012
Marga Spiegel feiert 100. Geburtstag

Fröhlich mit Sekt und Bundesverdienstkreuz: So feierte Marga Spiegel ihren 99. Geburtstag. Heute möchte sie zum Festkonzert in Münsters Erbdrostenhof gehen

Spiegel und ihre Familie überlebten im Versteck münsterländischer Bauern die Judenverfolgung der Nationalsozialisten. Bis heute ist sie eine der wichtigsten Zeitzeuginnen dieser dunklen Epoche und hat ihr Wissen engagiert weitergegeben.  Kurz vor dem großen Tag möchte Marga Spiegel aber nicht viel sagen, sondern sich lieber ausruhen. Münsters Jüdische Gemeinde hat sie am Donnerstag zu einem Festkonzert in den Erbdrostenhof eingeladen. Es singt Jochen Fahlenkamp, der Kantor der Jüdischen Gemeinde Berlin. "Natürlich möchte ich dahin!", sagt die Jubilarin.

Und Organisator Sharon Fehr ist optimistisch, "dass sie es mit ihrer unglaublichen Vitalität schafft". Hinterher sei noch ein Abendessen im kleineren Kreis geplant. Immer wieder gesprochen hat Marga Spiegel im vergangenen Jahr mit Dr. Wilhelm Hopf. Der Chef des Lit-Verlags bringt am 25. Juni ein Buch mit ihren Memoiren heraus: "100 Jahre - 4 Leben. Eine deutsche Jüdin erzählt."

Vier Leben? Wilhelm Hopf zählt sie auf: Marga Rothschild, geboren am 21. Juni 1912 im hessischen Dorf Oberaula, sei "wohlbehütet" in ihr erstes Leben gestartet. Die Familie nimmt teil an den technischen Entwicklungen der Zeit, die junge Frau lernt Auto und Radio kennen, macht in Frankfurt Abitur. In der Schule gibt es bereits antisemitische Sticheleien von Lehrern und Mitschülern. Marga Spiegel berichtet in dem Buch, wie traurig sie war, als kein Junge auf dem Schulball sie zum Tanz aufforderte, obwohl sie ein bezaubernd hübsches Mädchen war.

Religiöse Spannungen sind damals in Deutschland an der Tagesordnung - Wilhelm Hopf erinnert auch an den abstrusen Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten. Der Hass ist Normalität, die Katastrophe sieht niemand kommen. Die beginnt 1933 schleichend - das zweite Leben fängt unheilvoll an. Marga Rothschild muss ihr Physikstudium im Marburg abbrechen, die Diskriminierung ihrer Familie wird immer schrecklicher. Sie heiratet den Pferdehändler Siegmund Spiegel, zieht nach Ahlen, bekommt eine Tochter. "Man muss sich einmal den Mut klarmachen, der dazu gehörte, in dieser Situation im Jahr 1937 eine Familie zu gründen", sagt Hopf. Der Terror von Verfolgung, Ausgrenzung und Enteignung steht oft im bizarren Kontrast zur peniblen Gründlichkeit der deutschen Bürokratie, die alles mit einem falschen Anschein von Legitimität "regelt" und Normalität vorgaukelt.

Margas Ehemann glaubt sich als Weltkriegsteilnehmer in Sicherheit. Doch 1938 endet alle Hoffnung: Marga Spiegels Vater wird verhaftet und stirbt unter ungeklärten Umständen im KZ Sachsenhausen. Die Spiegels müssen Ahlen verlassen und nach Dortmund in ein "Judenhaus" ziehen. Als eine mysteriöse Aufforderung die Familie am 28. März 1943 zur Meldung am Dortmunder Schlachthof einbestellt, erkennt Siegmund Spiegel die Todesgefahr: Das ist der Transport nach Auschwitz.

Vater, Mutter und Tochter tauchen unter, sie finden Zuflucht auf dem Hof der Familie von Heinrich Aschoff in Herbern - "das dritte Leben beginnt", so Wilhelm Hopf. Über die Zeit im Versteck hat Marga Spiegel 1969 ein Buch veröffentlicht: "Retter in der Nacht". 2009 wird die Geschichte mit Veronica Ferres verfilmt, ein erschütterndes Dokument des Mutes und der Menschlichkeit. Die Familie überlebt - und entschließt sich, zu bleiben.

In ihrem vierten Leben wird Marga Spiegel Zeugin der bundesrepublikanischen Geschichte. Der schreckliche Hass flackert immer wieder auf. Spiegel berichtet etwa, wie sie 1966 von Drohanrufen aufgeschreckt wurden. Die Fangschaltung entlarvte einen Ahlener Polizisten, er hatte von der Wache aus angerufen.Marga Spiegel zieht nach dem Tod ihres Mannes 1982 nach Münster, sie spricht in Schulen und hat zwei Leitsätze: "Erstens: Zivilcourage ist jedem möglich! Und zweitens: Zieht nie einen Schlussstrich unter die Vergangenheit!" Heute bringen die Westfalen ihr Liebe und Respekt entgegen, 2010 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz, und in Werne wurde gerade die neue Sekundarschule nach ihr benannt. Am Telefon möchte Marga Spiegel "nicht plaudern", aber das sagt sie doch: "Es ist toll, 100 zu werden."