Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Wie Phönix aus der Asche: Das neue Ruhr Museum

ESSEN Einst wurde hier die Kohle gewaschen, dann sortiert und angereichert. Das soll auch mit den Besuchern des zukünftigen Ruhr Museums passieren. Der Kopf wird zwar niemandem gewaschen. „Aber wir unterziehen das Wissen der Besucher doch einer Sortierung und Anreicherung“, sagt Ulrich Borsdorf.

von Von Bettina Jäger

, 07.08.2008

Borsdorf (63) ist der Mann, der das Ruhr Museum aufbaut. Eine Mammutaufgabe. 4700 Quadratmeter Ausstellungsfläche müssen gestaltet, 5000 Exponate eingeräumt werden. Wenn alles gut geht, soll im Oktober 2009 die ständige Ausstellung eröffnen – kurz vor dem Start der Kulturhauptstadt.

Klappen muss das. Denn das Museum entsteht in der Kohlenwäsche auf der Essener Zeche Zollverein. Und im gleichen Gebäude, am Eingang in 24 Metern Höhe, wird sich auch das größte Infozentrum der Kulturhauptstadt befinden. Die Rolltreppe wird also hoffentlich Unmengen von Besuchern hinaufbringen. „Davon möchten wir schon unseren Teil haben“, betont Borsdorf. „Wenn jemand unser Haus besucht, wird er anschließend wissen, wie das Ruhrgebiet zu dem geworden, was es jetzt ist.“ Noch herrscht fast sakrale Ruhe in den hohen Räumen. Gigantische Maschinen stehen für immer still. Riesige leere Trichter machen beim Hineinschauen schwindelig. Später sollen sie Exponate aus der Erdgeschichte aufnehmen. Wie spektakulär dieses Ruhr Museum werden wird, lässt sich ahnen.

Mit einem Gestaltungsetat von 7,6 Millionen Euro wollen Borsdorf und seine zwölf Wissenschaftler vom Schicksal des Reviers erzählen. „Gegenwart“, „Gedächtnis“ und „Geschichte“ heißen die drei Etagen. Im ersten Teil werden den Besucher rund 600 Fotos erwarten. Dann kommen typische Phänomene: Industriebrachen, Fußball, Kioske (das komplette Inventur eines „Büdchens“), ausgemusterte liturgische Geräte. „Es ist eine Ironie der Kulturgeschichte, dass nach den Fabriken nun auch die Kirchen schließen müssen“, seufzt Borsdorf. Das „Gedächtnis“ wird der kollektiven Erinnerung huldigen – mit bewegenden Exponaten wie einem Weckglas voller Wasser. Eingemacht im Zweiten Weltkrieg von einer Essenerin, die Angst hatte, kein sauberes Wasser für ihre gerade geborenen Zwillinge zu haben. Einzelne Kohlebunker werden den Städten gewidmet sein. Dortmund als Hansestadt und Bochum mit dem Dichter Carl Arnold Kortum als Stadt der Aufklärung stehen jeweils für ein Jahrhundert Revier-Geschichte. Der Industrialisierung bereitet das Museum dann in der untersten Etage die Bühne – als „Schauspiel in fünf Akten“. Eine Spielwiese für den Gestalter HG Merz, der schon das Mercedes-Museum in Stuttgart veredelte.

Der letzte Blick geht ins Depot. Ein ausgestopfter Bär bleckt die Zähne, vom Mammut blieben nur Knochen. Irgendwo dürfte wohl auch die Arbeiterküche stehen. Sie war der Inbegriff des Essener Ruhrland-Museums, aus dem das Ruhr Museum nun neu hervorgeht. Komplett aufgebaut wird sie nicht mehr. „Es tut mir selbst in der Seele weh“, gibt Borsdorf zu. „Aber die museologische Welt hat sich verändert.“  Ein paar Federn wird das Ruhrland-Museum also lassen müssen, bevor es als Ruhr Museum wie Phönix aus der Asche steigt. In Sachen Regionalmuseum dürfte der Bau trotzdem Maßstäbe setzen.