Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Wie waren die 1980er Jahre im Ruhrgebiet wirklich?

Toller Bildband

Das Jahrzehnt war fröhlich, bunt und poppig. Das wollen uns jedenfalls Nostalgie-Sendungen im Fernsehen weismachen. Der Ruhrgebiets-Bildband „Woanders is auch scheiße!“ ist dagegen richtig ehrlich.

Essen

, 06.07.2018
Wie waren die 1980er Jahre im Ruhrgebiet wirklich?

Dieses Trio wartete in Gelsenkirchen auf die Straßenbahn. Die Damenmäntel sind ganz typisch für die Zeit. © Reinhard Krause

Der bekannte Spruch von Frank Goosen hat dem Buch des Fotografen Reinhard Krause den Namen geliehen. Und der Autor und Kabarettist Goosen gibt in seinem treffsicheren Vorwort auch die Richtung vor.

Wie waren die 1980er Jahre im Ruhrgebiet wirklich?

Fotograf Reinhard Krause (r.) übergab Frank Goosen, der das Vorwort geschrieben hat, einen der ersten Bände. © Reinhard Krause

Er schreibt: „In der konfektionierten Erinnerung der Kinofilme und Fernsehserien sind die Achtziger ein quietschbuntes, neonfarbenes Jahrzehnt voller naivem Hedonismus (Vergnügen und Lust, d. Red.), aber es war auch ein Jahrzehnt, in dem vieles zu Ende ging.“ Denn die Wirklichkeit sah – vor allem im Ruhrgebiet – anders aus. Goosen: „Da sind diese Kriegsgesichter, die noch wissen, was echte Angst und richtiger Hunger sind. Und auch die aussterbende Gattung der Männer mit Hüten, alte Frauen in schmucklosen Mänteln, die Mundwinkel wollen immer runter zum Kinn.“

Mit Anzug und Krawatte

Auch Reinhard Krause (58) erinnert sich differenziert an ein Jahrzehnt, in dem er in Essen wohnte, aber ständig und überall fotografierte. „Die ältere Generation war anders gekleidet“, erzählt er. „Mein Vater ging sogar in der Freizeit nur mit Anzug und Krawatte raus.“ Die Damen schichteten derweil die Wühltische im Kaufhaus um – immer auf der Jagd nach Schnäppchen, aber stets korrekt gekleidet mit Hut oder Pelzmütze. Gerne auch mit dickem Brillengestell. Oder sie trugen bei schlechtem Wetter Folienhäubchen über der Dauerwelle.

Wie waren die 1980er Jahre im Ruhrgebiet wirklich?

Den Adonis mit Pilotenbrille lichtete der Fotograf im 1982 im Essener Grugabad ab. © Reinhard Krause

Krauses Bilder zeigen Schlagerbands (ganz in Weiß), eine Unterwäsche-Modenschau (alles Baumwolle), Telefonkabinen in der Post (längst verschwunden) und die Autowäsche am Straßenrand (längst total verboten). Oder die Wahl zum Mister Rüttenscheid 1984. Unübersehbar: die Goldkettchen! Das Jahrzehnt davor hatte Hochhaus-Siedlungen gebracht, die wir heute als brutal empfinden, aber das alte Duisburg-Bruckhausen war damals noch da.

Der Aufbruch gegen das Grau

Reinhard Krause hat vor allem die Jugend fotografiert – zwei Mädchen mit Tolle auf der Cranger Kirmes, Tänzer in der Diskothek „Sigi´s Kalei“, wo er Stammgast war. Als trübe habe er die Zeit nicht empfunden, sagt er. Aber nur Flackerlicht und Abba-Frohsinn sei es eben auch nicht gewesen. „Es war ein Aufbruch gegen dieses Grau“, sagt er. In der Szene spielten Künstler wie Helge Schneider eine wichtige Rolle, soziokulturelle Zentren wie die Zeche Carl in Essen wurden gegründet. 3000 Filme hat Krause zu der Zeit belichtet und einige 1000 Dias gemacht. Er fotografierte mit kleiner Ausrüstung – mit einer Nikon oder einer Minox – für Tageszeitungen, den „Stern“ oder den „Spiegel“.

Fotos trafen einen Nerv

Dann verstaubten die Negative jahrzehntelang in Umzugskartons – bis er Fotos bei Facebook einstellte. Es sei gar kein kommerzielles Projekt gewesen, aber die Motive trafen einen Nerv. „Dafür haben sich plötzlich viele Leute interessiert.“ Schließlich kam der Kölner Emons-Verlag auf ihn zu und vermittelte den Kontakt mit Frank Goosen. „Unsere Sichtweise auf die Zeit ist sehr ähnlich“, so Krause, der seine Fotos inzwischen ans Ruhr Museum gegeben hat: „Da sind sie gut aufgehoben.“

Krause hat später richtig Karriere gemacht. 1989 ging er zur Nachrichtenagentur Reuters, fotografierte in Israel, China und Indien. Heute sichtet und kanalisiert er nach sechs Jahren in England als „Global Picturesdesk Editor“ (Bildredakteur) in Berlin die weltweite Bilderflut.

Reinhard Krause: „Woanders is auch scheiße!“, Emons Verlag, 240 Seiten, 35 Euro, ISBN 978-3-95451-0231-8.