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Schauspiel Dortmund

Wenn die Welt in Splitter zerfällt

DORTMUND Feierlich ziehen sie um die Häuser, sie singen Tuxedomoons "In A Manner Of Speaking": "Lass mich einen Weg finden, Dir alles zu erklären." Wir sehen den Gedenkmarsch einer Trauergemeinde, die den Glauben an eine gute und gerechte Welt zu Grabe trägt.

Wenn die Welt in Splitter zerfällt

Das preiswürdige Bühnenbild von Michael Sieberock-Serafimowitsch zeigt eine Zimmerflucht detailliert ausgestatteter Wohnwaben, die von der Prozession und einer Kamera umrundet werden.

"Die Borderline Prozession", am Freitag im Megastore des Schauspiel Dortmund uraufgeführt, ist nicht weniger als der Versuch eines Welt-Panoramas und Lebens-Panoptikums. Ein dreistündiger Theater-Brocken von Kay Voges (auch Regie), Dirk Baumann und Alexander Kerlin.

Fragmentarisierung

Beherrschendes Thema ist die Fragmentarisierung unserer Wirklichkeit, das Mosaik einer Realität, in der Privates und Politisches, Heimeligkeit und Horror sich vermischt haben.

Krieg, Gewalt, Elend sind in medialer Berieselung zur Normalität geworden, Teil unseres Alltags. Wir stecken in den kleinen Kämmerchen unserer Existenz, geschlagen mit einer beschränkten Wahrnehmung, die das ganze Bild nicht erfassen kann und nicht erfassen will.

Preiswürdiges Bühnenbild

Das preiswürdige Bühnenbild von Michael Sieberock-Serafimowitsch zeigt eine Zimmerflucht detailliert ausgestatteter Wohnwaben, die von der Prozession und einer Kamera umrundet werden. Garten, Whirlpool, Fitnessraum, Küche, gute Stube, Schlafzimmer, Bad. An der Rückfront ein Sadomaso-Studio, eine Bushaltestelle, ein Kiosk. Was drüben passiert, sehen wir als Live-Video, später wechselt das Publikum auf die andere Seite.

Schauspieler lösen sich aus der Prozession und bevölkern die Szenerie. Ekkehard Freye posiert im Tanga, Uwe Schmieder ist der Tourist mit Stadtplan, die Hure setzt sich einen Schuss, ein Kind schaut zu, Andreas Beck schält Zwiebeln. "Wo kommen all die einsamen Leute her?", erklingt "Eleanor Rigby" als eines von vielen Liedern.

Vor unseren Augen wird geduscht, geschmust, gestritten, masturbiert und gestorben. Normalität. Soldaten vergewaltigen eine Frau, Schüsse peitschen durch die Halle. Wen kümmert’s, wir sind an solche Bilder gewöhnt.

Collage aus Zitaten

Vom Text her ist das Stück eine Collage aus Zitaten, auf Leinwand zu lesen, nachgesprochen oder im Originalton: Brecht, Balzac, Nietzsche, Bukowski, Jonathan Meese (haha!), Tocotronic, AfD und Frauke Petry.

Es gibt viel zu sehen, viel zu hören und durchaus einiges zu verstehen. Wer bloß schaue, wie die Welt sein könne, und nicht wie sie ist, der müsse verzweifeln, so Machiavelli.

"Die Borderline Prozession" setzt der Verzweiflung einen vielstimmigen, superb orchestrierten "Chor" aus Text, Bildern, Musik entgegen. Die Zitaten-Flut ist hoch dosiert bis an die Schmerzgrenze, will wohl Stachel im Sitzfleisch des Zuschauers sein.

Sehenswert

Die Bilder aber haben es in sich - Major Tom mit Astronautenhelm in der Küche, 15 Lolitas, die Napoleon an der Bushaltestelle aufbahren, der SS-Mann, dem beim Hitler-Gruß der Arm abfällt. Das ist politisch, das hat Biss und trocken bösen Witz, der Bühnenaufbau ist schlicht sensationell.

Ein Stück, von dem man in Jahren noch sprechen wird. Anstrengend, aber sehenswert.

Termine: 22./28.4, 8./ 14./29.5., Karten: Tel. (0231) 5027222.

 

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