Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Anzeige
Anzeige

Galeristen sind sauer

Steuer-Chaos auf dem Kunstmarkt

DORTMUND Eigentlich wollte die EU ja "nur" die Mehrwertsteuer vereinheitlichen. Herausgekommen ist ein Steuerchaos auf dem Kunstmarkt. Galeristen sind verunsichert, der Wettbewerb deutscher Händler mit dem Ausland wird verzerrt. Nicht zuletzt besteht die Gefahr, dass sich Kunst in Zukunft deutlich verteuert.

Steuer-Chaos auf dem Kunstmarkt

Miese Stimmung: Die Kunsthändler kämpfen mit den Steuergesetzen und sind mindestens so schlecht gelaunt wie diese Skulptur von Ayako Rokkaku auf der Art Cologne.

"Ein Versagen der Kulturpolitik", schimpft Birgit Maria Sturm vom Bundesverband der Galerien und Kunsthändler (BVDG) mit Sitz in Berlin. "Das ist eine bittere und schädliche Situation für uns." Der Verkauf von Kunst sei kulturell von großer Bedeutung und ein Knochenjob, der jetzt zusätzlich erschwert werde.Kunst nicht mehr steuerbegünstigt

Doch der Reihe nach. Früher galt für Kunstgegenstände ein ermäßigter Steuersatz von sieben Prozent. Dann hatte die EU die Bildende Kunst von der Liste der steuerbegünstigten Objekte genommen. Seltsam, denn Theaterkarten und Bücher blieben drauf. Die EU drohte mit einem "Vertragsverletzungsverfahren", sollte Deutschland den ermäßigten Steuersatz für Galerien nicht streichen.

Das tat die Bundesregierung Anfang 2012. Um den Kunstmarkt trotzdem zu stützen, schaute sie sich aus Frankreich die dort gültige 30-Prozent-Pauschalmarge ab. Das bedeutet vereinfacht: Der Galerist besteuert nur 30 Prozent des Bruttoverkaufspreises mit 19 Prozent - eine Steuerlast, die in etwa der ursprünglichen Situation entsprach. Seit dem 1. Januar 2014 steht es so im deutschen Umsatzsteuergesetz.

Das Problem: Die Finanzministerien der Länder schmetterten den notwendigen "Anwendungserlass" zweimal ab. "Wir bemühen uns, zu einem praktikablen Verwaltungsvollzug zu kommen", hieß es dazu gestern aus dem Bundesfinanzministerium. Der Galeristenverband stellt die Sachlage etwas anders dar. Danach haben die "Finanzminister beschlossen, die Angelegenheit an den Bund zurückzuverweisen." Dieser soll nun die EU prüfen lassen, ob die Pauschalmarge mit europäischem Recht vereinbar sei. "Die Anfrage bei der EU kann derzeit gar nicht gestellt werden. Dort ist ein solches Stühle rücken, dass gar keine Ansprechpartner da sind", seufzt Birgit Maria Sturm.

Die Folge: "Die Galeristen wissen nicht genau, was sie machen sollen." Steuerberater würden nicht durchblicken. Mangels Alternativen arbeiten die Galerien derzeit mit einem "Differenzbesteuerungsverfahren", wie es bei Gebrauchtwagen üblich ist.Wettbewerbsverzerrung

Außerdem sehen sich Kunsthändler wie die renommierte Dortmunder Galerie Utermann mit einem verzerrten Wettbewerb konfrontiert. Denn in Frankreich gilt die Pauschalmarge, in Deutschland (noch) nicht. Im Nicht-EU-Land Schweiz werden nur 7,6 Prozent Mehrwertsteuer auf Kunst fällig, der Kunstexport ist steuerfrei. "Auf internationalen Messen stehen wir alle nebeneinander. Was glauben Sie, wo der Kunde hingeht?" fragt Karin Schulze-Frieling, Geschäftsführerin der Galerie Utermann. Auch österreichische Kunsthändler arbeiten noch mit dem ermäßigten Steuersatz, berichtet Verbandssprecherin Sturm: "Das wird geduldet. Da kräht kein Hahn nach."

Um das Maß der Verwirrung voll zu machen, dürfen deutsche Künstler weiterhin ihre Bilder und Skulpturen aus dem Atelier heraus mit sieben Prozent Mehrwertsteuer verkaufen. Scheitert der Plan mit der Pauschalmarge, wären dieselben Werke im Kunsthandel künftig zwölf Prozent teurer als beim Künstler. "Das ist ein Aufruf, in den Ateliers zu kaufen", sagt Schulze-Frieling. Damit missachte man jedoch die wichtige Rolle, die eine Galerie für einen Künstler spielt. Schulze-Frieling: "Wenn sich junge Künstler heute durchsetzen wollen, schaffen sie das nicht ohne Galerie." Der Deutsche Kulturrat und der Deutsche Künstlerbund haben ebenfalls vor der Belastung des Kunsthandels gewarnt: Das werde sich "unweigerlich auch zum Nachteil der bildenden Künstler auswirken". "In deutschen Galerien werden Künstler unheimlich gut betreut", betont Birgit Maria Sturm. "Wir haben eine tolle Kulturlandschaft." Dieses System schwebe nun in Gefahr.

 

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Red Dot Award

Kreative Projekte aus NRW erhalten Auszeichnungen

Dortmund 749 Projekte aus 50 Nationen sind in diesem Jahr mit dem Red Dot Communication Award ausgezeichnet worden. Aus Nordrhein-Westfalen sind es zum Jubiläum des Preises, der seit 25 Jahren vergeben wird, allein 74. Darunter auch welche aus Dortmund.mehr...

Konzerthaus Dortmund

Mit Tschaikowsky kam der Elan

Ein Programm, das nur aus den Top-100-Hits der Klassik besteht, trauen sich nicht viele Orchester zu präsentieren. Das Budapest Festival Orchestra tat es am Sonntagnachmittag im Konzerthaus Dortmund unter der Leitung von Iván Fischer.mehr...

"American Assassin" im Kino

Milchbubi räumt die Welt auf

Mitch Rapp (Dylan O’Brien) ist ein junger Bursche, der das Leben an der Seite seiner Verlobten genießt. Als Terroristen seine Liebste ermorden, ist es vorbei mit seiner Normalverbraucher-Existenz. Durchglüht von Rachedurst stählt sich Mitch zur Kampfmaschine - im Kinofilm "American Assassin".mehr...

Interview mit dem Intendanten

Benedikt Stampa erlebte im Konzerthaus zwölf glückliche Jahre

DORTMUND Zwölf Jahre ist Benedikt Stampa Intendant und Geschäftsführer des Dortmunder Konzerthauses. Nach der Sommerpause beginnt sein letztes Jahr in Dortmund. Zur Saison 2019/2020 wird er Intendant des Festspielhauses Baden-Baden. Julia Gaß sprach mit dem 51-Jährigen über Abschied und Anfang.mehr...

Konzerthaus Dortmund

Esa-Pekka Salonen reiste unaufgeregt durch Finnland

DORTMUND Als Esa-Pekka Salonen (Foto) zuletzt 2013 als Exklusivkünstler im Konzerthaus Dortmund dirigiert hat, gab es noch nicht so viele Auftritte von jungen wilden Pultstars wie Yannick Nézet-Séguin oder Teodor Currentzis. Diese Dirigenten haben die Hör- und Sehgewohnheiten verändert. Und so wirkte Salonens Auftritt am Samstag nicht nur völlig unaufgeregt, sondern fast meditativ.mehr...