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Kinder und Senioren spielen zusammen Theater und lassen den Pfarrer zur bösen Hexe werden

rnTeilhabe am Leben

Kindergartenkinder und Senioren spielen Theater. Dabei lernen sie viel mehr als nur ein Stück aufzuführen. Die Freude vor jedem Treffen ist bei allen groß. Jetzt kommt noch Nervosität dazu.

Legden

, 07.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Mit ausgestreckten Armen stehen die alten Menschen da, alten Bäumen mit knorrigen Ästen gleich, man sieht es förmlich vor sich. Zu ihren Füßen kauern kleine Kinder, recken sich langsam, wachsen, werden zu jungen Bäumen. „Sehr schön“, sagt Michael Rieck, „aber achtet auf freie Flächen auf der Bühne.“ Doch Ida, Mia und Johanna flitzen schon fröhlich zu ihren Stühlen. Die nächste Szene wartet schließlich.

Agatha Wiynck beobachtet alles. Es ist ihre Lieblingsszene, wie die Leiterin des Kindergartens St. Martin sagt: „Da geht mir das Herz über.“ Seit Anfang September treffen sich acht Kindergartenkinder und acht Senioren, von denen sechs im Altenwohnhaus St. Josef wohnen, an jedem Mittwoch. Sie haben erzählt, haben zusammen Lieder gesungen und gespielt. Jetzt am Ende ist eine kleine Bühnenfassung entstanden. Premiere ist am Dienstag, 11. Dezember, um 16 Uhr in einer öffentlichen Aufführung im Altenwohnhaus am Trippelvoetsweg. Zwei Tage später werden sie dann noch einmal im Pfarrheim bei der Adventsfeier der Seniorengemeinschaft auftreten.

Netzwerk Teilhabe am Leben

„Erzählst du mir – spiel ich mit dir“: Das steht als Motto über dem Gemeinschaftsprojekt. „Wir gehen öfter mit den Kindern ins Altenwohnhaus“, sagt Agatha Wiynck. Da lag die Idee nahe, ein Projekt mit dem Netzwerk Teilhabe am Leben zu starten. Dazu waren alle interessierten Senioren und alle Legdener Kindergartenkinder eingeladen. Gemeldet, so erzählt Agatha Wiynck, haben sich Kinder dann aber nur aus ihrem Kindergarten am Lerschweg. Dank der Förderung durch die Initiative Medien- und Kulturarbeit des aktuellen forums Volkshochschule e.V. (IMKSA) konnten die Sozial- und Theaterpädagogin Gudrun Jorzig und der Theaterpädagoge Michael Rieck engagiert werden.

Kinder und Senioren spielen zusammen Theater und lassen den Pfarrer zur bösen Hexe werden

Acht Kinder und acht Senioren machen Theater und spielen eine Szene aus Hänsel und Gretel. © privat

Jedes Treffen beginnt mit der Begrüßung reihum. „Guten Morgen Ida“, „Guten Morgen Willi“. Alle hier nennen sich beim Vornamen. „Die Kinder freuen sich schon“, erzählt Agatha Wiynck. Als beim Martinsmarkt in ihrem Kindergarten Willi Schröer als Gast auftauchte, wurde er mit großem Hallo begrüßt.

Jetzt kurz vor der Aufführung aber ist Konzentration gefragt. Während Agatha Wiynck die Geschichte vom Igel Pieks erzählt, müssen alle aufpassen und auf ihren Einsatz warten. Rassel, Schüttelrohre, Klanghölzer oder Triangel: Jeder hat ein Instrument, mit dem die verschiedenen Tiere des Waldes, das Rauschen der Blätter und der Wind Klänge und Töne bekommen.

Der Prozess ist genauso wichtig wie das Produkt

Michael Rieck beobachtet alles aufmerksam. „Schaut mal, wo ihr steht“, sagt er jetzt. „Sucht euch eine freie Stelle, dann werdet ihr gesehen. Und das ist ja das Schöne am Theater, dass man gesehen wird.“ Für den Theaterpädagogen ist der Prozess der Theaterarbeit genauso wichtig wie das Produkt am Ende. „Ältere Menschen werden jünger im Umgang mit Kindern. Und Kinder erleben ältere Menschen in anderen Lebenszusammenhängen, anders als bei Opa und Oma“, sagt er. Er kann sich bei diesen Sätzen auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse berufen. Kinder wie Erwachsene entwickeln Selbstbewusstsein, nehmen sich selbst anders wahr. Und dass Menschen lebenslang lernen können, ist ja sowieso klar.

Das sieht auch Willi Schröer so. „Ich finde es gut, wenn die ältere und die jüngere Generation etwas zusammen machen“, sagt er. Der ehemalige Leiter der Brigidenschule fühlt sich an früher erinnert. „Mit Kindern zusammen zu sein, hat mir immer viel Freude gemacht.“

Kinder und Senioren spielen zusammen Theater und lassen den Pfarrer zur bösen Hexe werden

Pfarrer Hermann Hinse darf als Hexe auch mal richtig böse werden. © Ronny von Wangenheim

Hermann Hinse ist auch dabei. Ein Kopftuch umgebunden und schon wird der 92-jährige Pfarrer zur bösen Hexe, die Hänsel in seinem Backofen braten will. „Kontakt zwischen den Generationen ist sehr wichtig, weil heute in unserer digitalen Welt das Persönliche zu kurz kommt“, sagt er. Wenn man ihm zusieht, ist klar, dass er auch einfach mitmacht, weil es so viel Spaß macht, eine alte Hexe zu spielen.

Üben für den Schlussapplaus

Die anderen Senioren meutern dafür gerade. Lange die Arme hoch halten, um das Hexenhaus zu bilden, ist anstrengend. Gut, dass das auch Saskia Lange so sieht. Die Leiterin des Sozialdienstes am Altenwohnhaus St. Josef findet es mindestens genauso schwer. Aber immer werden praktikable Lösungen gefunden. Die beiden Damen im Rollstuhl bleiben einfach auf der Bühne, wenn die anderen abgehen. Und das Hexenhaus wird erst gebildet, wenn der fünfjährige Alexander auf der Flöte das Hänsel-und-Gretel-Motiv spielt. „Ihr könnt das zuhause üben, davon bekommt ihr Muckis“, rät Michael Rieck. Alle lachen. Maya, Fabien, Karim und Malte haben mit den Armen keine Probleme und düsen wieder über die Bühne. Doch noch einmal müssen sie sich konzentrieren. Denn auch der Schlussapplaus will geprobt sein.

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