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"Norma"-Debüt der Bartoli mit Jubelorkan gefeiert

Cecilia belli(ni)ssima

DORTMUND Cecilia – das war belli(ni)ssima. Geschlossen sprang das Publikum am Dienstagabend am Schluss des „Norma“-Debüts der Bartoli im Konzerthaus Dortmund auf. Es feierte mit einem minutenlangen Jubelorkan die Sensation des Opernjahres - einen Abend, der Musikgeschichte geschrieben hat.

von Von Julia Gaß

, 30.06.2010

Die Sensation im Vorfeld dieses Debüts, das Festspielstimmung in die Stadt brachte, war dass La Bartoli die Norma von Bellini sang. Drei Stunden später war die Sensation, wie sie es sang. Und wie diese vielleicht schönste und schwerste Belcanto-Oper in der Rekonstruktion des Autografs von Thomas Hengelbrock auch klingen kann. Nämlich lyrisch, schlank in der Melodieführung, wie ein Mozart der Romantik und manchmal etwas flotter und beweglicher im Tempo. Und trotzdem dunkel-romantisch und nicht so hochdramatisch, wie man die Titelrolle seit der Callas im Ohr hat.

Das war das Revolutionäre, das unbedingt auf CD konserviert werden müsste und das vielleicht Nachahmer findet. Und einige neue Nummern oder zumindest Instrumentationen waren in der Urfassung auch zu hören. Cecilia Bartoli und Thomas Hengelbrock mit seinem fantastischen Balthasar-Neumann-Orchester und -Chor waren ein Bellini-Traumpaar. Auf Hengelbrocks Debüt 2011 in Bayreuth mit „Tannhäuser“ darf man jetzt noch gespannter sein. Hengelbrock und seine Musiker mit historischen Instrumenten trugen die Sänger auf Händen.

Cecilia Bartoli war Norma mit ihrer ganzen Seele und Stimme, stand die große, kräftezehrende Oper nicht nur bravourös durch, sondern lebte die ganze Leidenschaft der Druidenpriesterin. Mit ihrer großen Präsenz und der Leidenschaft zur Liebe zeigte sie eine Frau die zerrissen ist in Liebe und Hass, zwischen beidem wie Aprilwetter wechselt und schließlich den Rachedurst im Liebesrausch ertränkt. Und so hatte die Bartoli auch in den zu Tränen rührenden Gebeten und Lamenti und den Jubelkoloraturen wie im grandiosen Duett mit Nebenbuhlerin Adalgisa (großartig gesungen von Rebecca Olvera) ihre größten Momente. Mehr Szene brauchte die konzertante Aufführung im abgedunkelten Saal (mit neuer Übertitelungsanlage) gar nicht.

Die sieben Minuten „Casta Diva“ der Diva waren ein Taschentuch-Moment ebenso wie das Schluss-Duett mit dem Geliebten Pollione vor dem tristanesken Liebestod auf dem Scheiterhaufen. John Osborn sang den römischen Prokonsul in den lyrischen Momenten noch stärker als im dramatischen Beginn auf Weltklasse-Niveau. Und Michele Pertusi war als Normas Vater ein glänzender Bassist. Cecilia Bartoli gab der Norma die sanfte dunkle Farbe in der Mezzo-Tiefe zurück, die die hochdramatischen Sopranistinnen der Rolle genommen haben. Und führte ihre schlanke, sehr bewegliche, nie massive Stimme mit rossinihafter Leichtigkeit durch die Koloraturen. Und trotzdem vermittelte die vor Emotionen glühende Italienerin die große Tragik der gescheiterten Liebe der Priesterin und Mutter und die dramatischen Konflikte der Kriegerin.

Eine neue Norma-Ära hat begonnen. In Dortmund. Darauf, dass die Callas nicht in Mailand oder an der Met, sondern in der Kulturhauptstadt in der Bartoli eine gefeierte Nachfolgerin gefunden hat, dürfen wir alle sehr stolz sein. Und so sensationell wie diese Konzerthaus-Saison am Donnerstag mit der zweiten (ausverkauften) „Norma“ der Bartoli endet, beginnt die nächste: mit dem spektakulären „Tristan“ von Esa-Pekka Salonen, Peter Sellars und Bill Viola am 17. September.