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Sind wir nicht alle Peer Gynt?

Theater Dortmund

"Willkommen in unserem kleinen Theater. Legen Sie ihr Handy beiseite und ihre vorgefertigte Meinung. Sind die beiden hier denn nicht wie du und ich?" Mit dieser Bänkelsang-Moritat beginnt und endet Kay Voges' Meditation über "Peer Gynt".

DORTMUND

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 29.09.2013
Sind wir nicht alle Peer Gynt?

Alle spielen Peer Gynt und viele andere.

Salopp gefragt: Sind wir nicht alle bisschen Peer? Wer der andere "der beiden" ist, scheint nicht ganz klar. Meint es Solveig, die selbstlos Liebende, die Reine, die Gute, die ein Leben lang auf den Weltenwanderer Peer wartet?Oder zielt es auf das Janusköpfige in Peer Gynt? Ein Aufschneider und Träumer, getrieben vom narzisstischen Drang nach Selbstverwirklichung und grenzenlosem Ego.Ich-Suche Andererseits eine verlorene Seele, die sich in der Einsamkeit ihrer Ich-Suche verrennt und ganz am Ende bei Solveig Erlösung findet, weil kein Mensch nur aus sich selbst leben kann.

Voges' Dortmunder Inszenierung (Premiere war am Samstag) ist ein Destillat von Ibsens märchenhafter Parabel. In schlanken 90 Minuten beschreibt das Stück Peer Gynt als archaisch zeitlosen Jedermann.Ibsens Figur als Prototyp der selbstsüchtigen Ich-Maschinen von heute. Folgerichtig schlüpfen alle sechs Schauspieler, Männer wie Frauen, in Peers Haut.

Das Stück gefällt als poetisches, reduziertes, starkes Bilder-Theater, wenn sich auch manchmal die Form vor den Inhalt drängt. Formal ist das aber kurzweilig und gelungen. Gespielt wird in einem Wasser-Bassin (Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch).Handlung auf Schlaglichter reduziert Körperbemalung, wie bei den "Wilden" kommt zum Einsatz, sie verstärkt das Sagenhaft-Phantasmagorische der Handlung, die Voges auf Schlaglichter eingedampft hat. Peer schmachtet für Solveig (Bettina Lieder). Peer in der Klapsmühle, wo man ihn mit Elektroschocks foltert und der Irrenarzt (gut: Uwe Rohbeck) den Exitus der Vernunft ausruft. Wunderbar die Szene, wo es stürmt und regnet und Matrosen auf des toten Muttchens Kiste rudern. Theatermagie liegt in der Luft.Ein-Mann-Orchester Voges aktualisiert Peer vom Sklaven- zum Waffenhändler in der Dritten Welt. Angeberei um die "coolste" Mutter lässt er im Jargon moderner Girlie-Zicken sprechen. Verstanden: Peer Gynt ist einer von uns. Thomas Truax als Ein-Mann-Orchester spielt atmosphärisch schöne Zwischenmusiken. Viel, viel Beifall für Darsteller und Team.

Termine: 4./18.10., 12./17.11.; Karten: Tel. (0231) 5 02 72 22.

 

 

Video zum Stück