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Mülheimer Theatertage "Stücke"

Wolfram Hölls "Und dann" ist ein düsterer Mummenschanz

MÜLHEIM "Ein Vater, zwei Kinder, drei Verlierlinge, vier Plattenbauten, eine Mauer, die keine mehr ist." Leitmotivisch kehren die Sätze wieder, sie stecken ein Sujet ab: Familie, deutscher Osten, genormte Wohn-Tristesse nach der Wende.

Wolfram Hölls "Und dann" ist ein düsterer Mummenschanz

Die Darsteller tragen groteske Wasserköpfe.

Eine Handlung gibt es nicht in Wolfram Hölls "Und dann", vom Schauspiel Leipzig bei den Mülheimer "Stücken" gespielt. "Und dann" ist ein Bewusstseinsstrom, Erinnerungen und Realitätssplitter, reportiert aus der Warte eines Kindes.

Das erschließt sich nicht gleich, zuerst ist man ratlos ob des krude bildhaften Plappertons, der anfangs zum Quäken einer Micky Maus verfremdet ist. Claudia Bauer (Regie) verstärkt das Surreal-Beklemmende, wenn die Darsteller groteske Wasserköpfe tragen und Papier essen, das dadaeske Knispelgeräusche macht.Erinnerungen eines Kindes Ein Kind erinnert sich, wie es war, damals in der Platte, an der Panzerparaden-Straße, mit Russen, die gingen, und Deutschrussen, die kamen. Ossi-Land, gefühlt: wir "Verlierlinge" im Waschbeton.

So wenig, wie das Kind versteht, was um es herum passiert, so wenig erschließt sich das Stück über den Verstand. Dieser Fiebertraum aus kindlicher Angst und Verlorenheit artikuliert ein Bauchgefühl und will über den Bauch aufgenommen werden. Irritierend

Inszenierung (mit Live-Video) und Sprache (knapp, rhythmisiert, repetiert) haben etwas Quälendes. Das offene Wohn-Geviert auf der Bühne erinnert an einen Käfig.

Rechts ein Apparat, Papas Funkgerät, der "Kasten mit 1000 Stimmen". Einen Filmprojektor gibt es, er wirft das Bild der abwesenden (toten?) Mutter an die Hausfassade.

Hase, Teufel, Pittiplatsch (eine Puppe im Ost-Fernsehen) schauen als Nachtgespenster vorbei. Irritierend düsterer Mummenschanz. Ein Stück Exorzismus, mit dem Wolfram Höll die Geister seiner Kindheit austreibt?

Im Wettbewerb geht es weiter mit „Alltag und Ekstase“ von Rebekka Kricheldorf als Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin am 27./28.5. ab 19.30 Uhr im Studio der Stadthalle Mülheim. Dort läuft dann am 31.5./1.6. ab 19.30 Uhr „Das Archiv des Unvollständigen“ von Laura de Weck. Karten an allen CTS-Vorverkaufsstellen oder unter Tel. (01805) 57 00 00.

 

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