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RuhrTriennale: Stehende Ovationen für Gert Voss als "König Lear"

DUISBURG Heute ein König. Mag der Schauspieler Gert Voss in seiner Rolle als "King Lear" seine Macht auch verlieren, das Ruhrgebiet liegt ihm immer noch zu Füßen. Fünf Minuten stehende Ovationen erntete Voss, von 1979 bis 1986 der absolute Star des Bochumer Schauspielhauses, bei zwei Gastspielen in Duisburg.

von Von Bettina Jäger

, 31.08.2008
RuhrTriennale: Stehende Ovationen für Gert Voss als "König Lear"

Gert Voss als "König Lear" und Birgit Minichmayr als "Der Narr".

Strahlend und sichtlich bewegt nahmen der 66-jährige Voss und die über 30 Darsteller des Wiener Burgtheaters, zu denen mit Andrea Clausen und Martin Schwab noch zwei weitere Ex-Bochumer gehörten, die Begeisterung entgegen. Die RuhrTriennale, die dem Regisseur Luc Bondy in diesem Jahr einen Schwerpunkt widmet, konnte sich am Freitag und Samstag über ausverkaufte Abende freuen.

In Bochum steckte Gert Voss oft voller Ironie, war einer, der literarische Figuren und zugleich die Distanz zu ihnen darstellte. Sein "König Lear" ist anders. Voss stülpt sich das Alter über, schlüpft hinein wie in eine zweite Haut. Er wackelt, torkelt, stolpert über die Bühne. Er wird an diesem Abend einmal in den Wahnsinn und zurück reisen.

Edle Inszenierung

"König Lear", 1605 von Shakespeare erdacht, ist ein blutiges Drama über den Verlust von Macht und den Verlust von Verstand. Lear übergibt sein Reich an die Töchter Goneril und Regan (hervorragend: Caroline Peters). Seine loyale Tochter Cordelia (Adina Vetter) verjagt er, weil sie ihm nicht wie die beiden anderen um den Bart gegangen war. Doch die Erbinnen danken es dem Vater schlecht. Lear wird vom Hof verscheucht und verfällt dem Irrsinn, die bösen Töchter fallen schließlich der Gewalt zum Opfer, die sie selbst entfesselt haben.

Edel ist die Inszenierung von Regiestar Bondy, überzeugend allerdings nicht. Wie eine Wischblende zieht ein Vorhang von einer Seite zur anderen, gibt immer neue düstere Szenen frei wie alte Gemälde. Bühnenbildner Richard Peduzzi lässt gewaltige Türme hin und her gleiten, Rudy Sabounghi hüllt die Herrscher in dicke Stoffe und schwere Pelze.

Alles will beeindrucken, alles ruft "Klassiker!" Und ist doch reichlich konventionell, etwa, wenn zum Schluss die Überlebenden ihren Text nur noch aufsagen. Bis dahin ist viereinhalb Stunden lang jede Szene gnadenlos zelebriert worden. Nur die Schauspieler gewinnen dem Abend moderne Momente ab. Andrea Clausen als Goneril zum Beispiel, wenn sie mit kalter Klarheit ihre Verbrechen plant. Oder Birgit Minichmayr, die als Narr einen schrägen und seltsam rührenden Kumpan des Königs abgibt.

Zuschauen und staunen

Gert Voss ist ein unwürdiger Greis. Auf der Heide, wo sogar die Hütte im Sturm davonfliegt, hält er Hof mit einer Rolldistel als Krone und einer toten Ratte als Wegzehrung. Wie Voss im wehenden Hemd am Leben verzweifelt, im Irrsinn den Müllmantel mit großer Geste um sich schlägt und, wieder zu Verstand gekommen, die königliche Haltung steifbeinig neu zu finden sucht - wir konnten nur zuschauen und staunen.