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Interview

Tatort Opernhaus - Mord im Theater

DORTMUND Bei den Dreharbeiten zum dritten Dortmund-Tatort sieht Schauspielerin Anna Schudt (39) Dortmund aus der Luft, vom Dach eines Hochhauses. Ihr Ex-Lebensgefährte ist der Dortmunder Opernintendant Jens-Daniel Herzog (50). Julia Gaß und Gaby Kolle sprachen mit ihnen im Doppelinterview über Dortmund, den Tatort, die Oper und einen Mord im Opernhaus.

Tatort Opernhaus - Mord im Theater

Schauspielerin Anna Schudt, Kommissarin im Tatort Dortmund, und der Dortmunder Opernintendant Jens-Daniel Herzog waren einmal liiert. Für beide ist Dortmund eine spannende Stadt.

Zum Interview im Opernhaus kommt Anna Schudt mit Baby Matti. Er ist auch bei den Dreharbeiten dabei.  Anna Schudt ist mit Schauspieler Moritz Führmann vom Düsseldorfer Schauspiel verheiratet und lebt in Düsseldorf. Leon (15) ist der gemeinsame Sohn von Jens-Daniel Herzog und Anna Schudt.  

Leider noch gar nicht. Als ich hier hergezogen bin, habe ich sofort zwei Kinder bekommen, deshalb bin ich hier noch ziemlich unbeleckt. Aber das wird sich ändern. Sobald mein Sohn abgestillt ist, gehe ich wieder alles angucken.

Aber sie schickt unseren Sohn her, und der erzählt ihr, wie‘s war. Und von den 170 Inszenierungen, die ich gemacht habe, hat sie auch 40 gesehen.  

Das ist ja auch ein bisschen einfacher.

Das ist gar nicht so einfach, wenn man keinen Fernseher hat und selten zu Hause ist. Ich hab mir jetzt so ein i-TV gekauft. Mir hat die zweite Folge besser gefallen. Ich glaube, dem Tatort geht es  gerade so wie der Stadt selber: Er ist noch auf der Suche nach sich. Im ersten Tatort fand ich es zu offensichtlich, wie man versucht, städtische Ikonografie in die Geschichte hineinzukriegen.  Beim zweiten bekamen die Figuren mehr Kontur und konnten stärker in die Konflikte reingehen. Ich bin jetzt sehr gespannt, wie sie sich weiter entwickeln.  Wie Dortmund eben: Die Stadt weiß auch, wo sie herkommt, aber noch nicht, wo sie hin will.  

: Ja, da haben wir schon drüber gesprochen, und auch unser  Produzentin fand den Gedanken nicht abwegig. Es ist absolut nicht ausgeschlossen, und ich glaube, dass das spannend wäre.

Er müsste „Tod eines Opernintendanten“ heißen. Beim Joggen morgens mit meinem Chefdramaturgen haben wir uns schon viele Todesarten ausgedacht, wie mich zum Beispiel ein nicht wohlgesonnener Abonnent in der Emscher ertränkt.  

Ja, in der Tat haben wir das beim Tatort. Die ersten beiden Folgen waren Findungsfilme, die erst mal was setzen mussten. Die Geschichten werden immer spannender, und wir dürfen da viel mitreden, das ist sehr erfreulich. Was wirklich Spaß macht, ist, wie die Figuren langsam aufeinander aufbauen und dass sich herauskristallisiert, wie die Verhältnisse sind  - was ja auch immer mit den Schauspielern zusammenhängt. Die Geschichten werden dadurch intensiver. Und dadurch bekommt der Tatort Dortmund ein Gesicht. Dieser Tatort ist wirklich etwas ganz Spezielles, ganz extrem. Und finde ich ganz toll.  

Es kann Berührungsängste abbauen. Mir würde dazu viel einfallen.

Du würdest dann auch gerne selber spielen wollen?

Ja, den Mörder oder das Opfer. Ich hab früher gespielt, aber es war schon eine bewusste Entscheidung, auf die andere Seite zu gehen, auf die des Regisseurs.

Du bist schauspielerisch ja begabt, aber das Problem ist, dass  du den Außenblick des Regisseurs nicht abstellen kannst. Die beobachtende Funktion ist hinderlich beim Spielen. Und wenn dein Gegenüber  spielt, spielst du ja auch mit. Das ist natürlich auch komisch beim Drehen.

Ich spiele immer alle Rollen mit.  

  Das kommt  immer auf den Gegenstand an. Es müssten immer komplexe Figuren sein. Das ist das A und O, warum ich am Fernseher bleibe, dass mich eine Figur interessiert. Dass eine Kamera anfängt, eine Figur auszuloten, auszustudieren und sich Zeit nimmt, sie lange zu beobachten.

Das ist eine Frage des Mutes, nicht eine Frage des Geldes oder des Publikums. Beim Fernsehen wäre es wünschenswert, mal den Mut zu haben, solche Filme nicht um 23.10 Uhr zu senden, sondern am Vorabend zu zeigen. Das man nicht immer nur der Gewohnheit folgt. Warum gucken die Leute denn alle diese amerikanischen Serien? Die gucken das nicht, weil es so nett und bekannt ist.

Die haben eben die Chance dieses Abonnenten-Fernsehens und weltweit 30 Millionen Abonnenten. Mit denen können sie natürlich solche Serien produzieren.

Aber es gibt immer wieder schöne Sachen, die jetzt auf ZDF-Neo laufen oder auf den Festival-Kanälen.  

Es gibt da viele Ecken von Dortmund, die ich noch nicht kenne. Vor allem drehen wir immer wieder auf einem Dach, von dem man über Dortmund schauen kann.  

Es geht diesmal  um die Geschichte von Faber, dem Hauptkommissar, der ja Frau und Kind verloren hat bei einem Autounfall, und um eine Parallele zu Mädchenmorden. Das wird zusammengeführt und beleuchtet seine ganze Tragödie.

Der nächste Tatort ist sehr Präsidiums-lastig,  ein ganz konzentriertes Kammerspiel. Wir werden natürlich wie immer versuchen, schöne Seiten von Dortmund zu zeigen.

 Mich hat es mehr beeindruckt, dass der Tatort auch in soziale Brennpunkte geht. Das müssten die Dortmunder ja auch positiv als einen Teil von sich empfinden und es nicht absondern als  etwas, das nicht zu ihnen gehört. Das ist ja auch so, wenn die Stadt Double-Sieger wird: Dann kommen die Medien von auswärts und berichten  auch über die nicht so schönen Seiten in Dortmund. Das muss man genauso annehmen und aushalten. Es muss ja die ganze Stadt mit ihren Widersprüchen und Kämpfen gezeigt werden.

Es wurde ja auch immer sehr hochgehalten, dass es eine Stadt im Wandel ist. Zum Erzählen von Geschichten ist das perfekt. Eine Stadt, die  fertig ist, oder nur schön, sauber und glatt, das ist wie ein Theaterstück, in dem es keine Konflikte gibt. Da kann man sich totlangweilen. Und genau deshalb ist die Stadt ja auch ausgesucht worden. Der Jörg  (Jörg Hartmann, der Hauptkommissar Faber) kommt  aus der Nähe, aus Herdecke, und der ist ja auch so.  

Für mich ist es ja erstmal eine Arbeitsstadt. Zum Drehen ist sie toll, weil hier wenig Filme gemacht werden und die Leute deshalb unheimlich offen uns gegenüber waren und sich auch einfach  gefreut haben. Die Menschen hier gehen sehr offen auf einen zu. Was mich total überrascht hat und was ich sehr mag:  Im Gegensatz zu München beispielsweise  kommen die Leute auf uns zu und fragen „Was macht Ihr denn hier?“ und „Macht das Spaß?“ und „Kann ich auch mal da stehen?“ Zum Arbeiten mag ich das wahnsinnig gerne hier. Aber ich weiß ---nicht, wie die Leute das nun eigentlich fanden, diesen Tatort hier. Ob das für sie gut ist, diese Art Dortmund zu zeigen.

Ich glaube, die Leute freuen sich, dass es einen Tatort Dortmund gibt. Die Menschen hier identifizieren sich ganz schnell mit etwas, sind stolz darauf und verteidigen es auch. Das ist im besten Sinne wie Stadttheater. Das ist etwas, was ich hier ganz toll finde. Ich glaube, die Meinungen über den Tatort waren gespalten. So entstehen Diskussionen, die oft wichtiger sind als das Ereignis selbst.  

Für mich ist das eine brüchige, widersprüchliche und spannende Stadt. Die Entscheidung, Teil einer Selbstfindung zu sein und über Kunst und Kultur eine größere Lebensqualität zu schaffen, ist ein aufregender Prozess. So habe ich Stadttheater immer verstanden. Dass man Teil einer Stadtgesellschaft ist und die auch zum Besseren verändern kann. Es ist eine zentrale Frage, ob die Menschen abwandern werden oder ob sich Dortmund als kreative, familienfreundliche Stadt erweist. Die Frage, die mir anfangs am häufigsten gestellt wurde, war„Warum kommen Sie nach Dortmund?“ Das hat mich am meisten gewundert. Die Menschen sehen die Schwachstellen der Stadt, aber gleichzeitig gibt es eine so tiefe Liebe und Heimatverbundenheit, wie ich so anderswo noch nicht erlebt habe.  

Sie wird immer mehr eine werden. Wollen und müssen. Wenn sich hier Firmen ansiedeln wollen, kommt die Frage nach einem Kindergartenplatz, nach einer Jungen Oper und nach einem anständigen Stadttheater. Insofern ist Kultur eben auch keine freiwillige Leistung, sondern eine zentrale Stadtentwicklungsaufgabe.  

Am meisten Leute habe ich gesehen am Borsigplatz, als wir länger da gedreht haben. Die Menschen hier  unterscheiden sich von allen, sie ich sonst so sehe in anderen Städten. Die Düsseldorfer sind ja sowieso sehr speziell - wobei die auch sehr freundlich sind. In Düsseldorf und München sind alle hübsch und blondiert. Die Leute hier waren nicht hübsch und kamen mir sehr pragmatisch vor. Ich kann nicht über den Dortmunder an sich sprechen, mein Eindruck ist, die Menschen müssen hier viel arbeiten, die haben es nicht einfach. Das sind Menschen, denen man anmerkt, dass ihnen das Leben nicht in den Schoß fällt. Eine schöne Sache war, als wir ganz am Anfang am Bahnhof Pressefotos gemacht haben, kam eine Frau, stellte sich neben Jörg und sagte: „Dortmund immer lachen.“ Das fanden wir so herrlich, so sind wir hier aufgenommen worden. Aber das sind nur Eindrücke, so viele Dortmunder kenne ich ja nicht.  

Sie haben ja als Zeitung geholfen, dass ich an einem meiner ersten Tage in der Stadt gleich 80000 im Stadion kennen lernen durfte. Da kommt quasi ganz Dortmund als Gelbe Wand auf dich zu. Das vergisst man nie. Das ist ein Moment, wo du weißt, wo du bist. Der Fußball ist zurzeit das soziale Integrationsmodell. Das versuchen wir auch in der Oper. Wenn sie sich elitär gibt,  hat Oper keine Chance, sie muss für alle da sein. Und wenn deine fünfjährige Tochter morgens plötzlich weinend am Tisch sitzt und sagt „Die dürfen den Mario Grütze nicht verkaufen. Man darf Menschen nicht verkaufen“, bist du angekommen. Dortmund ist eine Stadt, in der es eine Streitkultur gibt. Auch mit dem Publikum. Hier kann man sich die Meinung ins Gesicht knallen, und dann geht man zusammen ein Bier trinken.  

Er guckt überhaupt kein Fernsehen. Und er hasst es, wenn ich spiele, das findet er ganz schlimm, weil ich mich dann „verstelle“. Er geht nicht gerne hinein ins Theater, aber er kommt immer begeistert wieder raus. Zuletzt hat er mit einem Freund in Dortmund die „Krönung der Poppea“ gesehen, und die beiden kamen zurück und waren wie im Rausch. Er findet in Daniels Inszenierungen für sich immer Geschichten, an die er mit seinen Dingen andocken kann. Daniel inszeniert natürlich auch so, dass er da was finden kann.

Nein, das interessiert ihn nicht.

Er geht in die Oper, und guckt kein Fernsehen. Wenn das am Ende rauskommt, finde ich das super.

Er guckt wirklich wenig Fernsehen, er kennt  bestimmt mehr Opern  als deutsche Filme.

 Mein Lieblingssatz ist „Oper ist so einfach zu verstehen wie ein Fußballspiel“. Die Angst ist ja immer, dass die Leute glauben, dass Oper was Schwieriges ist. Das ist sie mitnichten. Ich erzähle Oper und überhaupt Theater gerne wie einen Krimi, mit den Hitchcock’schen Grundelementen, also Spannung, Überraschung, Drehpunkte, Umkehrpunkte und Fallhöhe. In traurigen Stücken sollte man sehr glücklich anfangen, mit einer sehr fröhlichen Party, und dann kann man den Figuren richtig mitspielen. Ich habe sehr viel Hitchcock studiert, und das bringt für meine Opernarbeit schon sehr viel. Ich sehe sehr viele Serien-Staffeln aus Amerika, also „Homeland“. Da gibt es realistische, gesellschaftsnahe, komplexe Figuren. Da kann man über Theater mehr lernen als in manchen Theateraufführungen.  

Tatsächlich war es so, dass ich unterfordert war im Sinne von ich bin dauernd dabei, hab aber keine Aufgabe. Beim „Kriminalisten“ waren wir ein wirklich tolles Team. Damals hab ich noch nicht so viel gedreht, und dachte, wir sind ein tolles Dreiergespann.  Entwickelt wurden aber die Geschichten für Christian (Christian Berkel als Hauptkommissar Bruno Schumann) und nicht für uns. Ich war davon völlig schockiert, aber es hat dazu geführt , dass ich beim Tatort gesagt habe: Das passiert mit nicht nochmal. Wenn ich überhaupt noch mal in eine Reihe mache, dann muss die Figur von mir in Eigenarbeit so vorbereitet sein, dass sie für mich interessant ist, egal, was sie denn zu spielen kriegt. Ich wäre aber auch hier wieder ausgestiegen, wenn ich gemerkt hätte, das funktioniert nicht. Beim Tatort ist der Jörg der Chef und über ihn laufen auch die anderen Figuren, aber es war ganz klar, dass  Martina Bönisch eine eigene Farbe hat. Und ich habe einen Partner mit dem Jörg, mit dem das unglaublich gut funktioniert. Das ist ein großes Glück.  

Am meisten sprechen  mich die Leute beim Einkaufen an, aber immer sehr nett und sehr höflich und zurückhaltend. Wenn mich mal jemand erkennt, finde ich das sehr schmeichelhaft. Wenn nicht, hab ich meine Ruhe, und das ist auch schön.  

Ich spiele zurzeit gar kein Theater, leider. Ich vermisse das Theater total und das wird auch immer schlimmer mit jedem Jahr, das verstreicht. Aber es war eine sehr bewusste Entscheidung, zu sagen, jetzt ist noch mal eine Familienrunde. Und einer am Theater reicht einfach, mein Mann ist ja  am Theater Düsseldorf.  

Wenn würde ich den Daniel besuchen mit seiner Familie. Orte in der Stadt zu besuchen, dazu bin ich bisher leider nicht gekommen.

Ich mag den Rombergpark, den Westfalenpark und das Froschloch-Freibad in Hombruch.  Da gehen wir mit der Familie oft hin. Und ich mag die Orte, wo ich jogge und Fahrrad fahre.

Ja, ich war auch überrascht, wie grün es im Ruhrgebiet dann doch ist.

Diese ganzen Emscher-Renaturierungsmaßnahmen sind vorbildlich.  

 Den Opernvorplatz. Beim Polizeifest letzten Samstag hat man gesehen, wie schön es ist, wenn er lebt. Beim Theaterfest am 14. September  wird das wieder so sein. Das könnte ein toller Ort werden, wenn man ihn gestalten und dort Gastronomie schaffen würde. Aber da sind wir auch in Gesprächen.  

Im Herbst wird der Tatort vom Phoenixsee gesendet. Die vierte Folge wird erst 2014 gesendet.

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