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Schneider macht Kunst aus Goebbels‘ Geburtshaus

Ausstellung in Warschau

Schrott, der für die Banalität des Bösen steht: Der Künstler Gregor Schneider (kl. Foto) hat Trümmer aus dem Geburtshaus von Joseph Goebbels nach Warschau gebracht. Das ist eine gewagte Kunstaktion in einem Land, das besonders unter dem Nazi-Terror zu leiden hatte.

WARSCHAU

von dpa

, 27.11.2014
Schneider macht Kunst aus Goebbels‘ Geburtshaus

Der für seine verstörenden Raumskulpturen bekannte Künstler Gregor Schneider hat das Geburtshaus des Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels entkernen lassen und will den Schutt in Warschau ausstellen.

Goebbels in Warschau – das ist ein Gedanke, der provoziert. Hitlers Propagandaleiter hatte die Massen mit der nationalsozialistischen Ideologie bearbeitet. In der polnischen Hauptstadt waren und sind die Folgen des NS-Terrors bis heute im Straßenbild sichtbar.

Gedenktafeln überall in der Innenstadt erinnern an Massenerschießungen und Terror. Die Zacheta-Galerie und ihre Kuratorin Anda Rottenberg hatten jedoch noch nie Angst vor Kunst, die auch provokant ist. Und so wurde der unbequeme und politische Künstler Gregor Schneider eingeladen zu einer für Polen und Deutschland gewagten Kunstaktion. Schneider stammt ebenso wie Goebbels aus Rheydt, das heute zu Mönchengladbach gehört. Vor wenigen Jahren fand er heraus, in welchem Haus Goebbels 1897 geboren wurde. Es lag nicht weit von dem Haus entfernt, in dem Schneider aufgewachsen ist.

2013 kaufte der Künstler das Goebbels-Geburtshaus, er bewohnte es eine Zeit lang, fotografierte und filmte sich darin und scannte es vom Keller bis zum Dach in seinen Computer ein. Dann ließ Schneider das Haus komplett entkernen, und transportierte den Schutt in einem Lastwagen nach Warschau. Dort werden die Trümmer von Samstag, 29. November, an für rund zwei Monate gezeigt. Auch an einen Abriss des Hauses hatte Schneider gedacht, um jeden Anschein von Nazi-Mystifizierung zu vermeiden und nicht Rechtsradikale anzulocken. Doch aus bautechnischen Gründen war das nicht möglich. Schneider erforsche die Geschichte des Nazi-Propagandaleiters „sowohl als Inkarnation des Bösen wie auch als Gestalt einer normalen deutschen Familie im Kontext faschistischer Politik“, sagt Kuratorin Rottenberg. Das Haus werde zum „stummen Zeugen der Geschichte“. Zugleich sei die Alltäglichkeit des Bauschutts eine Konfrontation mit der Banalität des Bösen, das hinter der unauffälligen Fassade lebe.

Mit dem Schutt aus dem Goebbels-Geburtshaus wolle der Künstler an die Millionen Opfer der Nazi-Diktatur erinnern, sagte Schneider kürzlich. „Dieser Ort ist zwar ein Geburtszimmer, aber er wird durch die Geschichte zu einem Täterort.“ Er wolle in Warschau eine „unmissverständliche Geste“ zeigen. „Es ist eine große Aufgabe, die mich auch belastet“, sagte Schneider. Der Schutt soll aber auch ein Symbol des Abschlusses sein. So lautet der Titel der Kunstaktion auch „Unsubscribe“, auf Deutsch so viel wie „abmelden“ oder „abbestellen“.

Spannend wird, wie die Warschauer Öffentlichkeit auf den Goebbels-Schutt reagiert. Im Jahr 2012 hatte die Präsentation einer Hitler-Statue im früheren Warschauer Ghetto einen Skandal ausgelöst. Nach Warschau soll der Lastwagen mit dem Bauschutt auch an der Berliner Volksbühne haltmachen.

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